Berlin : 38,7 Grad – nie war es heißer

Freibäder melden ungewöhnlichen Besucheransturm und erhitzte Gemüter Hohe Luftfeuchtigkeit, Temperaturen und Ozonwerte setzen den Berlinern zu

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Kopf an Kopf. Im Prinzenbad war am Sonntag auch im Wasser kaum mehr ein Platz zu finden. Berlins neuer Hitzerekord trieb die Menschen in die Bäder. Die meisten störte es nicht, Körper an Körper mit dem Nachbarn zu liegen. Besser als zu Hause zu schwitzen, meinten viele. Foto: David von Becker
Kopf an Kopf. Im Prinzenbad war am Sonntag auch im Wasser kaum mehr ein Platz zu finden. Berlins neuer Hitzerekord trieb die...

Sie gehen nahtlos ineinander über an diesem Nachmittag in Kreuzberg: Der Menschenstrom, der aus dem U-Bahnhof Prinzenstraße drängt, und die Schlange vor dem Sommerbad. „55 Minuten“, sagt Andrea Bemme, als sie endlich zum Kassenhäuschen vordringt, fast eine Stunde habe sie angestanden in der prallen Sonne, „voll beladen und mit drei plärrenden Gören“. Fünf Capri-Eis und eine große Cola hat sie ihren Söhnen in dieser Zeit spendiert, den Ältesten, Sven, schickt sie jetzt los, damit er der Familie einen Platz reserviert. Kein leichtes Unterfangen für den Zehnjährigen – denn wie der Platz vor dem Eingang ist auch die Wiese gerammelt voll.

13 Uhr war es, als der Deutsche Wetterdienst in Pichelsdorf am gestrigen Sonntag einen neuen Hitzerekord vermeldete: 37,8 Grad, auf den Tag genau 51 Jahre nach dem bisher höchsten jemals in Berlin gemessenen Wert. Im Laufe des Tages sollte das Thermometer sogar noch weiter klettern: 38,7 Grad sollte der private Wetterdienst „Meteomedia“ um 16 Uhr in Kreuzberg messen. Zu Hause hielt es da kaum einen mehr. Die Freibäder erlebten einen Besucheransturm, an die 8000 Gäste waren es laut Bäderbetriebesprecher Matthias Oloew allein im Prinzenbad. „Machen wir uns nichts vor“, sagte Oloew, der am Sonntagmittag selber in der Kreuzberger Freibadanlage zugegen war, „es ist knallvoll.“ Einen Einlassstop wollte man dennoch nicht verhängen, denn: „Wir sind ein Volksbad. Hier darf jeder rein.“

Weil dem so ist, haben sich Marie Vaubel, 35, und Freundin Dunja Kopi, 32, in die hinterste Ecke des Sommerbads verzogen. Sie müsse ihrem Nachbarn ja nicht unbedingt auf dem Schoß sitzen, sagt Vaubel, „wenn es sich irgendwie vermeiden lässt“. Die hohe Handtuchdichte sei nicht jedermanns Sache, „aber man weiß ja, worauf man sich einlässt“, sagt Vaubel, „an einem Sonntag in den Ferien“. Nicht jeder nimmt’s so gelassen wie die beiden Kreuzbergerinnen. Auch für die Schlägerei im Columbiabad am Samstag soll laut Oloew ein Platzkampf der Auslöser gewesen sein.

„Bei der Hitze kochen die Emotionen leider schnell über“, sagt Oloew, die Bademeister überall in der Stadt bestätigen das. „Dieses Wetter fördert Agressionen“, stellt Rettungsschwimmer Rainer Jaekel im Schwimmbad Olympiastadion fest, „die Menschen schwitzen, sie sind entkräftet, ihre Reizschwelle ist viel niedriger als sonst.“ Gerade als er erklärt, dass es bisher noch vergleichsweise ruhig zugegangen sei an diesem Wochenende, reißt ein jugendlicher Besucher seinem Kollegen das Megaphon weg und verschwindet damit, Parolen trötend, in der Menge. „Sowas passiert alltäglich“, sagt Jaekel, „gerade wir Mitarbeiter dürfen uns von sowas, ganz gleich, wie hoch die Temperaturen sind, natürlich nicht erhitzen lassen.“

Zwischenfälle wie der samstägige im Columbiabad, bei dem eine Prügelei solche Ausmaße annahm, dass die Badleitung sich gezwungen sah, das Gelände zu räumen, seien allerdings die absolute Ausnahme, versichert Oloew. „Das ist wirklich das letzte Mittel, eine Eskalation zu verhindern, und bisher sonst noch nirgendwo nötig gewesen.“ Nichtsdestotrotz gehe die Sicherheit der friedlichen Gäste in derartigen Situationen vor, weshalb man dann auch zu jener drastischen Maßnahme gegriffen habe. Festnahmen gab es offenbar nicht, die Streitsüchtigen waren nach den Lautsprecherdurchsagen schnell verschwunden. Die verdrängten Besucher setzten ihr Sonnenbad, soweit gewünscht, in anderen Bädern fort.

Die hohe Luftfeuchtigkeit sowie die erhöhten Ozonwerte ließen nicht nur die Menschen leiden. Im Seggeluchbecken im Märkischen Viertel und im Tempelhofer Hafen gab es ein Fischsterben. Die Wassertemperatur von fast dreißig Grad setzt Fischen zu, weil sich ihr Stoffwechsel dadurch erhöht.

Kreislauf-Probleme machten vielen vorrangig älteren Berlinern zu schaffen. Das Messnetz hatte bereits um 12 Uhr erhöhte Ozonkonzentrationen gemessen. Die gute Nachricht: Polizei und Feuerwehr melden nicht mehr Einsätze als üblich.

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