60-Minuten-Takt : Berlin - Hamburg - Berlin: Wir Pendler im ICE

Im Stundentakt verbindet der ICE die beiden größten deutschen Städte. Für manche ist er schon eine Art Zuhause geworden. Doch warum reisen Berliner nach Hamburg. Und was treibt Hamburger nach Berlin? Wir haben uns umgehört.

von und Christoph Twickel
Komfortabel. Die Züge zwischen Hamburg und Berlin fahren im Stundentakt. Foto: DB Systel GmbH
Komfortabel. Die Züge zwischen Hamburg und Berlin fahren im Stundentakt.Foto: DB Systel GmbH

NÄCHSTER HALT: BERLIN

Glamour und Speedway-Rennen: Warum Hamburger in die Hauptstadt fahren

Vanessa B., 37 Jahre, Fernsehmoderatorin, 1. Klasse

Ich moderiere jeden Montag und Donnerstag das Sat.1-Frühstücksfernsehen, da bin ich die Society-Expertin. Weil das in Berlin produziert wird, muss ich zweimal die Woche in diesen Zug steigen. Sonntags hin, montags zurück, mittwochs hin, donnerstags zurück. Ich wohne im Hotel und hätte auch keine Lust, da eine Wohnung zu nehmen. Ich finde Berlin ganz furchtbar. Groß, laut und dreckig. Schlimm! Hamburg ist klein, verschlafen, grün und unaufgeregt. Toll! Ich wohn’ in Uhlenhorst – nein: auf der Uhlenhorst, so muss man korrekt sagen.

Von 5.30 Uhr bis um 10 Uhr ist Sendung, dann bis kurz vor 11 Konferenz, dann schnell ins Taxi zum Hauptbahnhof – mit Glück schaffe ich den Zug um 11.12 Uhr. Ich freue mich, wenn ich aus dem Bahnhof Spandau rausfahre: Der nächste Halt ist Hamburg! Ich kenne ganz viele Hamburger, die nach Berlin gezogen und mit wehenden Fahnen zurückgekommen sind. Ich lebe seit 1997 in Hamburg, bin nach dem Volontariat da hängen geblieben. Da waren wir ja auch noch Medienstadt. Im Boulevardbereich passiert in Berlin einfach mehr, traurigerweise. Für die Prominenten ist Hamburg nicht mehr so interessant – da fehlt Glamour.

Historische Fotos vom Bahnhof Spandau
Das Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse. Foto: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG/Sigmar Weber Weitere Bilder anzeigen
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31.05.2017 08:29Das Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse.


Hinrich D., 37, Kfz-Mechatroniker und Berufsschullehrer, Bordrestaurant

Ich fahre für ’ne Fortbildung nach Berlin. Hochvolttechnik im Kfz-Bereich. Elektrofahrzeuge. Allgemeine Grundlagen. Wir müssen ja mit dem Stand der Technik mitgehen. Ich freu mich: Am Wochenende ist Ice-Speedway-Rennen in Wilmersdorf, das guck’ ich mir an. Motorradfahren auf Eis. Ohne Bremsen. Beschleunigung schneller als Formel 1. Ich hab’s früher selber gemacht, aber ich heirate dieses Jahr, deshalb ist das mit Motorradfahren bei mir gelaufen. Nach 17 Knochenbrüchen ist dann auch mal gut. So sieht’s aus.

Irgendwann muss man sich da mal von trennen. Eigentlich ist es ziemlich unverfroren von Berlin, sich überhaupt für Olympia zu bewerben. Die sind pleite bis zum Gehtnichtmehr, Tschuldigung? Das sollen die mal schön Hamburg überlassen. Wir haben das Geld. Okay, wir haben mit der Elbphilharmonie auch 800 Millionen in den Sand gesetzt. Aber es ist immer noch unser eigenes Geld, das wir da verbraten.

Abgefahren! Mit dem Zug von Hamburg nach Berlin
Juten Tach & Moin! Hamburg ist gefühlt ein Vorort von Berlin. Wer seine Thermoskanne auspackt, kann sie auch schon gleich wieder zuschrauben: Die Fahrt dauert nur 90 Minuten. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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14.08.2015 13:59Juten Tach & Moin! Hamburg ist gefühlt ein Vorort von Berlin. Wer seine Thermoskanne auspackt, kann sie auch schon gleich wieder...


Alex B., Evi V., Elly S., 24, 25 und 26 Jahre, Hotelfachangestellte, 2. Klasse

Wir haben morgen ein Seminar in Berlin. Hotellerie. Souveränes, kommunikatives, äh, wie hieß das noch mal? Ah ja: Souveränes Kommunizieren am Telefon! Gut telefonieren, ne? Ein freundlicher Umgang mit den Gästen. Ist immer wichtig. Man lernt ja nie aus. Ist so. Wir arbeiten alle für dieselbe Hotelkette. Rezeption und Reservierung. Gästeempfang und Betreuung. Zimmer verkaufen, hauptsächlich. Wir wohnen alle außerhalb. Dulsberg, Bramfeld und Pinneberg. Von unserer Zentrale aus schicken die uns zu dem Seminar. Und feiern gehen wir. Ein Freund zeigt uns ein bisschen Berlin. Wobei: Zu spät darf’s nicht werden. Morgen um neun geht’s los. Olympia? Auf jeden Fall! Hamburg! Party! Weil Hamburg einfach die schönere Stadt ist. Die schönste Stadt der Welt. Hamburg kann’s besser repräsentieren. Wird ja die ganze Welt sehen. Berlin ist hässlich. Berlin ist Plattenbau. In Hamburg können die besser entspannen. Und die Touristen kommen alle zu uns.


Jana L., 37 Jahre, Kulturproduzentin und Lehrerin, 2. Klasse

Ich pendele zwischen Hamburg und Berlin. Von Donnerstag bis Sonntag bin ich in Berlin, arbeite frei im Bereich Tanz und Theater. In Hamburg habe ich eine halbe Stelle an einem Gymnasium, als Lehrerin für Englisch und Spanisch. Immer montags bis mittwochs. Das ist ganz schön stressig. Da ist die Zugfahrt zwischen den Städten fast wie ein geschützter Raum. Ich arbeite ein bisschen, ab und zu gönne ich mir einen Tee im Zugrestaurant. Ein Übergang zwischen dem häuslichen Hamburg und dem Unterwegssein in Berlin, Künstler treffen, Veranstaltungen angucken.

Wo zu Hause ist, weiß ich gar nicht. Am letzten Wochenende dachte ich: definitiv Berlin. Das ist phasenbedingt. Für Leute aus der freien Kulturszene gibt es eigentlich wenig Gründe, nach Hamburg statt nach Berlin zu ziehen. In Berlin ist die Vielfalt an Künstlern und Institutionen einfach größer. Andererseits geht man in Hamburg nicht so unter wie in Berlin. Die Hamburger Kulturtöpfe sind zwar kleiner, aber es zapfen sie auch viel weniger Leute an.

Aufgezeichnet von Christoph Twickel, Autor der „ZEIT:Hamburg“. Er fuhr von Hamburg nach Berlin – ausnahmsweise auch mal in der 1. Klasse.

Komfortabel. Die Züge zwischen Hamburg und Berlin fahren im Stundentakt. Foto: DB Systel GmbH
Komfortabel. Die Züge zwischen Hamburg und Berlin fahren im Stundentakt.Foto: DB Systel GmbH


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