Berlin : 60 Prozent der älteren Migranten sind krank

Die Zahl der Deutsch-Türken über 65 Jahre hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht: Mehr als 9000 türkische Senioren leben mittlerweile in Berlin. „Besonders diese erste Migranten-Generation ist gesundheitlich sehr angeschlagen“, sagte Ilker Duyan von der Berliner Gesellschaft türkischer Mediziner auf einer Fachtagung Migration und Gesundheit der Türkischen Gemeinde. Etwa 60 Prozent der älteren Türken leiden unter Diabetes, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Asthma und Depressionen. Als Ursachen führen die Mediziner vor allem die harten Arbeitsbedingungen der ersten Gastarbeitergeneration und psychosoziale Faktoren an: das Gefühl der Entwurzelung, nicht mehr in die Türkei zurückkehren zu können, weil die Familie hier lebt, wenig soziale Kontakte und das Unverständnis für kulturelle Werte, auf das sie bei Deutschen und ihren Kindern und Enkeln stoßen.

Hinzu kommt, dass Türken der ersten Generation Deutsch kaum oder ungenügend erlernt haben, weil sie dachten, irgendwann in die Türkei zurückzukehren. Sie gehen laut Duyan überwiegend zu einem der rund 35 in Berlin niedergelassenen deutsch-türkischen Ärzte. Diese könnten aber nur zehn Prozent der türkischen Bevölkerung betreuen. Sehr schlecht sieht auch die psychologische Betreuung aus: „Wir registrieren ein Viertel mehr depressive Krankheiten bei Migranten als bei Deutschen“, sagt Meryam Schouler-Ocak, Oberärztin für Psychologie und Neurologie an der Charité. Doch nur 17 niedergelassene und türkisch sprechende Psychotherapeuten mit Kassenzulassung gibt es für 170 000 türkische Migranten in Berlin. „Patienten müssen bis zu zwei Jahre auf eine Behandlung warten“, sagt die Psychologin Esin Erman. Die kassenärztliche Vereinigung (KV) würde die Zulassung von türkischsprachigen Psychotherapeuten „blockieren“. Die Berliner KV weist das zurück: In Berlin gebe es 350 ärztliche Psychotherapeuten und 1600 Psychologen, sagt KV-Sprecherin Annette Kurth Das mache einen Versorgungsgrad von 156 Prozent aus. Für Psychologen gelte ein Niederlassungsstopp. Und Sprachkenntnisse seien gemäß bundesweiter Regelungen dabei nicht ausschlaggebend. sib

0 Kommentare

Neuester Kommentar