4. November 1989 : Als der Himmel über Berlin aufbrach

Mutige Reden, Glücksgefühle und ein Stück Pflaumenkuchen vom Top-Spion: Vor genau 25 Jahren demonstrierten Hunderttausende auf dem Alexanderplatz für ein anderes Land. Unser Autor war dabei.

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Gegen die SED. Mit Plakaten wie diesem und Slogans wie „Die Partei hat immer rechter, uns wird immer schlechter“ machten die Menschen ihrem Unmut Luft.  Foto: Jan-Peter Boening/Zenit/laif
Gegen die SED. Mit Plakaten wie diesem und Slogans wie „Die Partei hat immer rechter, uns wird immer schlechter“ machten die...Foto: Jan-Peter Boening/Zenit/laif

Was war das denn nun? Revolution? Konterrevolution? Aufruhr? Ein Tag der Befreiung? Kabarett? Sabotage am „Sozialismus in den Farben der DDR“? Auch nach 25 Jahren kann man die Demonstration hunderttausender Berliner am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz (manche sprechen von 500.000) deuten, wie man will: Auf jeden Fall war sie das erste große öffentliche Happening für Freiheit und Demokratie in Ost-Berlin mit fast fünf hoffnungsvollen Stunden einer neuen Art der Eigenständigkeit des Denkens, ein Wohlfühlbad für den Geist der Veränderung, eine Lehrstunde für den aufrechten Gang und ein Sargnagel für die nicht mehr lange real existierende DDR. Die friedliche Revolution war aus den Kirchen auf den Alex gekommen. Berlin folgte mit einer geballten Ladung vielen anderen Städten, in denen die Einwohner auf die Straßen gegangen waren, um Veränderungen einzufordern. Wie sagte Carl von Ossietzky? „Revolution – das ist ein Anstürmen wider ein morsch gewordenes Haus.“

„Glasnost statt Phrasnost“

Das Anstürmen ging diesmal so: Vor dem „Haus des Reisens“ steht ein zusammengezimmertes Podium auf einem Lkw-Hänger. Dahinter die 23 Redner, davor eine große Menschenmenge. Der Bürgerrechtler Jens Reich hatte da oben „ein beklemmendes Gefühl“, der Berliner SED-Chef Günter Schabowski murmelte, nachdem ihm Friedrich Schorlemmer aufmunternd auf die Schulter schlug: „Ich steige ja nicht aufs Schafott“, und Jungmime Jan-Josef Liefers hatte eine merkwürdige Begegnung beim Warten auf seinen Auftritt: Da kam ein gut aussehender, großer Mann auf ihn zu, zeigte auf ein kleines Tischchen mit Kaffee und Backwerk und fragte: Möchten Sie ein Stück Pflaumenkuchen? „Der jahrzehntelang gesuchte Top-Spion und Geheimdienstchef Markus Wolf bietet mir ein Stück Kuchen an. Da wusste ich: Die DDR war am Ende.“

Sie sind das Volk. So eine große Demonstration für Freiheit und Demokratie wie am 4. November 1989 hatte es in der DDR noch nie gegeben. Angemeldet worden war die Veranstaltung für bis zu 30 000 Teilnehmer. dpa
Sie sind das Volk. So eine große Demonstration für Freiheit und Demokratie wie am 4. November 1989 hatte es in der DDR noch nie...dpa

Am Tag vor Honeckers Rücktritt am 18. Oktober hatte der Schauspieler Wolfgang Holz vom Berliner Ensemble bei der Volkspolizei eine Kundgebung für Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit angemeldet, Initiatoren sind „Kunst- und Kulturschaffende“, am 26. Oktober erhält Holz die Genehmigung für eine „Demonstration mit Abschlussmeeting“ für den 4. November. Thema: „Für die Inhalte der Artikel 27 und 28 der Verfassung“, also für freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit. Als Teilnehmerzahl wird „20 bis 30 000 Personen“ angegeben, 600 Ordner sollen für einen friedlichen Verlauf sorgen. Nur die liberaldemokratische Zeitung „Der Morgen“, deren Redaktion einen guten Draht zu den Initiatoren hat, druckt eine Ankündigung der Demo – die wird zum Lauffeuer. Die Genossen möchten, wie gewohnt, auch diese Sache unter ihrer Kontrolle behalten. Sie mischen sich unters Protestvolk, und manche werden blass beim grandiosen Chor von Volkes Stimme.

