Berlin : 9. November: Graue Erbschaften

Thomas Loy

Zwölf Jahre nach der Maueröffnung hat sich der Gesundheitszustand der Altbauviertel in den Ost-Bezirken merklich gebessert. An den touristisch attraktiven Orten in Mitte und Prenzlauer Berg blenden die Häuser den Betrachter mit porentief reinen Fassaden. Man gerät leicht ins Schwärmen und erklärt die Sanierung der maroden Häuser im Ostteil feierlich für vollendet. Doch dem ist nicht so. Während boomende Sanierungsgebiete wie die Spandauer Vorstadt in Mitte oder das Samariterviertel in Friedrichshain Vollzugsraten von bis zu 70 Prozent vorweisen können und in einigen Jahren wohl aus der Förderung fallen werden, herrscht an weniger attraktiven Meilen wie etwa der Friedrichshainer Warschauer Straße oder der Wollankstraße in Pankow noch überwiegend graue Tristesse.

Immerhin: Ein Drittel des Weges ist geschafft - und das sei angesichts der Jahrhundertaufgabe Stadtsanierung schon recht viel, sagen die Experten. In den westlichen Bezirken habe man für diese Wegstrecke doppelt solange gebraucht. Der wichtigste Hinderungsgrund, der viele Vorhaben verzögert hat, ist inzwischen nahezu weggefallen: die ungeklärten Eigentumsverhältnisse. Nach Angaben des Landesamtes zur Regelung offener Vermögensfragen (Larov) sind 97 Prozent aller Anträge auf Rückgabe von Eigentum abgearbeitet. Der "Bodensatz" von drei Prozent sind besonders schwierig gelagerte Ausnahmefälle. Entweder werden immer noch Erben gesucht, oder der Antragsteller ist inzwischen verstorben. Manche Anträge sind auch zu ungenau, etwa so: "Uns gehörte das rote Backsteinhaus neben der Kirche in Mitte." In den fünf Sanierungsgebieten in Prenzlauer Berg sind in den vergangenen zehn Jahren von 32 000 Wohnungen rund 10 000 saniert worden. Theo Winters vom Sanierungsträger S.T.E.R.N. wertet das als "enorme Leistung". Zwischen privater Modernisierung und öffentlicher Investition in die Infrastruktur klaffe allerdings eine immer größere Lücke. Erst ein Fünftel der Kitas und Schulen seien modernisiert worden. In Mitte gebe es noch "massenhaft" unsanierte Häuser, sagt Detlef Wagner von der Sanierungsstelle. Im Sanierungsgebiet Rosenthaler Vorstadt schätzt er den Anteil sanierter Häuser auf rund 30 Prozent. Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte, der viele Häuser gehören, habe gegenwärtig Finanzierungsschwierigkeiten. Allgemein seien die Banken nicht mehr so freigiebig mit Krediten. Investoren scheuen wegen der lahmenden Konjunktur vor der Realisierung zurück.

Prominentes Beispiel ist die Post, die nicht weiß, was sie mit dem Postfuhramt in der Oranienburger Straße anfangen soll. In Pankow wartet man seit Jahren darauf, dass Brau und Brunnen die alte Mälzerei an der Wollankstraße in Angriff nimmt. Im alten Bezirk Pankow hat sich die Zahl der Bauanträge in den vergangenen Jahren halbiert. Nicht hinter jeder grauen Fassade steckt ein eindeutiger Sanierungsfall. Einige Vermieter scheuen sich, große Summen auszugeben und kümmern sich lieber in kleineren Etappen um die Erneuerung der Gebäudeinnereien. Vielen Mietern ist das auch ganz recht. Sie müssen ihre Wohnung nicht verlassen, können mit moderaten Mietsteigerungen rechnen, leben aber womöglich auf einer Dauerbaustelle. Diese teilsanierten Häuser tauchen in den offiziellen Statistiken nicht auf.

Etwas wehmütig nehmen die Sanierungsexperten zur Kenntnis, dass die große Mehrzahl der restituierten Häuser sofort an Investoren vor allem aus Westdeutschland verkauft worden sind. Zwar investieren die Käufer in der Regel auch in ihre Häuser, aber ein persönliches Verhältnis zur alten Bausubstanz und ihren Mietern bauen sie nur selten auf. "Den klassischen Alteigentümer, der mit im Haus wohnt, gibt es kaum noch", sagt Rainer Schaelicke von der Sanierungsstelle in Friedrichshain.

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