Berlin : 49 Berliner Firmen beteiligen sich inzwischen an der Stiftungsinitiative

Amory Burchard

Der Solidaritätsappell der Industrie- und Handelskammer Berlin beginnt zu wirken: Im März sind der Stiftungsinitiative zur Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter 42 Neumitglieder beigetreten. Darunter sind Firmen wie der Ullstein Verlag, die Herlitz AG, die Pianofortefabrik C. Bechstein und kleine Betriebe wie die 1899 gegründete Erste Rheinländische Bäckerei L. Mälzer. Die Berliner IHK hatte vor einem Monat an 7500 Berliner Firmen geschrieben und sie gebeten "ein Zeichen der Solidarität" mit den Opfern von Zwangsarbeit zu setzen. Vor Beginn der IHK-Aktion kamen erst drei Mitglieder der Stiftungsinitiative aus Berlin. Mittlerweile sind es 49.

"Jetzt treten auch junge Firmen bei und solche, die im Osten von der Treuhand privatisiert wurden", sagt IHK-Sprecher Egbert Steinke. Die IHK und die Stiftungsinitiative rechnen nach der jetzt bei den Entschädigungs-Verhandlungen erzielten Einigung mit einer Welle von weiteren Beitritten. Bei den Berliner Unternehmen komme die Idee gut an, dass nicht nur historisch belastete, sondern alle Firmen zahlen sollten, sagt Steinke. Eine kleine, nicht repräsentative Tagesspiegel-Umfrage zeigt jedoch: Viele der Unternehmer, die beitreten, haben trotzdem "historische" Gründe, sich in der Entschädigung zu engagieren, obwohl sie nicht direkt verstrickt waren.

Lutz Schönian, Geschäftsführer der Reinigungsfirma Berliner Putzbären, fühlt sich der Entschädigungs-Initiative persönlich verpflichtet. Ein Zweig seiner Familie habe jüdische Wurzeln, sagt er. Außerdem gebiete es ihm seine "politische Einstellung", mitzumachen - obwohl es der Firma finanziell nicht gut gehe.

Die Klavierfabrik Bechstein gehört zu den wenigen Berliner Traditionsunternehmen, die schon in der NS-Zeit bestanden, und sich jetzt an der Entschädigung der überlebenden Zwangsarbeiter beteiligen. Dabei habe Bechstein "nachweislich keine Zwangsarbeiter beschäftigt", betont Firmensprecherin Berenice Küpper. Wegen der privilegierten Stellung des Unternehmens - es erhielt Staatsaufträge und produzierte weiter für den Export - hätten auch während des Krieges deutsche Meister und Gesellen arbeiten können. Dem Unternehmen, das nach 1945 von der Familie Bechstein an eine amerikanische Firma verkauft wurde und seit 1986 wieder in deutschem Besitz ist, sei es um ein Signal gegangen - "solidarisch die Vergangenheit abzuarbeiten."

Der Ullstein Verlag ist bei Recherchen im Firmenarchiv fündig geworden. Der jüdische, Mitte der 30er Jahre "arisierte" Verlag firmierte bis Kriegsende als "Deutscher Verlag". Während des Krieges mussten unter anderem italienische Militärinternierte im Versand arbeiten. Heute gehört Ullstein zum Axel-Springer-Verlag. Auch die Herlitz AG ist der Stiftungsinitiative beigetreten. Der kleine Berliner Schreibwarenhandel, aus der die Herlitz AG nach dem Krieg hervorging, habe aber offenbar keine Zwangsarbeiter beschäftigt, betont eine Firmensprecherin.

Wie fast alle produzierenden Betriebe konnte auch die Erste Rheinländische Bäckerei in der Kriegszeit nicht ohne fremde Hilfe auskommen. Von seinen Tanten erfuhr Bäckerei-Erbe Klaus Mälzer, dass in der Steglitzer Backstube ein Italiener arbeitete - aber nicht als Zwangsarbeiter, sondern ein "Gastarbeiter", der sich frei bewegen konnte. Mälzer ist es wichtig, "dass man Zwangsarbeit doch noch vergütet".

Der Geschäftsführer der Stadterneuerungs-Gesellschaft S.T.E.R.N., Cornelius van Geisten, findet es "beschämend, dass viele Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben, nicht beitreten". Die 1986 vom Senat zur Internationalen Bauaustellung gegründete und inzwischen privatisierte S.T.E.R.N. dagegen "steht als junges Unternehmen zur historischen Schuld".

"Weil ich nichts damit zu tun habe", hat der Geschäftsführer des Hotels Astoria in der Fasanenstraße den Beitritt zur Stiftungsinitiative durchgesetzt. Es gehe ihm einfach um die Solidarität mit den bislang nicht entschädigten osteuropäischen Zwangsarbeitern, sagt Christian Berghausen. Die historische Last auf dem Astoria sei abgetragen: Das Hotel gehörte bis 1938 einer jüdischen Familie, sie wurde zum Verkauf gezwungen. Die zu geringe Kaufsumme sei aber 1950 mit den überlebenden Vorbesitzern "nachverhandelt" worden. Astoria-Geschäftsführer Berghausen hofft, dass nun "ein Schlussstrich unter die Entschädigungsfragen" gezogen werden könne. Ganz nüchtern begründet die Pharmazeutin Hannelore Cebulla, Mitinhaberin der St. Hubertus Apotheke in Schöneberg, ihren Beitritt zur Stiftungsinitiative. Ihr sei es darum gegangen, "die erste Apotheke zu sein, die sich engagiert".

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