Berlin : 300 Jahre Preußen: Der alte Adel ist noch aus Fleisch und Blut

Thomas Loy

Auf "Allerhöchsten Befehl" traf man sich 1901 in Berlin. Der Kaiser hatte zur Zweihundertjahrfeier des Krönungsaktes von 1701 eingeladen, und zwar die "Vertreter derjenigen Familien, welche im Herzogthum Preussen bereits am 18. Januar 1701 angesessen gewesen sind." Diese Familien, die Fürsten zu Dohna, die Grafen Finckenstein, die Grafen Dönhoff, die von Kuenheims und von Kalcksteins, waren ihm ans Herz gewachsen, kamen sie doch auch aus dem "Stammlande" des preußischen Königtums. Ihre Vorfahren hatten dem ersten preußischen König Friedrich I. gehuldigt. Gemeinsam erfreuten sich Herrscher und Gefolgsleute des Vaterlandes Macht und Einheit "in ungeahntem Glanze".

100 Jahre später ist Preußen nur noch ein Geist, der zu Jahrestagen und historischen Ausstellungen aus seiner Gruft kriecht. Der preußische Adel ist abgeschafft, aber die preußischen Familien sind noch aus Fleisch und Blut. Am Mittwochabend trafen sich 200 Nachfahren der ostpreußischen Großgrundbesitzer im Opernpalais, um ihres Stammlandes zu gedenken, Jugenderinnerungen auszutauschen und sich kennenzulernen.

Die meisten reisten aus den ehemals preußischen Landesteilen an, nur wenige aus dem Ausland. Der 300. Jahrestag der Krönung war als amüsante Reminiszenz gedacht, auf keinen Fall als politische Manifestation, so Organisator Hans Graf zu Dohna. Ein historisches Treffen zwar, aber ohne jede historische Bedeutung. Jedenfalls erwies sich der Termin als überaus zugkräftig. Vor rund einem Jahr fiel Graf zu Dohna eine Reproduktion eines Gemäldes in die Hand, das 1901 angefertigt worden war - ein Gruppenbild mit 39 Herren und einer Dame, darunter zwei zu Dohnas und der Vater von "Zeit"-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, Graf August von Dönhoff, Oberburggraf im Königreich.

In akribischer Recherche wurden die Nachfahren der bärtigen Honoratioren ausfindig gemacht und zu einem zweitägigen Berlin-Besuch mit Besichtigung des Schlosses Oranienburg, Gottesdienst im Dom und Empfang im Palais am Festungsgraben eingeladen. Auch Seine Kaiserliche Hoheit Prinz Wilhelm-Karl von Preußen gab sich die Ehre.

"Preußen ist tot"

Eigentlich sei es ein Familientreffen, sagt Haug von Kuenheim, 1934 in Ostpreußen geboren. Viele seien zwar verwandt, würden sich aber nicht kennen oder hätten sich lange nicht gesehen. Der "Zeit"-Redakteur fühlt sich als Hamburger und Ostpreuße zugleich. Man sei mit der Landschaft sehr verbunden, mehr auch nicht. Die Ostpreußen seien als Flüchtlinge gezwungen gewesen, nach vorne zu sehen. Von Kuenheim gesteht: "Preußen ist tot."

Aber mit der Familiengeschichte ist es noch einmal etwas anderes, zumindest bei Hans Graf zu Dohna. Er hat ein Buch über seine Vorfahren geschrieben und erinnert sich noch gut an die Jugendtage in den 30er Jahren. Seine Großmutter schickte zu Kaisers Geburtstag immer Glückwunschtelegramme ins holländische Doorn, wo Wilhelm II. im Exil lebte. Zurück kam jedesmal ein Dankestelegramm. Ostpreußische Königstreue. Die Dohnas hatten schon dem Großen Kurfürsten gedient und wurden später dann auch noch in den Fürstenstand erhoben. Vom Schloss derer zu Dohnas, gelegen in der heutigen russischen Exklave um Kalinigrad, ist nur noch der Park übrig geblieben. Doch das ist mehr als man denkt. Hans Graf zu Dohna, inzwischen Mitte 70, kann bei Heimatbesuchen Wiedersehen mit jedem einzelnen Baum feiern, und die verklärten Erinnerungsbilder aus alter Zeit wurden nicht durch hässliche Neubauten verstellt. Trotz aller Verbundenheit hält sich Graf zu Dohna von der organisierten Landsmannschaft der Ostpreußen fern.

Eine feste Einrichtung soll das Treffen der adligen Nachkommenschaft nicht werden, versichert Gräfin Dönhoff. Man plane auch keine Vereinsgründung in memoriam Borussiae. Vielleicht kommen die Enkel und Urenkel in 100 Jahren wieder zusammen. Schön wäre das, aber von heute aus kaum zu steuern, flunkert Hans Graf zu Dohna. Vielleicht gibt es im richtigen Moment ja wieder einen Allerhöchsten Befehl.

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