Berlin : 9. November 1989: "Für mich stand Flucht nie zur Debatte"

Stephan Wiehler

Nein, als Held habe er sich nie gefühlt, sagt Harald Jäger. Doch diesen Nimbus wird der Kioskbesitzer aus Prenzlauer Berg wohl nicht mehr los. Im vergangenen Jahr, zum zehnten Jahrestag der Maueröffnung, haben sie ihn unzählige Male nach seiner historischen Tat befragt, sogar aus Japan und den USA kamen Fernsehteams zu Interviews mit ihm. Der ehemalige Oberstleutnant des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der heute vor elf Jahren am Grenzübergang Bornholmer Straße den Schlagbaum öffnete, sieht seine damalige Rolle weitaus bescheidener.

"Ich hatte keine Wahl", sagt der 56-Jährige über seinen einsamen Entschluss, der die Welt bewegte und ihn arbeitslos machte. Den Lauf der Geschichte, der in jenen dramatischen Abendstunden des 9. November 1989 als Tausendfüßler die Straße daherkam, konnten Jäger und die 16 Grenzwächter nicht aufhalten - schon gar nicht mit vier Maschinenpistolen und 120 Schuss Munition. "Wir wussten, wenn wir schießen, dann hängen die uns am Fahnenmast auf."

In jenen Stunden, da sich Zehntausende DDR-Bürger vor dem Grenzübergang drängelten, an dem Harald Jäger 25 Jahre im Dienst der deutschen Teilung stand, habe er sich einsam wie nie gefühlt. Bis zuletzt hoffte der diensthabende MfS-Kommandant auf einen erlösenden Befehl von oben. Doch die gelähmte Führung antwortete nicht auf seine Sturmwarnungen. Eigenmächtig hob der Oberstleutnant eine halbe Stunde vor Mitternacht die erste Schranke des Eisernen Vorhangs in Deutschland.

Während sich ein endloser Strom begeisterter Menschen zum spontanen Freudenfest in den Westen wälzte, blieb Jäger zurück mit einem "Gefühl, als drehe sich mir der Magen um". Viele seiner Kollegen seien mit der Situation überfordert gewesen. Von Sektflaschen umschwenkt und wildfremden Mitbürgern umarmt, geriet für manchen DDR-Grenzhüter die Welt aus den Fugen. "Jedes weitere Zögern hätte unweigerlich zu Gewalt geführt." Noch heute denke er oft daran, "was geschehen wäre, wenn wir uns anders verhalten hätten". An der Öffnung der Grenzen, sagt er, habe kein Weg vorbei geführt, doch "es hätte länger gedauert. Die Nacht vom 9. November hat die weitere politische Entwicklung entscheidend mitbestimmt." Ein wenig Stolz schwingt da schon mit in der Stimme des ehemaligen Stasi-Mannes, der sich rechtzeitig dem Druck des Volkes beugte. Auch wenn er damit zum Untergang des Staates beigetragen hat, dem er bis zuletzt die Treue hielt.

Aufgewachsen in einem "kommunistischen Elternhaus" in Bautzen, meldete sich der gelernte Ofensetzer im Februar 1961 freiwillig zur Grenzpolizei, überzeugt, der Sicherung von "Frieden und Sozialismus" gleichermaßen zu dienen: "Für mich stand Flucht nie zur Debatte." Natürlich habe es in der DDR an vielem gemangelt. "Die desolate Lage habe ich täglich selbst erlebt, aber ich zweifelte dennoch nie am sozialistischen Gesellschaftsmodell. Wir lebten mit diesem Widerspruch." Die Fluchtwelle im Sommer 1989 machte ihn fassungslos: "Ich habe mich geschämt für unsere Bürger", gesteht er. Doch mit den Massendemonstrationen wuchsen auch bei den Grenzhütern die Zweifel. "Wir fühlten uns mitverantwortlich für das Fluchtproblem, das unserer Meinung nach nur aufgrund der fehlenden Reisefreiheit bestand." Illusorisch hingegen seien ihm die Rufe "nach freien Wahlen oder nach Pressefreiheit im bürgerlichen Sinne" vorgekommen. Jäger schmunzelt, denn inzwischen sichert ihm die freie Presselandschaft das Einkommen. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er einen Zeitschriftenkiosk in Prenzlauer Berg. "Man kann Kapitalist sein, ohne seine sozialistischen Ideale zu verleumden", lautet heute der Widerspruch, mit dem er zu leben gelernt hat.

Die Wendung zum Bundesbürger fällt ihm auch zehn Jahre nach der deutschen Einheit noch schwer. 1990 hätte er zum Bundesgrenzschutz wechseln können. Aber das verinnerlichte Freund-Feind-Bild ließ sich nicht abstreifen wie die Uniform: "Ich hätte mich selbst verraten." Zwei Jahre blieb er zunächst arbeitslos.

Zum Westen der Stadt hält Harald Jäger bis heute Distanz. "Ich war einmal drüben, Anfang 1990 am Kurfürstendamm, aber seitdem nicht wieder." Nur einmal, im Juli vergangenen Jahres, ist er zurückgekehrt an den früheren Grenzübergang Bornholmer Straße. Zum ersten Mal überquerte er dabei die Bösebrücke. Der weiße Strich, der hier einst die "Sektorengrenze" markierte, ist längst verwittert. Doch den Weg auf die andere Seite, dorthin, wo der Westen Wedding heißt, ging Jäger nur zögerlich. "Ein mulmiges Gefühl" sei das gewesen, erinnert er sich. Nach wenigen Metern kehrte der Grenzgänger zurück in den Osten.

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