Berlin : 60 Quadratmeter DDR

In Hellersdorf werden 1850 Wohnungen modernisiert. Nur eine soll möbliert bleiben wie 1986

Christian van Lessen

Aus Pappwaben sind die Türen, die Schlafzimmerwand zeigt viel nackten Beton, dafür schmückt eine Leimfarben- Blümchentapete das Wohnzimmer. Der Fernseher stammt vom Betrieb RFT und trägt die Aufschrift „Colorett“, die Schrankwand heißt „Favorit“, der Spannteppich besteht aus Filz. Herd und Kühlschrank heißen „Foron“. Im Regal des Jugendzimmers stehen Werke von Erich Honecker: Die DDR ist wieder auferstanden, zumindest im fünfstöckigen Plattenbau an der Hellersdorfer Straße 179, Parterre rechts.

Klaus Wowereit wird sich verwundert umsehen, wenn er am Montag durch die merkwürdige Wohnung geführt wird, wo vom Toilettenbecken bis zur Steckdose alles beim Alten geblieben scheint. Eigentlich kommt der Regierende Bürgermeister nach Hellersdorf, um symbolisch den Startschuss für die Modernisierung von 1850 Wohnungen im „Grabenviertel“ zu geben. Aber an dieser Wohnung kommt er nicht vorbei.

Sie stellt für Rudolf Kujath, den Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land/WoGeHe „die ultimative Kulisse zum Film Good Bye, Lenin“ dar. Sie soll als „Museum“ in Erinnerung bringen, in welcher Umgebung viele Zehntausend Berliner im Jahr 1986 gewohnt haben. Dafür musste die 60-Quadratmeter große „Dreiraum-Wohnung“ erstmal eingerichtet werden, denn vom letzten Original-Mobiliar war nur der Herd übrig. Hilmar Glaeser von der Gesellschaft fragte ein Vierteljahr bei Mitarbeitern und Mietern nach Originalstücken herum, aus vielen Kellern kamen längst vergessene Schätze zum Vorschein. Die Bereitschaft, beim Einrichten des „Museums“ zu helfen, war groß. Obwohl einige Mieter erst dachten, sie sollten veräppelt werden.

Das Museum aber soll ohne Häme ein Stück Geschichte zeigen. Und dieses Stück bleibt erhalten, auch wenn die Wohnungen ringsum nun „komplettsaniert“ werden. Im Grabenviertel stehen 25 Prozent der Wohnungen leer, Kujath wünscht sich sogar vorübergehend einen höheren Leerstand: Denn neue Leitungen, Fliesen und Fenster werden installiert und eingebaut, während die Mieter wohnen bleiben. Vier Tage dauern die Arbeiten in jeder Wohnung, in zwei Jahren ist alles abgeschlossen. Die Bauarbeiten kosten 40 Millionen Euro. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung steht hinter der Modernisierung – und das, obwohl sie den Abriss von rund 6000 unvermietbaren Plattenbauwohnungen in den nächsten Jahren befürwortet; in Marzahn hat gerade der Abbruch von 1000 begonnen. Man habe sich das Projekt „genau angeguckt“. Die fünfstöckigen Häuser befänden sich in einem modernisierten Umfeld und in zentraler Hellersdorfer Lage.

Anmeldungen zur Besichtigung der Museumswohnung unter 9901161, montags bis donnerstags 9-15 Uhr.

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