Berlin : 82 Jahre und kein bisschen lauter

Marcel Marceau besucht zum Gastspiel Berlin. Heute Abend ist Premiere mit dem großen Pantomimen

Constance Frey

Wie verhält man sich gegenüber einer lebenden Legende, noch dazu, wenn es Marcel Marceau ist? Wird der Pantomime nach all den Interviews in seinem 82-jährigen Leben überhaupt noch was zu erzählen haben? Doch kein Problem: Der alte Herr mit den zerzausten blonden Haaren, der seine Gäste freundlich in einer Suite des Hilton willkommen heißt, plaudert drauflos. Seine Stimme klingt jugendlich und warm. Das zerfurchte Gesicht wird von den leuchtenden Augen unter den dichten Brauen beherrscht.

In Berlin ist er 1951 zum ersten Mal bei den Berliner Festwochen aufgetreten. „Das deutsche Publikum ist sehr sensibel und besitzt eine große Kultur“, sagt Marcel Marceau. „Deutschland ist meine zweite artistische Heimat geworden.“ Nur artistisch, wohl gemeint, betont er augenzwinkernd. Der Sohn eines jüdischen Metzgermeisters hat im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft, marschierte nach der Befreiung von Paris nach Deutschland ein. Ihm liegt die Unterscheidung zwischen Nazis und Deutschen am Herzen. Beim Sprechen zieht der Künstler mit der Hand Linien durch die Luft, meißelt passend zu einer Anekdote in einen imaginären Stein. Dabei entstehen die Gegenstände in der Vorstellung so klar, dass die Konzentration auf das gesprochene Wort schwer fällt.

Humor ist universell, sagt der Pantomime. Chinesen, die hinter vorgehaltener Hand vor Lachen fast erstickten, weil man ihnen laute Ausbrüche verboten hatte, Argentinier, die am Ende der Vorstellung laut „Hola Marcel“ riefen, oder aber das deutsche Publikum, das ihn mit standing ovations bedachte – allen ist Marcel Marceaus Werk zugänglich. 100 Mal im Jahr tritt der 82-Jährige heute auf, früher waren es jährlich 250 Shows, die der Künstler in etwa 90 Ländern gezeigt hat. Wie er das macht? „Vielleicht hilft mir Gott“, sagt er. „Solange ich die Kraft habe, werde ich weiter auftreten.“ Beweisen muss sich der weltberühmte Künstler nichts mehr. Nach zahllosen Filmen, Auftritten und Begegnungen mit Stars und Staatsoberhäuptern aus aller Welt kann er auf eine großartige Karriere blicken.

Mit seiner Show ist er oft nach Berlin gekommen, zuletzt im vergangenen Sommer. Auch dieses Mal wird er eine Auswahl seiner „Pantomimes de style“ und natürlich Pantomimen der Figur Bip zeigen, die er vor 58 Jahren schuf. Auf der Bühne stehen ihm Assistenten zur Seite. Dieses Mal sind es zwei ehemalige Schüler, Alexander Neander und Gyöngyi Biro, die ihn „Maestro“ nennt. „Ich bin ihr Meister und ihr Freund“, sagt Marcel Marceau. Dabei lächelt er ganz bescheiden.

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