Ein Leben in Ost-Berlin

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9. November 1989 : Was es bedeutete, mit der Mauer aufzuwachsen - und danach
von und Claudia Seiring, Frank Herold
Leben mit der Grenze. An manchen Orten in der Stadt kriegt Frank Herold noch heute ein "Mauergefühl".
Leben mit der Grenze. An manchen Orten in der Stadt kriegt Frank Herold noch heute ein "Mauergefühl".Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Frank Herold, 58 Jahre, geboren in Ost-Berlin

Das kleine Schwarz-Weiß-Bild im ersten Berliner Fotoalbum der Familie zeigt einen Zweijährigen am Straßenrand vor dem KaDeWe. Der Junge bin ich. Onkel und Tanten aus der vogtländischen Provinz sind in Berlin zu Besuch, ihnen wird an einem sonnigen Tag der Westen gezeigt. Der Junge sieht gelangweilt aus oder müde, er will wohl nach Hause. Es ist Frühsommer 1961. Wenig später sind solche Ausflüge nicht mehr möglich. In einer Nacht im August ist der Vater zum Einsatz der Kampfgruppe gerufen worden. Sie haben den Westteil Berlins eingemauert. Kampfgruppe – ein fast vergessenes Wort.

Pankow, Tiroler Viertel – in wenigen hundert Metern Entfernung der Mauer bin ich aufgewachsen. Die undurchdringliche Barriere in den Westen gehörte in der Kindheit so sehr zum Alltag, dass sie in meiner Erinnerung nicht einmal etwas besonders Schreckliches hat. Stellenweise wirkte sie sogar völlig absurd. Zum Beispiel, wenn man mit der S-Bahn von Pankow zum Bahnhof Schönhauser Allee fuhr. Die Schienen verliefen im Niemandsland, sowohl der Osten als auch der Westen waren hier paradoxerweise unerreichbar. Der Zug fuhr Höchstgeschwindigkeit und die Türen waren verriegelt.

Die Mauer blieb im Kopf

Sehr viel später erst wuchs das Gefühl, nicht der Westen der Stadt sei die Insel, sondern jener Teil, in dem ich lebte. Die Nähe der Grenze machte den Wunsch, sie zu überschreiten, wohl besonders groß. Doch viele Möglichkeiten gab es dafür nicht. Die Mauer wirkte bis ins Unterbewusstsein. Sie hatte sich dort so sehr festgesetzt, dass sie manchmal in meiner Vorstellung unerklärbarer Weise sogar in Städten auftauchte, in die sie gar nicht gehörte. Als die Mauer als physische Barriere fiel, blieb sie so doch im Kopf als immer wieder aufscheinende Irritation.

Shopping-Mall & Todesstreifen: der Leipziger Platz
Und so sah es früher hier aus. Schau an, da drüben, das ist doch .... der Leipziger Platz! Diese Aufnahme, fotografiert von den ollen Holzpodesten an der Mauer, entstand in West-Berlin, mit Blick auf die Leipziger Straße. 2014 wird der Platz fast wieder komplett sein.Weitere Bilder anzeigen
1 von 85Foto: Imago
18.09.2015 12:05Und so sah es früher hier aus. Schau an, da drüben, das ist doch .... der Leipziger Platz! Diese Aufnahme, fotografiert von den...

Manchmal kommt es noch immer an die Oberfläche, dieses „Gefühl“ für die Mauer. Es gibt, wenn man so will, mentale Triggerpunkte in der Stadt. Solche sind für mich beispielsweise die eloxierten Stahlstäbe in der Bernauer Straße, die symbolisch an den tatsächlichen Verlauf der Mauer erinnern. Nicht weniger wirkt an manchen Orten die Doppelreihe aus Kopfsteinpflaster auf mich, die einfach auf die Fahrbahn oder den Bürgersteig eingelassen ist.

Auch der Ort, den Tausende von Touristen jeden Tag für die Inkarnation der Mauer halten, lässt mich nicht unberührt. Die East Side Gallery macht mich ärgerlich. Manchem gilt die bemalte Wand am Spreeufer zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke als das letzte erhaltene Stück Hinterlandmauer. Aber wenn man die echte Mauer kennt, ist sie in Wahrheit nur Historienkitsch.

Die East Side Gallery als historisierende Resteverwertung

Im Herbst und Winter vor 28 Jahren malten die Künstler ihre Bilder grotesk, surreal, naiv, absurd, abstrakt – und nicht etwa für die Ewigkeit. Sie waren vielmehr davon ausgegangen, dass die Mauerspechte – auch ein fast vergessenes Wort – die Werke lange vor der Verwitterung in kleine Stücke zerlegen würden. Es kam anders. Spätestens seit dem Zeitpunkt aber, als vor knapp zehn Jahren das vor sich hinbröselnde Mauerstück in der Mühlenstraße grundsaniert wurde, ist das kein historischer Ort mehr. Es ist historisierende Resteverwertung. Ein großer Spaß für Touristen, zugegeben, und er sei ihnen von Herzen gegönnt. Dass diese das Bauwerk als Spaßobjekt benutzen, ist nur folgerichtig. Weder Ordnungsamt noch Wachdienste helfen dagegen, dass der anderthalb Kilometer langen Betonwall zur Projektionsfläche, zur Fototapete wird. Und die Touristen wollen nicht nur ein Bild mitnehmen, sondern auch etwas dalassen. Ihre Graffiti.

Will man das nicht, dann muss die Mauer weg. Doch mit solchen Wünschen muss man vorsichtig sein. Vor 28 Jahren wurde diese Forderung bejubelt, heute wäre sie Aufruf zur Sachbeschädigung. Oder wie steht es so schön an der East Side Gallery: „Beschädigung und Verunreinigung sind untersagt und werden strafrechtlich verfolgt!“

Das ist ein Deutsch, das dann doch wieder ziemlich authentisch an die bedrückende Geschichte dieses Ortes erinnert.

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