Berlin : 40 Jahre Mauerbau: "Die Narbe darf nicht verschwinden"

Holger Wild

Obgleich das Datum es nahegelegt hätte - es ging nicht um den 17. Juni 1953 am Sonntag hinter dem Reichstag. Vielmehr wurde der 15. Juni verhandelt - 1961. Und der 13. August desselben Jahres, also der Mauerbau und die Jahre danach.

Am 15. Juni 1961 nämlich sprach Walter Ulbricht jenen ominösen Satz, der damals mehr oder weniger unbemerkt blieb, beziehungsweise ernst genommen wurde: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Was folgte, ist bekannt und jährt sich in knapp zwei Monaten zum 40. Mal. Über hundert Gedenkveranstaltungen sind für den Sommer geplant. Als erstes trafen sich am Freitagabend - am 15. Juni also - Politiker, Journalisten und Historiker im "Tränenpalast" zu einer Podiumsdiskussion über den Stand der Aufarbeitung der DDR.

Am gestrigen Sonntag war die breite Öffentlichkeit angesprochen. Über 60 Opferverbände, Gedenkstätten, Geschichtswerkstätten, Verlage, wissenschaftliche Einrichtungen und die Stasi-Beauftragten der Länder hatten Stände aufgebaut und ihr Material ausgelegt. Und auf einer großen Bühne erinnerten sich Zeitzeugen. An den Mauerbau und das Leben in der geteilten Stadt, an das Ost- und das West-Berlin der 60er und 70er Jahre. Doch die Zahl der Zuhörer blieb begrenzt. Da eine Touristengruppe, dort einige ältere Damen und Herren, hier ein paar jüngere Leute. Kamen, hörten ein Weilchen zu, spannten bei Regen ihre Schirme auf oder flüchteten sich in den kleinen Säulengang vor dem Südportal des Reichstags. Irgendwann gingen sie ihres Wegs. Mehr als hundert kamen nie zusammen.

Kurz vor zwölf hatte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) die Eröffnungsrede gehalten. Trotz des gründlichen Abräumens der Grenzanlagen, sagte Thierse, sei "die Narbe im Stadtkörper nicht verschwunden", und sie dürfe auch nicht verschwinden. Deshalb müsse auch der Wachturm am Potsdamer Platz erhalten bleiben - als einer der drei verbliebenenen von ehemals 302 dieser Türme. "Wir brauchen diese authetischen Gedenkorte", rief Thierse - doch als er ging, wurde er ausgebuht: Einige DDR-Opfer empörten sich über die Renten für Margot Honecker und andere "Staatsverbrecher".

Auf der Bühne folgten Filme, Fotos und Musik - und natürlich die Zeitzeugen. Klaus Schütz, damals mit Willy Brandt auf Wahlkampftour in Westdeutschland unterwegs, erinnerte sich an die Wut, die sie packte, als sie vom Mauerbau erfuhren. Mit vielem hatten sie gerechnet - mit einer totalen Abriegelung nicht. Lothar Loewe, damals in Washington, erzählte Ähnliches: "Eine Mauer? Das hielt man für unmöglich." Jutta Voigt, in der DDR Journalistin beim "Sonntag", berichtete über ihre Erfahrungen, Peter Sodann und Angelica Domröse, der Fluchthelfer Hasso Herschel. Journalisten diskutierten und Bürgerrechtler. Am Abend spielte die Klaus Renft Combo, zum Abschluss des Auftaktes zu den kommenden Wochen. Wochen des - in den Worten von Klaus Schütz - "aktiven Erinnerns".

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