Berlin : 7, 14, 18: Grad-Wanderung in den Frühling

Die Temperaturkurve steigt zum Wochenbeginn weiter, die Sonne wird sich wieder zeigen. Schon am Sonntag war ganz Berlin auf den Beinen

Sandra Dassler

Sonntag, ITB, offene Geschäfte und was für ein Wetter. Von Freitag bis Sonntag stieg die Temperatur von 7 auf 14 Grad. Zum Wochenbeginn klettern die Temperatur weiter. Bis Dienstag sollen es 18 Grad werden. Ganz blau wird der Himmel nicht sein. Doch die Sonne soll sich immer wieder zeigen.

Schon gestern hielt es fast keinen zu Hause. 6500 Besucher bestaunten die Terrakotta-Krieger im Palast der Republik, 4700 kamen in den Zoo, knapp 2000 ins Aquarium. Berlin war voller Menschen, die ihre Gesichter in die Sonne hielten, nach günstigen Angeboten stöberten, zum ersten Mal wieder im Freien Bier tranken oder sich einfach nur ihre Geschichten erzählten.

„Das war der längste Winter meines Lebens“, sagt Petra Konrad, die ihren Söhnen hinterherlächelt. Die Kleinen besetzen mit vielen anderen Kindern den Brunnen am Zoo, während die Eltern an den Kassen Schlange stehen. „Heute ist der erste Tag, den ich wieder mit meiner Familie zusammen sein kann“, erzählt die junge Frau. Im November hatte sie einen schweren Fahrradunfall, seitdem lag sie im Krankenhaus. Ihr Mann neben ihr hat die Versorgung der beiden Söhne und der erst neun Monate alten Tochter übernommen: „Aber jetzt ist Frühling. Da geht’s wieder aufwärts“, ist er sicher.

Dass es in ihrer Heimat schnell aufwärts geht, glaubt Emilia nicht. Die 70-jährige Russin, die es sich neben ihrem Mann Alexander auf einer Bank in der Wilmersdorfer Straße bequem gemacht hat, war 30 Jahre Journalistin bei einer Moskauer Zeitung. Sie ist das erste Mal in Berlin, und sie findet die Stadt wunderschön, vor allem den Reichstag. „Zu Hause sind es jetzt vielleicht drei oder fünf Grad“, sagt sie und ist froh, nicht in Moskau zu sein, obwohl dort der Präsident gewählt wird. „Hab’ ich schon vor der Abreise gemacht“, sagt Emilia: „Putin – wen sonst?“

Wenige Meter weiter beobachtet Claudia Bajinski im „top ten“ die vielen Kunden, die zwischen Socken, Sonnenbrillen und Salzgebäck stöbern. Die 21-Jährige aus Spandau arbeitet ab und zu als Aushilfsverkäuferin hier. „Ich pass’ auf, dass niemand etwas mitgehen lässt“, erklärt sie. Dazu muss sie auch mal näher an Kunden herantreten, wenn sie ihr auffällig erscheinen. Zögernd erzählt Claudia, dass sie ein wenig Angst davor hat, wenn sie wirklich jemand beim Stehlen erwischt: „Keine Ahnung, was ich dann tun werde. Etwas peinlich wäre mir das schon.“

Von der Wilmersdorfer Straße fährt ein Oldtimer-Bus direkt zum Messegelände. Auch dort herrscht dichtes Gewimmel. Etwas beschaulicher geht es an der Corneliusbrücke zu. Da spazieren zwei Nonnen ganz im Gespräch vertieft, ein Pärchen joggt und viele, viele Kinderwagen werden hin- und hergeschoben. Benedikta Scheibenzuber hat ihren zehn Monate alten Julian im Café am Neuen See aus dem Wagen genommen: „Sein erster Frühling“, strahlt die Architektin aus Mitte, während ihr Mann das Baby füttert. Benedikta ist Stammgast im Café, genau wie ihre Freundin „Letztes Jahr waren wir noch ohne Kinder hier. Und jetzt haben wir jeder eins“, strahlt Stefanie Böhnel. Ihr zehn Wochen altes Töchterchen Emma verschläft den ersten Frühlingstag seines Lebens zufrieden im Wagen.

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