Berlin : 42 Stunden wären eine Erleichterung

Der Senat droht den Gewerkschaften mit Mehrarbeit im Öffentlichen Dienst. Doch die meisten Lehrer arbeiten jetzt schon mehr

Susanne Vieth-Entus

Man reibt sich die Augen: Nach der letzten Arbeitszeiterhöhung für Lehrer vor zwei Jahren herrschte parteiübergreifend die Überzeugung, dass man an dieser Schraube nicht weiter drehen dürfe, ohne die Qualität von Schule weiter zu gefährden. Lange brauchte Bildungssenator Klaus Böger (SPD), um sich von den massenhaften Protesten der Eltern und Lehrer zu erholen. Dennoch hat der Senat angekündigt, dass die Lehrer ab Februar mehr arbeiten sollen, wenn die Gewerkschaften bei den Solidarpaktverhandlungen stur bleiben. Aber was bedeutet es für Lehrer und Schulen, wenn die Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden pro Woche angehoben wird?

Bisher ist zur Umsetzung in der Praxis nur Schwammiges zu hören. Irgendwie soll die Pflichtstundenzahl erhöht werden und zwar auf den „Höchstwert anderer Bundesländer“. Nur weiß keiner so genau, wo der Höchstwert liegt, weil die Bundesländer sehr differenzierte Regelungen haben und die Fußnoten zu den Pflichtstundentabellen länger sind als die Tabellen selbst. Ein weiteres Problem der angepeilten Lehrer-Arbeitszeiterhöhung ist, dass viele Lehrer schon jetzt wesentlich mehr als 40 oder 42 Stunden arbeiten – eine Tatsache, die Kultus- und Finanzpolitiker gern ausblenden.

Den Politikern kommt zugute, dass alle bisherigen Untersuchungen zur Lehrerarbeitszeit einen Schönheitsfehler haben: Sie beruhen auf so genannten „Selbstauskünften" der Pädagogen, sind somit nicht objektiv. Dennoch bieten die vielfachen Befragungen immerhin Anhaltspunkte, so dass man keineswegs völlig im Dunkeln tappt bei der „Zeitbudgetforschung".

Über dem Beamtensoll

Als recht aussagekräftig gilt etwa eine Befragung, die Ende der 90er Jahre von der großen Unternehmensberatung „Mummert & Partner" verantwortet wurde. Rund 6500 nordrhein-westfälische Pädagogen gaben damals Auskunft über ihre Arbeitsbelastung. Dabei kam heraus, dass sie in einer Unterrichtswoche rund 44,5 Stunden arbeiten. Auch wenn man berücksichtigt, dass sie mehr Ferien haben, bleibt es umgerechnet immerhin noch bei einer durchschnittlichen Wochenstundenzeit von rund 42,5 Stunden, also über dem Beamtensoll.

Diesem Ergebnis der NRW-Befragung kommt eine aktuelle Untersuchung der Freien Universität nahe. Hier wurde jahrelang über die „berufliche Belastung und das berufliche Selbstverständnis von Lehrern" geforscht, und auch hier ergab die Selbstauskunft der Betroffenen eine wöchentliche Belastung von 44 bzw. 42 Stunden. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Pädagogen. So gaben rund 70 Prozent an, 36 bis 52 Stunden zu arbeiten. Je 15 Prozent lagen unter 36 bzw. über 52 Stunden.

FU-Erziehungswissenschaftler Axel Gehrmann, der die Befragung auswertete und 2001 seine Habilitation zu dem Thema abgeschlossen hat, weist allerdings noch auf weitere interessante Ergebnisse hin. So wurde durch die Auskünfte der rund 3000 Befragten laut Gehrmann „klar nachgewiesen", dass die Belastungen bei Korrekturfächern wie Deutsch, den Fremdsprachen und den sozialwissenschaftlichen Fächern erheblich größer sind und mit rund 2,5 Stunden zusätzlich im Schnitt zu Buche schlagen.

Weniger Engagement

Noch spannender im Hinblick auf die jüngste Debatte um die Arbeitszeiterhöhung ist allerdings etwas anderes: Laut Gehrmann zeigte sich in der Untersuchung, dass eine Heraufsetzung der Unterrichtsverpflichtung um 45 Minuten keineswegs dazu führt, dass den Schülern diese Zeit auch tatsächlich zugute kommt. Unterm Strich arbeiteten die Lehrer nämlich nur elf Minuten mehr: Die übrigen 34 Minuten holten sie sich zurück, indem sie bei der Vorbereitung für den gesamten Unterricht Abstriche machten.

„Sie verlieren ihr Engagement", resümiert Gehrmann. Er spricht von einem „Schwellenwert", einer Belastungsgrenze, über den „man nicht hinaus kann". Dieser Mechanismus funktioniert übrigens auch in die andere Richtung: Teilzeitlehrer bereiten sich meist gründlicher auf den Unterricht vor, denn infolge ihrer niedrigeren Pflichtstundenzahl können sie sich für ihren Unterricht mehr engagieren, ohne an den genannten Belastungs-Schwellenwert zu kommen. Mit anderen Worten: Die Unterrichtsqualität steigt bei niedrigem Stundensoll.

Diesen Zusammenhang bestätigt auch Klaus Werner vom Philologenverband. Zwar seien viele Lehrer irgendwie in der Lage, mehr Unterrichtsstunden zu geben. Es gehe durch die ständige Mehrbelastung aber Kraft und Motivation verloren, was sich letztlich im Klassenraum bei der Qualität des Unterrichts widerspiegele – und das in Zeiten von Pisa.

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