Berlin : 9. November: Die Mauer - oder was danach aussieht

Lars von Törne

Was? Das hier war gar nicht die echte Mauer?" Hannes schaut ungläubig auf die mit bunten Graffiti bedeckte Betonwand. "Ich hätte schwören können, dass da oben dieser runde Betonaufsatz drauf war und direkt daneben der Todesstreifen lag." Irritiert schüttelt der 23-Jährige aus Prenzlauer Berg den Kopf. Seit Kindertagen wohnt er um die Ecke in der Eberswalder Straße. "Das kann ich nicht glauben - sogar meine Eltern haben mir immer erzählt, dass das Stück hier der Ost-Teil der Mauer gewesen ist." Das schlichte Bauwerk, um das es geht, ist 50 Meter lang, drei Meter hoch und steht am östlichen Rand des schmalen Grünstreifens namens Mauerpark, auf einem Hügel zwischen Wedding und Prenzlauer Berg. Am Fuße des Hügels begann bis 1989/90 die "echte" Mauer, mit zwei Reihen Betonwall, Todesstreifen und Fahrspur für die Grenzer. Ein paar Pflastersteine im Gehweg zeigen, wo die Mauer auf östlicher Seite verlief. Ansonsten ist von den Sperranlagen in dem Park nichts mehr zu sehen. Die simple Betonwand hingegen, die das Gelände des benachbarten Stadions nach Westen hin abgrenzt, hat die Wende überstanden. Und sie ist vor allem für Besucher mangels "echter" Grenzanlagen zu einer Art Mauerersatz geworden: Die Grenzwelt als Wille und Vorstellung.

Wobei die Definition, was denn die "echte" Mauer war, in diesem Fall nicht leicht ist. Denn die Wand hinter dem Stadion wurde tatsächlich kurz nach der am 13. August 1961 begonnenen Mauer gebaut, wie Anwohner Otto Tietze berichtet. Er ist 59 Jahre alt und kann sich noch gut daran erinnern. "Damit sollte verhindert werden, dass Besucher des Stadions der Sperrzone vor der Mauer zu nahe kommen", sagt er. Aber wäre die Absperrung damit nicht doch ein Stück echte Mauer? "Nein, die echte Mauer lief hier unten lang, nicht da oben", sagt Tietze mit Nachdruck und zeigt zur Bekräftigung auf die unscheinbare Markierung im Boden.

Nicht nur Anwohner, auch Touristen kann die Begegnung mit der Graffiti-Wand verwirren. Sie landen auf der Suche nach der Mauer im gleichnamigen Park vor einem bunt bemalten Stück Beton - wer könnte daran zweifeln, dass eben dies bis 1989 The Wall war? So wie der in England lebende Kanadier John Copeland, der auf Kurzbesuch in der Stadt ist. Er ist von der nahe gelegenen Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße zum Mauerpark gelaufen, weil er hier weitere Reste der alten Grenzbefestigung zu sehen hofft. Jetzt ist er fest davon überzeugt, dass es sich bei der bunt besprühten Wand, die er gerade fotografiert hat, um die westliche Seite der ehemaligen Mauer handelt. Als er erfährt, dass er sich in Wirklichkeit östlich des ehemaligen Mauerverlaufs befindet und von der alten Mauer nichts mehr zu sehen ist, sagt er enttäuscht: "Aber das hier sieht doch genauso aus, wie ich die Mauer von alten Fotos kenne. Wieso machen die sich denn so eine Mühe, das zu bemalen, wenn es gar nicht die echte Mauer ist?"

Vor Verwirrung ist auch der Betrachter von offiziell als echt anerkannten Mauerresten nicht gefeit. "Mich fragen ständig Touristen, auf welcher Seite der Mauer sie sich denn befinden", sagt eine Souvenirverkäuferin an der East Side Gallery. Hier befindet sich einer der zwölf in Berlin erhaltenen und heute unter Denkmalschutz stehenden Restabschnitte der einst 155 Kilometer langen Sperranlagen, der nach der Wende von Künstlern bemalt wurde. "Und wenn ich ihnen dann sage, dass sie sich im ehemaligen Osten befinden, fragen sie mich, wieso denn die Ostseite so bunt angemalt werden konnte, ohne dass die Grenzer eingeschritten sind ..."

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