Berlin : 9. November: Das doppelte Lottchen

Lothar Heinke

Kurz nach dem Mauerfall brachte diese unsere Zeitung ein Plakat hervor, bei dem jeder auf den ersten Blick sah, wie reich wir eigentlich sind. "BERLIN IN EINEM" stand darüber, und dann folgten zwei mal elf Fotos mit zweiundzwanzig ähnlichen Motiven. Der Witz an der Sache war, dass diese Bauten je zur Hälfte im Westen und im Osten standen, aber ein und dieselbe Bestimmung hatten.

Das Plakat illustriert gewissermaßen den berühmten Willy-Brandt-Satz, dass nun zusammenwächst, was zusammengehört - die Stadt. Ihre zertrennten Bezirke. Die S-Bahn-Gleise. Das Telefonnetz. Die Radiowellen und solche Sachen. Die waren natürlich nicht auf dem Plakat. Dafür andere fotogene Einrichtungen in Ost und West. Zum Beispiel: Die Flughäfen Tegel und Schönefeld. Die Nationalgalerien West und Ost. Die Kraftwerke Reuter (West) und Klingenberg (Ost), die Trabrennbahnen in Mariendorf und Karlshorst, die Deutsche Oper und die Staatsoper, die beiden Staatsbibliotheken und die Universitäten - also die Humboldtsche Linden-Uni und die Freie, die FU. Immer, wenn "Frei" besonders betont wird, kann man sicher sein, dass es sich um eine Neugründung, also um ein junges Unternehmen aus dem Westteil der Stadt handelt - Freie Volksbühne, Freie Universität, Sender Freies Berlin. Aber in die Kategorie "Doppeltes Lottchen" gehörte das allemal.

In den Jahren der Teilung, also eigentlich von 1945 bis 1990, wollte man wechselseitig immer das haben, was auch der andere besaß. Die Knobelsdorffsche Linden-Oper stand nun einmal unverschiebbar beim Alten Fritzen hoch zu Ross - also musste eine moderne Deutsche Oper her. Im Zoo atmeten die Tiere die Luft des Westens - also baute man im Osten den weitläufigen Tierpark Friedrichsfelde.

Angesichts dieses Plakats, das eigentlich ins Deutsche Historische Museum gehört, aber bei uns im dritten Stock vor einem wichtigen Zimmer hinter Glas hängt, befällt einen sofort die Lust, weitere doppelte Lottchen aus dem Gedächtnis zu kramen. Philharmonie und Staatskapelle oder BSO, Kunsthochschule Weißensee und Hochschule der Künste, zwei Akademien der Wissenschaften, die längst zu einer verschmolzen sind, ein Fernsehturm, der im Osten gebaut wurde, weil der alte Funkturm im Westen steht, eine stolzes neues Charité-Hochhaus im Osten contra diverser Kliniken im Westen, ein schönes, aber renovierungsbedürftiges Schloss Niederschönhausen im Osten und Bellevue wie Charlottenburg im Westen, ein ICC West und ein Republikpalast im Osten - der hat als einer von wenigen die Einheit nicht überlebt...

Nun gab es nach den euphorischen Tagen des allgemeinen Mauerdurchbruchs heute vor zwölf Jahren durchaus sonore Siegerstimmen, die nun gleich die Ost-Lottchen abschaffen wollten. Architekten sägten im Geiste den Fernsehturm um wie einen Weihnachtsbaum, Biologen dachten an einen tierischen Umzug der Arche Noah von Friedrichsfelde zum Bahnhof Zoo, und auch der Friedrichstadtpalast hätte seine Girlbeine nicht mehr in der Friedrichstraße schmeißen lassen müssen. Aus BVB wurde BVG, und das Deutsche Historische Museum im Zeughaus erlebte seinen neuen Frühling. Die Bücher der neuen Stabi West und der ehrwürdigen Stabi Ost traten in einen regen Gedanken- und sonstigen Austausch. Fortsetzung beliebig - es darf gequizt werden.

Jede Hälfte hatte ihren Stolz. Und ihre eigene Selbstverständlichkeit. Aber längst sind die meisten der doppelten Lottchen für den anderen unverzichtbar. Wir brauchen sie. Wir benutzen sie. Wir lieben sie. Schon unser flüchtiger Berlin-Besucher Johann Wolfgang von Goethe erkannte diese Doppeldeutigkeit in seinem Lobgesang auf Ginkgo-biloba, den hier so hoch verehrten Ginkgo-Baum: "Ist es e i n lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, daß man sie als e i n e s kennt? Solche Fragen zu erwidern fand ich wohl den rechten Sinn. Fühlst du nicht an meinen Liedern, daß ich eins und doppelt bin?"

Legt nur, zwölf Jahre nach dem Wunder, die Einheitsgaben beider Seiten auf zwei Schalen und guckt genau hin: Berlin in einem hält sich die Waage. Ein gerechtes Unentschieden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar