775 Jahre Berlin : Das Lächeln des ersten Berliners

Der erste schriftlich genannte Bewohner der Doppelstadt Berlin-Cölln war Pfarrer Simeon, der erste im Bild gezeigte der Kaufmann Conrad von Belitz.

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FOTO: DORIS SPIEKERMANN-KLAAS
FOTO: DORIS SPIEKERMANN-KLAAS

Ob Simeon und Conrad von Belitz sich gekannt haben? Unwahrscheinlich, denn der Propst wurde zuletzt 1247 in einem Dokument erwähnt, der Kaufmann zwischen 1250 und 1260 wohl in Beelitz geboren und am 10. April 1288 als Berliner Ratsmann im Zunftprivileg für die Schneider genannt. Angesichts der damals geringen Lebenserwartung wird man wohl verneinen dürfen, dass sie sich je über den Weg gelaufen sind. Dennoch gehören beide eng zusammen: der Geistliche als der erste je schriftlich erwähnte Berliner, der Kaufmann als der erste bildlich dargestellte.

Leider nur posthum: Erst nach seinem Tod vor 704 Jahren wurde das Abbild des Conrad von Belitz in eine Grabplatte aus Sandstein geritzt – eine nicht sehr realistische Steinmetzarbeit, die den Kaufmann in einem talarartigen Gewand zeigt, lächelnd, Frisur und Bart geradezu modern, die Hände zum Gebet gefaltet – eine fast mönchische Gestalt. Die lateinische Inschrift sagt uns: „Am 15. Mai im Jahre des Herrn 1308 ist Conrad von Belitz gestorben, dessen Seele in Frieden ruht. Amen.“

Ein Zugereister also, schon daher eine interessante Person für Uwe Winkler vom Stadtmuseum Berlin. Der 57-jährige Historiker studierte an der Humboldt-Universität Geschichte, kam 1983 ans Märkische Museum, schrieb Bücher zur Stadthistorie, verfolgte jene Linien, die das Leben in der Stadt prägten – ein Spezialist für die Geschichten der ältesten Berliner. Conrad von Belitz’ Grabplatte befand sich ursprünglich in der nur noch als Kriegsruine erhaltenen Kirche des Grauen Klosters der Franziskaner und ist heute im Märkischen Museum zu besichtigen. Der reiche Ratsherr, so weiß Winkler zu erzählen, gehörte zu den Pionieren der Berliner Großkaufmannschaft und den führenden Persönlichkeiten der frühen mittelalterlichen Kommune. Sein Name steht zwischen 1290 und 1302 mehrfach im „Hamburger Schuldbuch“, der wichtigsten Quelle zu den Handelsbeziehungen Berlin/Cöllner Kaufleute mit dem sich entwickelnden hansischen Wirtschaftsraum.

Er hatte beträchtliche Geldsummen in das Buch schreiben lassen. Gläubiger waren Großkaufleute aus Gent und Utrecht, was die Teilnahme des Handelsmanns am Warenaustausch bis nach Holland und Flandern belegt. Hauptprodukte der Berliner waren Getreide, vornehmlich Roggen, zu Bohlen oder Brettern geschnittenes Eichenholz für den Schiff- und Städtebau – und „für Bier- und Heringsfässer“, erzählt Winkler. Außerdem exportierten sie Wolle, Pelze, Bier, Pottasche, Wachs und Leinwand für Segel. Importiert wurden flandrische Tuche, Metall, Steinzeug, Waffen, Gewürze, Heringe. Die Waren schwammen auf märkischen Frachtkähnen über Spree, Havel und Elbe. Ging es von dort weiter, wurden sie in Hamburg auf seetüchtige Koggen umgeladen.

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