775 Jahre Berlin : Quer durch die Jahrhunderte

Zwischen 1415 und 1710 machte Berlin einen Riesenschritt vorwärts. Ein Vergleich der Stadtpläne macht das besonders deutlich.

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STADTPLAN ALS KUNSTDRUCK. Diesen Grundriss von Berlin zur Zeit des ersten Preußenkönigs samt kleinerem Plan Berlins von 1415 gibt es als Kunstdruck auf hochwertigem Designpapier zu kaufen. Außerdem fünf weitere historische Karten aus unserer Serie. Sie sind ab Montag, 29. Oktober, erhältlich im Tagesspiegel-Shop am Askanischen Platz 3 oder zu bestellen unter www.tagesspiegel.de/shop. Das Einzelexemplar kostet 12,90, das Sammlerset mit sechs Drucken 68 Euro.
STADTPLAN ALS KUNSTDRUCK. Diesen Grundriss von Berlin zur Zeit des ersten Preußenkönigs samt kleinerem Plan Berlins von 1415 gibt...

775Jahre,Marienkirche,Petrikirche,Nikolaikirche,StadtplanBerlin, wie haste dir verändert!“ Ein geflügeltes Wort, gültig seit den Anfängen der Stadt und besonders anschaulich zu machen, indem man Stadtpläne aus verschiedenen Jahrhunderten zusammenlegt – oder eben auf ein Blatt druckt wie im vorliegenden Fall: Groß der Grundriss Berlins um 1710, also der Stadt Friedrichs I., der sich neun Jahre zuvor mit kaiserlicher Zustimmung zum König in Preußen gekrönt hatte. Klein der Stadtplan von 1415, als es einen Friedrich I. schon einmal gab, den ersten Hohenzollern in Brandenburg, der in jenem Jahr zum Kurfürsten und Markgrafen erhoben worden war.

Historisch original ist keine der beiden Darstellungen. Sie entstammen dem um 1843 erschienenen Buch „Erinnerung an Berlin und Charlottenburg“ von A. Hübenthal, dem eine 49 mal 34 Zentimeter große Lithografie mit den beiden Stadtplänen und vier Ansichten Berliner Kirchen beigefügt war. Beim Stadtplan von 1710, der den Stadtkern noch umgeben von den barocken Festungsbauwerken zeigt, konnte sich Hübenthal immerhin auf zeitgenössische kartografische Werke stützen. Der von 1415 musste teilweise Spekulation bleiben. Der erste authentische Berliner Stadtplan stammt aus dem Jahr 1652.

Dennoch vermittelt der kleine Grundriss eine Vorstellung davon, wie die Doppelstadt Berlin/Cölln Anfang des 15. Jahrhunderts ausgesehen haben muss. Als ursprüngliche Fixpunkte sind korrekt Petri-, Nikolai- und Marienkirche verzeichnet, in Berlin ergänzt um die Franziskanerkirche zum Grauen Kloster und die heutige Heilig-Geist-Kapelle, damals mit Hospital, in Cölln dagegen um die Klosterkirche der Dominikaner. Nordöstlich, weit außerhalb der Stadtmauern, lag die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Georgenkirche, auch sie ein Sakralbau mit angeschlossenem Hospital, das ursprünglich zur Versorgung auswärtiger Aussätziger errichtet worden war. An die alte Gertraudenkirche südwestlich von Cölln, ebenfalls mit angeschlossenem Hospital, erinnert dort nur noch der Name Spittelmarkt.

Zu weit im Süden hat Hübenthal die Lage des gemeinsamen Rathauses von Berlin und Cölln vermutet. Es wurde Anfang des 16. Jahrhunderts abgerissen, sein genauer Standort ist nicht bekannt, aber man weiß, dass es sich an oder auf der Langen Brücke (heute: Rathausbrücke) befand, nicht am Mühlendamm, wie es auf der Karte verzeichnet ist. Korrekt sind aber das Hohe Haus, die „Wohnung des Churfürsten“, sowie die Stadtmauer quer über den Cöllner Werder, auf dem späteren Schlossbauplatz, eingezeichnet. Es sollten die beiden Hauptschauplätze des Berliner Unwillens von 1448 werden, mit dem sich Friedrich II. „Eisenzahn“ herumärgern musste. Von den vier ergänzend abgebildeten Sakralbauten hat die „Schloss- u. Dom-Kirche“ die stärkste Verbindung zu den damaligen sozialen und politischen Turbulenzen. „Ehemalig“ ist sie nur aus der Perspektive Hübenthals. Erst 1747, unter König Friedrich II., dem „Großen“, wurde die Kirche abgerissen und durch einen Neubau am Lustgarten ersetzt, zur Zeit Friedrichs I., aus der die große Karte stammen soll, stand sie noch. Die Ursprünge der Kirche reichen weit ins Mittelalter hinein. Sie entstand aus dem Gotteshaus des ehemaligen Dominikanerklosters, das um 1300 an dieser Stelle gegründet worden war. Fundament- und Mauerreste wurden erst vor wenigen Jahren bei Grabungen wiedergefunden.

Auch bei der Petrikirche waren die Archäologen erst in jüngerer Zeit erfolgreich und gruben sich durch die Schichten von gleich drei Vorgängerbauten des neugotischen, im Krieg schwer beschädigten und 1960 abgetragenen Gotteshauses. Die Wirkungsstätte des späteren Propstes Simeon, dessen Erwähnung in einem Dokument von 1237 den Anlass zur 775-Jahr-Feier Berlins gab, war im 14. Jahrhundert wegen Baufälligkeit umgebaut worden, wie ohnehin der Kirche eine bewegte Baugeschichte beschieden war. Als 1730 ihr Turm von einem Blitz getroffen wurde, löste das einen Stadtbrand aus. Der Nachfolgebau büßte erst seinen Turm ein, der 1734 einstürzte, 1809 brannte die Kirche komplett ab – Anlass für einen Neubau, der beim Häuserkampf 1945 beschädigt wurde.

Auch die Marienkirche hat ihre Blitz-Geschichte: 1661 ging die noch aus dem Mittelalter stammende Turmspitze bei einem Gewitter in Flammen auf. Das hätte für die Kirche und die benachbarten, sich damals eng herandrängenden Wohnhäuser böse ausgehen können, wäre nicht der schneidige Generalfeldzeugmeister von Sparr gewesen. Der wies seine Kanoniere kurzerhand an, die Spitze herunterzuschießen – ein artilleristisches Bravourstück, das die Bürger mit dem ungeliebten, in ihren Häusern einquartierten Militär ein wenig versöhnt haben dürfte. Doch auch später stand der hölzerne Helm des Turms noch mehrfach in Flammen. Die Nikolaikirche, Mitte des 17. Jahrhunderts Wirkungsstätte des Kirchenlied-Dichters und Diakons Paul Gerhardt, heute Teil des Stadtmuseums Berlin, gilt aufgrund von erhaltenen Mauerresten der Urkirche als das älteste Berliner Bauwerk. Wiederholt hat sich ihre Form gewandelt. So wurde der asymmetrische Turmbau erst beim Umbau 1876/79 durch zwei neugotische Backsteintürme mit zwei Spitzen versehen. Als Kirche wurde der Bau zuletzt 1938 genutzt und im Krieg schwer beschädigt. Erst seit den frühen Achtzigern präsentiert sie sich in rekonstruierter Form.

CA. 1843]

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