Berlin : "50 Jahre Schloßsprengung": Wenn Geschichten die Geschichte beleben

Ekkehard Schwerk

Die Ausstellung "50 Jahre Schloßsprengung. Eine Spurensuche" im Märkischen Museum , Am Köllnischen Park 5, wird über den 30. Dezember hinaus bis zur "Langen Nacht der Museen" am 27. Januar 2001 zugänglich. Sie ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintrittspreis 8 Mark, Ermäßigung 4 Mark, mittwochs freier Eintritt. Die Stiftung Stadtmuseum reagiert auf starkes Besucherinteresse jeder Altersklasse. So hat zum Beispiel eine Schülerin des Erich-Fried-Gymnasiums Folgendes schriftlich bekundet: "Das Schloß sollte wieder aufgebaut werden - außen barock für die Älteren, innen mit Disco für uns!"

Von älterer Warte aus wurde dem Museum ein Fotoalbum geschenkt, in dem die Niederlegung des Kaiser-Wilhelm I.-Nationaldenkmals auf der ehemaligen Schloßfreiheit in jedem Schritt fotografisch bewahrt ist. Das Album stammt vom Bildgießer Hans Füssel, der nicht mehr lebt. Seine Angehörigen brachten es. Der Name des Kaulsdorfer Bildgießers Hans Füssel steht ein für alle Mal im Zusammenhang mit einer verwegenen Rettung. Er rettete die Heilige Gertraude, die liebliche Brückenfigur auf der Gertraudenbrücke in Mitte. Sie sollte in unseliger Zeit für die "Kriegswirtschaft" zu Granaten eingeschmolzen werden wie all die Glocken auch. Er verabredete sich - der Überlieferung zufolge - bei Luftschutzalarm mit gutgesinnten Feuerwehrleuten auf der Gertraudenbrücke, um unbehelligt von Luftschutzwarten und Polizei das Standbild abzubauen. Gertraude wurde samt Beiwerk (dem Wanderburschen und den reizenden Mäusen) eingemauert in einem Haus an der Jüdenstraße. Die Häuser wurden zerstört, die Heilige Gertrud aus den Trümmern geborgen, von Füssel repariert und 1954 wieder dorthin gestellt, wohin sie gehört. Und jener Füssel hatte zu jener Zeit zwar das Nationaldenkmal mit Kaiser Wilhelm I. demontiert, doch dessen herrliche Löwen zum Tierpark Friedrichsfelde geschafft, den Adler mit seinen weiten Schwingen zum Märkischen Museum.

Wer über die Geschichte des Stadtschlosses nachdenkt, stößt auf jüngere Geschichten, die Steine und Bronze zu Leben erwecken. Wo sie ihren ursprünglichen geschichtlichen Zusammenhang verloren haben, bekommen sie einen neuen Halt. Das macht Skulpturen so lebendig.

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