775 Jahre Berlin : Ein Krümel in der Mark

Der Kartograph Ortelius schuf im 16. Jahrhundert den ersten modernen Atlas. Auf seiner Brandenburg-Karte von 1588 taucht winzig auch Berlin auf

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STADTPLÄNE ZUM SAMMELN.
STADTPLÄNE ZUM SAMMELN.

Berlin? Ein Krümel in der großen Streusandbüchse, die die Mark Brandenburg im Jahr 1588 ist. Östlich des Flusses „Spre“ gelegen, der Name gegenüber denen der umliegenden Orte in größeren Lettern, die westlich verzeichnete Schwesterstadt „Coln“ erkennbar von geringerer Bedeutung. Zusammen wohnen dort etwa 11 000 Menschen, verglichen mit den 2000 Berlinern und Cöllnern, die es Mitte des 13. Jahrhunderts gab, ist das schon beachtlich, aber noch kein wirklicher Sprung nach vorn. Erst 1710 werden Berlin und Cölln sowie die ebenfalls Stadtrechte genießenden Erweiterungen Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin verbunden.

Man findet die beiden Schwesterstädte ziemlich genau in der Mitte der von dem flämischen Kartografen Ortelius angefertigten Karte. Nordwestlich von Berlin und Cölln, oberhalb des Zusammenflusses von Spree und Havel, ist ein größeres Gewässer verzeichnet, es muss sich um den Tegeler See handeln. Gut erkennbar sind auch die heute von Berlin geschluckten Gemeinden „Spandaw“, „Welmsdorff“, „Copenigk“ und Grunewald. Im Nordosten der Doppelstadt findet man Schloss Grimnitz („Grimnitz iagth“) und den gleichnamigen Ort, wo Kurfürst Joachims II. Gemahlin sich an Hirschgeweihen aufspießte und er selbst Anna Sydow, erst „Schöne Gießerin“, dann „Weiße Frau“, fand. Im Nordwesten dagegen liegt „Havelburg“, heute Sitz des Prignitz-Museums am Dom Havelberg, in dem das Original der Landkarte aufbewahrt wird. Vor rund zehn Jahren hatte man es dort bei einer Auktion ersteigert.

Die Karte stammt von einem der berühmtesten Kartografen des 16. Jahrhunderts: Abraham Ortelius, geboren 1527 in Antwerpen und dort 1598 auch gestorben. Eigentlich hieß er Ortels, aber eine Latinisierung des Namens galt zu seiner Zeit gerade unter Gelehrten als todschick. Antwerpen war mittlerweile das Zentrum der europäischen Kartenproduktion, zuvor waren italienische Kartografen führend gewesen. Gut möglich, dass darin der Grund zu suchen ist, warum der Berliner Historiker und Geograf Karl Friedrich Klöden, als er 1839 eine Karte erstellte, die Berlin zwischen 1250 bis 1270 zeigen sollte, bei den Ortsnamen auf einen merkwürdigen Mischmasch aus Deutsch und Niederländisch verfiel (siehe: Teil 1 dieser Serie, Tagesspiegel vom 21. Oktober).

Ortelius war ein Pionier, dessen Hauptwerk „Theatrum Orbis Terrarum“ sogar in der Library of Congress in Washington aufbewahrt wird, neben kartografischen Preziosen wie der Waldseemüller-Karte von 1507, der ersten, auf der die Neue Welt mit dem Namen America benannt wird. Ortelius’ Leistung war ein merkantiler Geniestreich: Als Erster stellte er im „Theatrum Orbis Terrarum“ Landkarten in Buchform zusammen, schuf also den ersten modernen Atlas, auch wenn der Ruhm, dieses Wort gestiftet zu haben, seinem aus Flandern stammendem Kollegen Gerhard Mercator zukommt. Mit ihm, der ein solches Kartenbuch aber erst 15 Jahre später herausbrachte, soll Ortelius zusammengearbeitet haben. Zum Buch verbundene Kartensammlungen hatte es zwar auch schon aus italienischer Produktion gegeben, aber sie blieben in der Zusammenstellung auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt, mit Karten unterschiedlicher Größen. Atlanten im heutigen Sinne waren es nicht.

Der Atlas des Ortelius wurde erstmals 1570 in Antwerpen gedruckt, 70 Karten auf 53 Blättern mit Erläuterungen. Dafür griff er auf bereits existierende Karten zurück, besonders auf die 1569 erschienene Weltkarte von Mercator – Quellen, die er in einem „Catalogus Auctorum“ sorgfältig verzeichnete, was unter Kartografen damals leider nicht üblich war. Der Atlas wurde bis 1612, also über Ortelius’ Tod hinaus, insgesamt 31 Mal aufgelegt, war zuletzt auf 167 Karten angeschwollen. Auch die Brandenburg-Karte von 1588 gehörte ursprünglich zu solch einem Konvolut. Über die Provenienz des kostbaren Blattes gibt es im Prignitz-Museum keine genaueren Informationen.

Ortelius war aber noch auf einem weiteren Gebiet wegweisend. In seinem Werk „Theasaurus Geographicus“, ebenfalls erstmals 1570 in Antwerpen publiziert, verweist er auf die offenbar analogen Küstenverläufe von Europa/Afrika und Amerika, äußert auch die Vermutung, dass Nord- und Südamerika „durch Erdbeben und Fluten“ weggerissen wurden. Dies wird als die Keimzelle zur Theorie der Kontinentalverschiebung angesehen, die besonders mit dem Namen des Geowissenschaftlers Alfred Wegener verbunden ist.

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