Berlin : 75 Jahre BVG – aber feiern will das Unternehmen nicht

1929 wurden die Verkehrsbetriebe zusammengeschlossen, heute will man sie trennen

Klaus Kurpjuweit

Vor 75 Jahren war es der große Wurf. Feiern will man das Jubiläum aber nicht. Heute gehen die Pläne auch in eine ganz andere Richtung. Am 1. Januar 1929 nahm die heutige BVG als Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft den Betrieb auf. Zum ersten Mal waren damit alle wesentlichen Verkehrssysteme der Stadt, mit Ausnahme der S-Bahn, vereint. 75 Jahre später will sich die BVG wieder aufspalten – in eine Berliner Verkehrs-Gruppe. Nur so, meint der Vorstand, könne man wettbewerbsfähig werden. Von Plänen, das Jubiläum gemeinsam mit den Fahrgästen zu feiern, ist bisher nichts bekannt.

Vor 25 Jahren war dies noch anders. Zum 50-Jährigen erfreute die BVG die Freunde des Nahverkehrs mit einem großen Fahrzeugkorso auf dem Kurfürstendamm. 200000 Zuschauer kamen, wie der Tagesspiegel damals berichtete. Außerdem gab die BVG eine umfangreiche Broschüre zu ihrer Geschichte heraus. Für den 75. Geburtstag gibt es bisher nur einen vagen Plan für einen Brunnen, der vor der Hauptverwaltung an der Potsdamer Straße gebaut werden könnte.

Dort würde dann wenigstens Wasser fließen. Der Geldhahn ist nämlich schon lange zugedreht. 1979 hatte man dagegen noch aus dem Vollen schöpfen können. Das Defizit der BVG wurde Jahr für Jahr vom Senat – und vom Bund – ausgeglichen.

Begonnen hatte alles ganz privat. 1846 gab es die erste Pferdebus-Konzession für eine private Gesellschaft, der schnell weitere folgten. Der Wettbewerb, der heute politisch wieder gewollt wird, brachte die vielen kleinen Unternehmen jedoch schnell in wirtschaftliche Nöte. So übernahm 1868 die Omnibus-Actien-Gesellschaft den größten Teil des Pferdebusbetriebs. Ähnlich sah es bei der Entwicklung der Straßenbahn aus. Hier wurde mit königlicher Kabinettsorder die erste Konzession für eine Pferdeeisenbahn 1865 erteilt. Weitere Linien durch andere Gesellschaften folgten – bis 1871 die Große Berliner Pferde-Eisenbahn AG gegründet wurde. Innerhalb von nur sechs Jahren wurden bis 1902 das gesamte Pferdebahnnetz auf elektrischen Betrieb umgestellt; betrieben von der Großen Berliner Straßenbahn AG. Auch die erste, 1902 eröffnete U-Bahn-Strecke entstand mit privatem Kapital.

Erst nach der Gründung von Groß-Berlin 1920 übernahm die Stadt nach und nach die Aktienmehrheit bei den Verkehrsbetrieben. Die Verstaatlichung galt damals als unumgänglich. Unter Federführung von Ernst Reuter entstand so die BVG. Reuter war Verkehrsstadtrat und wurde Aufsichtsratsvorsitzender der BVG. Der Verkehrsbetrieb war mit 28000 Beschäftigten der größte Verkehrsbetrieb Europas und das drittgrößte Wirtschaftsunternehmen Deutschlands.

Heute will der amtierende BVG-Vorstand Andreas Graf von Arnim die Kern-BVG auf etwa 6000 Mitarbeiter verkleinern. Viele Tochterunternehmen für die unterschiedlichsten Bereiche sollen dann die neue Berliner Verkehrs-Gruppe bilden. Aber immerhin: Die bronzene Büste von Ernst Reuter in der Empfangshalle der Hauptverwaltung soll – zumindest vorläufig – stehen bleiben.

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