Berlin : 9. November: Die Spur der Scheine: Ost-Geld rottet nicht

Thomas Loy

Das Geld der DDR stinkt nicht, aber es riecht modrig bis muffig. Nach einer Mischung aus vertrocknetem Katzendreck und Rattengift, wie man sie aus alten Kellergewölben kennt. Dort hat es auch gelegen, so an die 11 Jahre. Genau genommen lag es in einem unterirdischen Stollen im Harz. Das Geld der DDR sollte wieder zu Staub werden, langsam verwesen wie ein Leichnam, weil es ohne Staat keine Existenzberechtigung mehr hatte. Doch es wollte sich nicht einfach auflösen wie das Politbüro oder die Staatsbank.

Das Geld der DDR lebt fort, und so wurden ein paar entdeckerfreudige Berliner vor kurzem zu sozialistischen Millionären. Thomas Gahlen (Name geändert) steht in einem wenig konspirativen Hinterzimmer einer Berliner Firmenrepräsentanz und badet seine Hände in einer Masse aus Geldscheinen und -bündeln auf einem unscheinbaren Besprechungstisch. Nebenan fristen ein ausgesonderter Computer und der alte OH-Projektor ihr Gnadenbrot. Die Lamellenvorhänge zum Hof sind zugezogen. Der Hausmeister neigt zur Neugier und könnte die Szenerie mit der Beutesichtung nach einem gelungenen Bankraub verwechseln. Dabei war der Coup nur eine "Spaßaktion", sagt Gahlen und erzählt in waghalsigem Sprechtempo, wie es zur abenteuerlichen Rettung des DDR-Geldes kam, wie vier Freunde Zäune übersprangen, durch unwegsame Geröllröhren robbten, Bunkerpisten mit dem Fahrrad erschlossen, dann wieder auf allen Vieren zersprengte Stollen durchkletterten, bis plötzlich auf dem Boden ein unscheinbarer Geldschein den Ort anzeigte, wo der Schatz vergraben lag. Ein bisschen war es wohl wie bei Schliemann in Troja, und Gahlen wusste nun, warum er immer Archäologie studieren wollte, dann aber doch Elektriker, Kaufmann und autodidaktisch geschulter Höhlenforscher wurde. Für das Gelände im Harz hätte er nie eine Grabungsgenehmigung bekommen.

Rückblende: Juli 1990. Die Brüder und Schwestern in der DDR erhalten die lang ersehnte D-Mark. Die dagegen eingetauschten Scheine mit dem Charakterkopf von Karl Marx, mit Clara Zetkin, Friedrich Engels, Goethe und einer werktätigen Musterfamilie werden in einem Massengrab bestattet. 620 Millionen gebrauchte Scheine, in 29 000 Kartoffelsäcken verpackt, kommen nicht wie üblich in den Schredder, sondern in einen Seitenstollen des ehemaligen Atombunkers der NVA bei Halberstadt. Es ist der gesamte Banknotenbestand der DDR. Darunter sind auch einige Paletten mit eingeschweißten druckfrischen Noten, die nie in den Umlauf gekommen waren. Für solche unbefleckten 200- und 500-Mark-Scheine haben Sammler bis vor kurzem noch bis zu 250 Mark gezahlt. Der Stollen wird mit Sand und einer Chemikalie aufgefüllt und zugemauert. Doch die kalte Rotte läuft nicht richtig an. Das Ostgeld bleibt gut erhalten. Vielleicht hatte die Stasi ihre Finger im Spiel? Wäre die DDR plötzlich wiederauferstanden, sie hätte das Westgeld ihrer Bürger sofort wieder umtauschen können.

