50 Jahre Schornsteinfeger in Berlin : Durch die Schornsteine der Hauptstadt

Fünfzig Jahre lang arbeitete Bernd Müller als Schornsteinfeger. Zu DDR-Zeiten legte er sich mit der Bürokratie an. Nach dem Mauerfall radelte er in voller Montur an die Seine und zurück.

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Auf nach Paris. Die Fahrt an die Seine war für Bernd Müller spitze.
Auf nach Paris. Die Fahrt an die Seine war für Bernd Müller spitze.Foto: promo

„Jestatten: Müller, Bernd Müller, Berliner in der vierten Generation, Ureinwohner vom Nikolaiviertel, 50 Jahre Schornsteinfeger, aba jetzt im Ruhestand.“ Von wegen! Jetzt ist der Mann mit dem markanten Gesicht und der nach oben stürmenden blonden Wuschelfrisur auch noch unter die schriftstellernden Memoirenschreiber gegangen. Vier Jahre lang hat er sein Leben in den Computer gehackt, dabei aus vier großen Aktenordnern geschöpft und aus dem tiefen Born seiner Erinnerung. Herausgekommen sind im „Berlin Story Verlag“ 140 Seiten unter dem Titel „Zukunft ist ohne Vergangenheit nicht möglich“ – eine Vergangenheit, die hart und schwer war, überschattet von Kriegen und Krisen. Bernd Müller ist dennoch als fröhlicher Optimist aus dem Gewirr der Zeiten herausgekommen: „Für mich ist das Glas immer halb voll, auch jetzt noch mit meinen 82 Jahren.“

Müller fuhr mit dem Fahrrad von Berlin nach Paris und zurück

Für den Schornsteinfegerveteran, der den Berlinern ein halbes Jahrhundert aufs Dach gestiegen ist und ihre Essen gekehrt hat, ist der Job als schwarzer Glücksbringer stets die Hauptsache gewesen. Aber sein heißestes Erlebnis war vor 25 Jahren die Erfüllung seines Traums: einmal Paris und zurück, nach dem Vorbild des „Eisernen Gustavs“ von 1928, nur eben diesmal nicht als Droschkenkutscher, sondern als schwarzer Mann auf dem Fahrradsattel, mit dem Zylinder auf dem Kopf. Und mit einer Mission: „Da meine Vorfahren, also Vater, Großvater und Urgroßvater in den Weltkriegen gefallen waren, hielt ich es für meine moralische Pflicht, etwas für die Völkerverständigung zu tun.“ Außerdem wollte der Meister der schwarzen Zunft mit seiner „Friedensfahrt“ an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren und an den 200. Jahrestag der Französischen Revolution erinnern, „mich bei den Franzosen dafür bedanken, dass sie uns die Hugenotten geschickt haben, am Grabmal des unbekannten Soldaten und am Grab Heinrich Heines Blumen niederlegen“ – volles Programm.

Doch sämtliche DDR-Instanzen, die um Unterstützung gebeten wurden, schwiegen, auch der sehr geehrte Herr Honecker antwortete nicht, nur Kulturminister Hoffmann fand die Idee „hervorragend und beispielgebend“. Aber Ausreisevisa hatte auch er nicht. Pfiffig hatte Bernd Müller die Oberbürgermeister aller großen Städte, die auf der Reiseroute lagen, und auch die Schornsteinfegerkollegen angeschrieben und um Unterstützung gebeten – er durfte nicht reisen.

Der Schornsteinfeger kämpfte gegen die DDR-Bürokratie

Erst nach dem Fall der Mauer ging alles leicht und schnell. Am 16. April 1990 startete das Unternehmen Berlin–Paris, „gefahren bin ich nur mit Unterhose, Unterhemd, Berufskluft darüber, Zylinder auf dem Kopf und barfuß in Latschen. Leiter und Kehrbesen mit Kugel und Leine auf dem Rücken, auf der Schulter das Schultereisen und am Koppel Kelle, Handfeger und Schlüsselbund.“ In den Gepäcktaschen lagen Waschzeug, saubere Hose, Hemd und Schuhe, Flickzeug und 15 faustgroße Mauerbrocken nebst Bildern, wie der radelnde Friedensbote aus Berlin die Mauer zusammenhaut.

Noch 25 Jahre später ist diese Tour de Paris für Bernd Müller das größte Erlebnis, auch wenn es in 16 Tagen nur an zwei Tagen nicht regnete. „Ich bin abgehärtet, treibe aber keinen Sport. Mein Sport ist, dass ich barfuß durchs Leben gehe.“ Die französischen Kollegen haben ihn sogar als „Ramoneur“ auf ihre Dächer gelassen: Der Bezirksschornsteinfegermeister von Mahlsdorf bekam den großen Überblick über die Stadt an der Seine: „Wat für’n Jlücksmoment!“

In Müllers Buch sind viele Beispiele für die Hartnäckigkeit des Schornsteinfegers nachzulesen, auch beim Aufbau eines Feuerstättenmuseums, beim Krieg mit der DDR-Bürokratie und beim harten Existenzkampf der kleinen Leute im alten Nikolaiviertel. „Wir sollten zufrieden und glücklich sein und positiv denken. Geht es den meisten von uns nicht wunderbar?“

Bernd Müller: Zukunft ist ohne Vergangenheit nicht möglich. 50 Jahre Schornsteinfeger in Berlin. Berlin Story Verlag. 140 Seiten, 19,95 Euro

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