Berlin : 81,6 Prozent Ehre für Eberhard Diepgen

Der ehemalige Regierende Bürgermeister erinnerte die CDU an glorreiche Zeiten – jetzt hält sich die Partei wieder für regierungsfähig

Werner van Bebber

Es war, als kämen die alten Zeiten wieder. Eberhard Diepgen trat ans Rednerpult, ließ den Blick über sein Publikum hinweg ins Irgendwo schweifen und versprach, nur ein paar Bemerkungen zu machen. Dann legte der neue Ehrenvorsitzende los und erinnerte an die 90er Jahre, wiederbelebte die Berliner CDU als „Partei der sozialen Gerechtigkeit“, die Politik mache „für die ganze Breite der Bevölkerung“. Als Diepgen dann erklärte, wie er sich Berlin im Jahr 2014 vorstelle – mit einer Landung des amerikanische Präsidenten zum Staatsbesuch auf dem Flughafen Tempelhof, der Freien Universität als Stiftungsuniversität und Transrapid-Verbindungen nach Warschau und Prag – da gefror einigen das freundliche Lächeln in Richtung des Ehrenvorsitzenden: So ausführlich, so voller Reminiszenzen an die 90er hatten sie sich Diepgens „Bemerkungen“ nicht vorgestellt.

Dann aber gab es rote Rosen für den Mann, der durch die Verleihung des Ehrentitels in den politischen Unruhestand geschickt wird: Er wird sich einmischen, das ist erwünscht – aber nicht als einer, der noch einmal etwas werden will. Im Landesvorstand weist man mit Hegel im Hinterkopf auf die Bedeutungen des Wortes „aufheben“: Diepgen sei nun endlich emporgehoben worden in die höheren Sphären der Geehrten. Aufgehoben sei nun auch der ungute Zustand, in dem die Partei – und Diepgen – meinten, die Partei schulde Diepgen noch etwas. Sehr frei nach Hegel sei Diepgen nun auch aus der Tagespolitik herausgehoben worden – was zur Folge habe, dass er sie nicht mehr beeinflussen werde. Diepgens 81,6 Prozent wurden mit „okay“ über „gut“ bis „ehrlich“ kommentiert – es war, als atmeten die Delegierten in Erinnerung an gute Zeiten durch, um dann schnell weiterzumachen mit dem, was man sich vorgenommen hatte.

Das sind zwei Projekte. Erstens die Wiederherstellung des Selbstbewusstseins. Zweitens die Erfindung eines Programms. Mit der Wiederherstellung des Selbstbewusstseins ist die CDU schon weit gekommen. Jedenfalls glauben das ihre Chefs, der Landesvorsitzende Joachim Zeller und der Fraktionsvorsitzende Nicolas Zimmer. Ein Dreivierteljahr erst liegen die Demontage des Landesvorsitzende Christoph Stölzl und des Fraktionschefs Frank Steffel zurück, da hält Zeller seine Partei für fähig, den politischen Wechsel in der Stadt „vorzeitig“ herbeiführen zu können. Die CDU sei bereit, um eine „Themenoffensive“ zu beginnen, verheißt der Mann, der im Hauptberuf Bürgermeister von Mitte ist – und die Parteifreunde lassen ihn am Ende seiner halbstündigen Bearbeitung der Berliner Polit-Agenda durch Langstreckenbeifall spüren, dass sie ihn mehr mögen als bei seiner Wahl zum Landesvorsitzenden im Mai 2003. Dann Zimmer: Er zeigt, dass er polemisch werden kann, wenn er sich zu Hause fühlt. Den CDU-Lieblingssenator Peter Strieder erinnert er an dessen hämische Worte über den moralischen Zustand der CDU während der Bankenaffäre, um ihn jetzt „einen üblen Heuchler“ zu nennen. Harte Worte hörten die Delegierten gern – sie applaudierten jedem, der die Berliner CDU für auferstanden erklärte. Als aber Rupert Scholz, der Mann für gehobenes konservatives Gedankengut, vom Selbstverständnis der Hauptstadt sprach und so etwas wie Ehrgeiz verlangte, da hörte kaum einer zu.

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