Zehn Jahre später ist Thomas Gahlen auf einer Party und hört die üblichen Geschichten aus der Höhlenforscherszene. "Das Bernsteinzimmer liegt übrigens ganz woanders ... Der Goldschatz der Nazis ist schon lange gehoben ..." Neu war die Geschichte vom DDR-Geld im Harzgestein. Und sie klang plausibel. So machte sich im Juni eine Vier-Mann-Crew auf den Weg nach Langenstein - ausgerüstet mit Schutzanzügen, Helmen, Kletterwerkzeug und Proviant für mehrere Tage. In Langenstein war im Krieg eine Außenstelle des KZ Buchenwald. Unter Tage mussten die Häftlinge Flugzeugteile für die Junkers-Werke produzieren. Das weit verzweigte Stollensystem wurde nach dem Krieg von den Amerikanern nur ungenügend gesprengt. Später baute die Nationale Volksarmee Teile der Anlage zum Atombunker aus.

Die Forschercrew steigt über einen Notausgang in die Bunkeranlage ein, robbt sich bis zum Bahnhof des Atombunkers durch und setzt die Erkundung mit Fahrrädern fort, die dort zufällig herumstehen. Der Weg wird mit Pfeilen markiert, um die Orientierung nicht zu verlieren. Der Hinweisgeber hatte den Ort des DDR-Geldes nur knapp mit "Hinter dem Bahnhof links rein" angegeben. Nach insgesamt zwei Stunden Suche entdecken die jungen Männer an einem zubetonierten Seitenstollen den Geldschein und darüber ein Loch in den Stollendecke. Wie bestellt ist in der Nähe auch eine passende Leiter zur Hand. An dieser Stelle ist ein Geständnis angebracht: Die Berliner Schatzsucher waren nicht die ersten. Es hält sich sogar das Gerücht, das Loch sei auf offizielle Anordnung gebrochen worden, da sich die Behörden selbst nicht mehr darüber im Klaren waren, wo denn das Geld eigentlich liegt und wie es ihm geht. Die Schatzsucher stopfen Taschen und Rucksäcke voll Notenbündel und treten unbehelligt den Rückzug an. Rund vier Wochen später machen sich zwei Halberstädter auf den Weg zum Geldgrab und schleppen mehrerer Tage lang Taschen voller Ost-Zaster ab. Mitten bei der Arbeit werden sie aber vom Wachschutz erwischt. Marko K. und Karsten H. müssen sich nun vor dem Amtsgericht Halberstadt verantworten. Ihnen wird "schwerer Diebstahl" vorgeworfen.

Gahlen und seine Freunde sehen sich nicht als Diebe. Sie hätten nichts beschädigt und quasi nur bedrucktes Altpapier von einem dilettantisch angelegten Komposthügel mitgenommen, sagt Gahlen. Verantwortlich für das Schicksal der DDR-Barschaft ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Der ist die ganze Geschichte ziemlich unangenehm. "Wir haben das Erbe von der Staatsbank der DDR übernommen", sagt KfW-Sprecher Matthias Fritton. Die Einlagerung habe damals die NVA abgewickelt. Mit welcher Chemie die hantiert habe, wisse man heute nicht mehr.

Unklar ist auch, ob das Geld überhaupt noch der Kreditanstalt gehört. Schließlich hat das Stollensystem samt Atombunker inzwischen mehrmals den Besitzer gewechselt. Für die Einlagerung habe die Staatsbank 1990 eine einmalige Summe gezahlt, sagt Fritton. An wen, sagt er nicht. Die Schachtanlage sei nach den Vorfällen gesichert worden. Jetzt komme niemand mehr an das Geld heran. Dennoch möchte die KfW die lästige DDR-Hinterlassenschaft ein für allemal aus der Welt schaffen. "Wir testen gegenwärtig verschiedene Verfahren zur endgültigen Vernichtung", so Fritton. Etliche Millionen DDR-Mark werden der Nachwelt aber erhalten bleiben.

Allein sechs Millionen haben Gahlen and friends aus der Erde geholt. Einiges haben sie schon an Sammler verkauft, anderes an Freunde verschenkt, die jetzt damit Monopoly spielen. Mit echten sozialistischen Zahlungsmitteln ganze Straßenzüge aufzukaufen, steigert den Unterhaltungswert des Spiels immens.

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