Berlin : 60.000 auf Tunneltour

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Mehr als 60 000 Berliner durchwanderten gestern bis zum Nachmittag den 570 Meter langen Bahntunnel vom Gleisdreieck zum Potsdamer Platz. Der Tunnelmund hatte sie "Herzlich willkommen" geheißen. Und verschlang die Menge. Wir betraten die Unterwelt um 11 Uhr 40. Oben Nieselregen, unten Staub. Schritt für Schritt bis zur Tunnelsohle in 15 Meter Tiefe. Anfangs in lockerem Nebeneinander, bald geleitet durch weiß-rote Plastikbänder in engere Windungen, eine einleuchtende Methode, starken Andrang nicht zum Gedränge werden zu lassen. Nach solcher Kanalisation des Menschenstroms gelangten wir in eine Zone blauen Lichtes, in regelrechte Röhren. Hier hieß es die Füße mit Bedacht zu setzen; denn wir wandelten auf einer Röhrenkrümmung mit kleinen Aussparungen zur Befestigung künftiger Gleisschwellen.

Für eventuell stauchende Fehltritte war das Rote Kreuz zugegen. Und anfangs säumten die Röhrentour kleine Getränkestände. Der Staub lag in dichten Schichten auf den Rohrkrümmungen. Und in diese Schichten waren fingerdicke Botschaften geschrieben worden: Liebesgrüße an Corinna zum Beispiel.

Wir waren aber nicht nur zum Röhrengang eingeladen, sondern konnten in Kinozelten alles über die hochmoderne Wühlarbeit erfahren. Da reckten sich die Hälse; denn die Zeltplätze waren nie erkaltet, und draußen standen sie, um etwas mitzubekommen. Linker Hand war in eine Röhrenkrümmung das Schild "Landwehrkanal" eingefügt, also waren wir nun tief gesunken, unters Kanalwasser. Hier malte sich eine burschikose Gruppe Horrorbilder aus, wenn das Kanalwasser auf uns herabstürzte.

Wir wandelten gemächlich. Das Schrittmaß war von jenen vorgegeben, die bedächtig liefen. Alle anderen hinterdrein. Jungen freilich scherten behende aus, als stünden sie auf Skate Boards: links und rechts die Röhren hoch. Sie wirbelten den Staub auf. Hier und da standen Auskunftspersonen bereit, ausgestattet mit unendlicher Geduld. Es zuckte Blitzlicht ins Dämmrige. Die einmalige Gelegenheit, dort zu laufen, wo in ein paar Jahren Züge entlangsausen, soll als Foto Kind und Kindeskindern bezeugen, wie das damals im Jahre 2002 hier war. Wir gelangten 12 Uhr 10 in den Rotlichtbezirk der Unterwelt. An den ins Licht roter Stableuchten getauchten künftigen Fernbahnsteigs Potsdamer Platz. Nun stieg die Menge über viele Treppen ans Tageslicht empor, das freilich nicht viel heller war als in 15 Meter Tiefe die spärliche Tunnelbeleuchtung.

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