Berlin : 32-Jähriger konnte es nicht verwinden, dass ihn seine Frau verlassen hatte

Katja Füchsel

Die Spieler tauchen in eine Art Traumwelt ein, in der es gilt, immer wieder neue Abenteuer zu bestehen, Kriege zu gewinnen und Fabelwesen zu bezwingen. Sven K. und seine Frau verbrachten Monate in dieser Welt. "Schlafen, arbeiten, spielen. . .", beschreibt der 32-Jährige den Tagesablauf. Als der Feingerätemechaniker dann vor eineinhalb Jahren entlassen wurde, wurde zumindest sein Alltag noch eine Spur eintöniger: Schlafen oder "Meridian 59" spielen, lautete fortan die Alternative.

Heute scheint Sven K. die eher moderne Form des Ehetrotts zu bereuen. "Wir haben uns dadurch entfremdet", sagt der Angeklagte im Moabiter Kriminalgericht. Dennoch sei er völlig überrascht gewesen, als ihn seine Frau Anfang des Jahres endgültig verlassen wollte. Auch Wochen später konnte er sich offenbar nicht mit der Trennung abfinden. Als die 38-Jährige am 12. März ihre Post abholen wollte, drehte Sven K. durch. Laut Anklage stach er mit zwei Küchenmessern "etwa 20 Mal" auf die junge Frau ein. Dann setzte er sich an einen seiner fünf Computer, um eine Nachricht an die "Meridian"-Mitspieler zu schreiben: Kerstin ist tot, ließ er die anonymen Freunde wissen und kündigte seinen Selbstmord an. "Vergesst nicht, das ist ein Spiel! Lasst Euer real life draußen!" verabschiedete er sich.

"Nachdem ich die E-Mail gelesen hatte, habe ich sofort den Notruf verständigt", sagt Dirk T. Mit dem 36-jährigen Computer-Spezialisten war Kerstin L. zusammengezogen, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte. Dirk T. hatte sie - wie auch sonst? - beim Spielen kennengelernt. Nächtelang habe man sich im Internet ausgetauscht und später auch virtuell geheiratet. Von der "Trauung" wußte Sven K. "Auch ich habe in dem Spiel eine andere Frau geheiratet, die ich später auch in Hamburg besucht habe", sagt er.

Glaubt man der Version von Sven L., geriet seine echte Ehe ins Trudeln, nachdem er seiner Frau den Kinderwunsch nicht erfüllen konnte. "Bei so einer Diagnose: Da fühlt man sich wie behindert." Als Kerstin L. nach sechs Ehejahren schließlich auszog, versprach die Arbeitsamt-Angestellte, ihren Mann mit 700 Mark weiterhin zu unterstützen. "Aber mein Anwalt sagte, daß ich 900 Mark kriegen müßte." Davon habe er auch seine Frau unterrichtet, als sie am 12. März ihre Post abgeholt habe. "Sie hat gegrinst und gesagt: Das Geld kriegst du nie. Eher gehe ich auf Teilzeitbeschäftigung oder lass mir ein Kind machen." Bei diesen Worten habe er rot gesehen, zum Messer gegriffen. . .

Nachdem Sven K. seine E-Mail abgeschickt hatte, fuhr er in ein Waldstück in der Nähe von Königs Wusterhausen. "Ich wollte mich umbringen", sagt Sven K. Diesen Plan hatte er per Handy auch seinen Verwandten, Freunden und der Polizei mitgeteilt. Ob es ihm damit ernst war, bleibt ungewiß. Optimal vorbereitet hatte er seinen Freitod jedenfalls nicht: Statt Schlaf- schluckte er Schmerztabletten hinunter. Und auch seine Waffe konnte den vorsitzenden Richter nicht beeindrucken. "Eine Schreckschußpistole. Wie wollten Sie sich denn damit umbringen?"

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