„Asterix ins Politbüro“

Es gibt zwei Ebenen: das, was von der zusammengezimmerten Bühne kommt, durch die Lautsprecher dröhnt und mit Beifall oder Pfiffen quittiert wird, und die Plakate, bemalten Bettlaken, Karikaturen, Sprüche – Dichtung, die die Wahrheit spricht. „Die Partei hat immer rechter, uns wird immer schlechter“, „Unsere Herzenssache ist, dass sich Egon Krenz verpisst“. „Glasnost statt Phrasnost“. „Freiheit, Gleichheit, Ehrlichkeit“. „Prima Egon, Wende gehst“. Die Menge skandiert „Wir sind das Volk“, singt „Die Internationale“ oder, wie nach einem gewonnenen Fußballspiel, „So ein Tag, so wunderschön wie heute“.

Als der Himmel aufreißt und die Sonne auf den Alex schielt, ruft der große Chor im Takt: „Rei-se-wet-ter“, „Danke Ungarn“ oder fordert „Asterix ins Politbüro“. Den Gipfel der Satire erreicht jener Bühnenbildner, der ein riesiges Plakat durch die Menge trägt, das unverkennbar einen Egon Krenz mit Schlafmütze grinsend im Bett zeigt: „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ Für solcherart „staatsfeindliche Zusammenrottung“ hätte es gestern noch drei Jahre Knast gegeben. Aber heute ist schon morgen.

So sensationell wie die Volksfantasie waren die meisten der 23 Ansprachen. „Die Rednerliste von Schorlemmer bis Schabowski, von Stefan Heym bis zu Markus Wolf, von Marianne Birthler und Christa Wolf bis zum letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Manfred Gerlach und Gregor Gysi entstand aus dem Wunsch, all jene zu Wort kommen zu lassen, die keine Beton-, sondern Reformköpfe waren – und die etwas Neues wollten“, sagte einer der Organisatoren. Manche Sätze, die da über den Platz hallten, klangen wie Hammerschläge gegen das verknöcherte System und gegen die Mauer. Hier wollen die meisten zur Reise- und Meinungsfreiheit noch eine andere, moderne, von Parteidiktatur befreite DDR.

„Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg!“, ruft Christa Wolf, und der als „Nestor unserer Bewegung“ angekündigte Stefan Heym formuliert unsere Gefühle in diesen Stunden in einem Satz: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit.“ Das sagt jener Dichter, der schon lange vor diesem Tag die Meinungsfreiheit mündiger Bürger eingefordert hatte – und für den sich keine christlich-demokratische Hand rührt, als er als PDS-Abgeordneter 1994 eine schöne Rede als Alterspräsident zur Eröffnung des neuen Bundestages hält. Da lebten wir längst in der Neuzeit, die DDR war geschlossen in die BRD gegangen, ohne wegzugehen, und man kann heute fragen, was von den Wünschen und Losungen vom 4. November 1989 in Erfüllung gegangen ist.

Der Mauerfall aus Sicht unseres Foto-Chefs Kai-Uwe Heinrich
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09.11.2016 14:21Unser Tagesspiegel-Foto-Chef, Kai-Uwe Heinrich, hat in der Nacht des Mauerfalls und am Tag danach fleißig fotografiert.

Jedenfalls wussten viele nicht, was in der neuen Zeit auf sie zukam – vor allem in der neuen Arbeits- und Einkaufswelt. Aber erst einmal sollten die Wünsche von Steffi Spira in Erfüllung gehen. Die Schauspielerin hielt das Schlusswort, bevor die Leute beglückt in der „Löffelerbse“ am Alex verschwanden. „Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde, und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den ,hohen Leuten‘ vorübergehen. Ich habe noch einen Vorschlag: Aus Wandlitz machen wir ein Altersheim. Die über 60- und 65-Jährigen können schon jetzt dort wohnen bleiben, wenn sie das tun, was ich jetzt tue: abtreten!“ Orkanartiger Beifall.

Der 4. November war friedlich geblieben, kein (von der Stasi befürchteter) Marsch aufs Brandenburger Tor, dafür lachende Volkspolizisten, kein Platz des Himmlischen Friedens. Das DDR-Fernsehen übertrug live, der einzige Schuss fiel an diesem Tage in Köthen/Anhalt. Dort erschoss sich der 62-jährige Erste Sekretär der SED-Kreisleitung Herbert Heber mit seiner Dienstpistole. In der Stasi-Wochenübersicht Nr. 45/89 heißt es: „Nach den bisherigen Untersuchungsergebnissen erfolgte die Selbsttötung im Zusammenhang mit Depressionen aufgrund der gegenwärtigen politischen Lage.“

Unser Autor Lothar Heinke arbeitete bis zur Wende als Reporter für die Ost-Berliner Tageszeitung „Der Morgen“ und schreibt seit 1991 für den Tagesspiegel.

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