Berlin : 54 Jahre danach: Eine Frau trifft die Familie ihres russischen Retters

CD

Für die 69jährige Charlottenburgerin Waltraud Kuczynski ging gestern ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. 54 Jahre, nachdem ein russischer Soldat ihr in das Leben gerettet hatte, konnte sie sich endlich persönlich bei seiner Familie bedanken. Im April hatte der Tagesspiegel über die ungewöhnliche deutsch-russische Freundschaft berichtet. Daraufhin fanden sich Sponsoren, die nun einen fünftägigen Aufenthalt der Familie aus Moskau in Berlin ermöglichen. So stellt das Hotel an der Oper Zimmer bereit, und Charlottenburgs CDU-Finanzstadtrat Helmut Heinrich half unter anderem mit einer Kunstauktion.

"Ich kannte die Russen eigentlich nur als böse", sagt Waltraud Kuczynski. Als 15-Jährige hatten Soldaten sie und ihre Eltern aus dem Haus an der Kaiser-Friedrich-Straße vertrieben. Die Kuczynskis mussten über die halb zerstörte Schlossbrücke klettern, dann fanden sie Unterschlupf im Tegeler Weg. Ein paar Tage später wagten die Eltern den Weg nach Hause - und blieben verschwunden. Schließlich machte sich auch die Tochter auf, in jeder Hand einen Luftschutzkoffer. Doch auf den Resten der Brücke kam sie ins Rutschen und drohte 20 Meter tief in Trümmer zu fallen. "Da legten sich Arme um meine Taille, und ich wurde hochgezogen." Der Retter habe sein eigenes Leben riskiert. Erst oben sah sie, dass es ein russischer Soldat war - und erschrak, weil sie Zudringlichkeiten befürchtete. Aus Angst bedankte sich das Mädchen nicht einmal.

Der Vorfall ließ Waltraud Kuczynski aber nicht los. Nach der deutschen Einheit wandte sie sich an die russische Botschaft, um ihren Retter zu finden. Der war 1978 verstorben, doch nach einem Bericht in einer russischen Zeitschrift meldeten sich die Angehörigen. Es folgten Briefe und viele Telefonate. Nun ist Schwiegertochter Natascha mit ihrer gleichnamigen zehnjährigen Tochter in Berlin; ihr Mann musste wegen Krankheit absagen. Die Russin zeigte sich gerührt über die lange Dankbarkeit. Außer Einkaufsbummel und Besuch im Reichstag gibt es kein festes Besuchsprogramm; man möchte sich vor allem näher kommen.

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