Berlin : 90 000 Meter Licht

Ketten mit Glühbirnen machen die Linden heute zum Weihnachts-Boulevard – mit Schlittschuhbahn

Lothar Heinke

Unsere Linden bringt so leicht nichts um, nicht einmal das Wetter. Wie Blei, irgendwo zwischen Grau und Gräulich, liegt der Himmel auf der Pracht-Avenue. Touristen nähern sich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und aufgespreiztem Parapluie, fröhlich lachend angesichts der Verlockung einer Bratwurst am Stand auf dem Mittelstreifen. Christian Ströbele, der Promi auf allen Kanälen, radelt luxuslos um die Ecke zur Arbeit, am Lenker baumelt sein Einkaufsbeutel. „Deutsche Marine“ ziert mit goldenen Lettern die runden Matrosenmützen einer Kompanie, die gerade aus dem Bus steigt, der Wachschutzmann an der Russischen Botschaft flucht nach innen, jetzt müsste einer „Kalinka“ spielen oder so etwas.

Aber siehe da: Die Linden beleben sich, wo es keiner vermutet. Junge Menschen mit Karabinerhaken und Kabelrollen klettern in die Kronen und überziehen Stämme und Astwerk von 368 Bäumen mit weißen Lichterschläuchen. 90 000 Meter lang soll die Kette sein, die den Boulevard, dem Trauerwetter zum Trotz, festlich erhellt. So war das hier noch nie, „aber in New Yorks Fifth Avenue ist es immer so zur Weihnachtszeit, und weshalb sollen wir nicht auch bei uns eine weltbekannte Straße zum Strahlen bringen?“, fragt Stephan Vogel, der Chef vom Restaurant „Lindenlife“ und von „Boulevard Metropolis“. Und damit die Sache ganz stilecht ist, kommt, wie beim Rockefeller-Center, eine Eisbahn in die Lichterpracht. Auf dem Mittelstreifen, zwischen Vogels Weinrestaurant und der Russischen Botschaft, wurde eine etwa 35 Meter lange Lauffläche aufgebaut. Gestern lag Schnee über den von Aggregaten gespeisten Kühlröhren – eine Folge der milden Witterung. „Wenn Minusgrade kommen, dann ist das hier spiegelglatt“, sagt der Obereisgefriermeister, „aber auch bei Plusgraden kann gelaufen werden“.

Leuchtende Linden, lauter kleine Kati Witts mitten auf dem Bummelboulevard – wer bezahlt diesen Imagegewinn für Berlin, wenn dann die Bilder glänzender Strahlkraft um die Welt gehen? Vodafone D 2. Vogel kann seine lange gehegte Idee nur mit dem Mobilfunkunternehmen verwirklichen. Die Stadt wird quasi mit einer Attraktion beschenkt, die Sache kostet so um die 400 000 Euro, und schon lässt sich der Regierende Bürgermeister vernehmen, dass die Sache Schule machen möge, jedenfalls seien die beleuchteten Linden „ein einzigartiges Beispiel für gesellschaftliches Engagement“.

Von diesem „Linden-Lighting“ profitieren neben den Lustwandlern auch die Anlieger. Das war vor zwei Jahren ähnlich, als Stephan Vogel seine Berlin-Begeisterung mit der Installation von 10 000 bunten Plastikbärchen auf dem Mittelstreifen der „Linden“ demonstrierte. Die Voraussetzungen für die heutige Lichtskulptur sind freilich nicht ganz frei von Problemen: Hässlich winden sich schwarze Strom-Verlängerungsschnüre von Baum zu Baum, mehrere Kabelbrücken überspannen die Straße. Wäre es angesichts zahlreicher Veranstaltungen, die jedesmal wieder neue Aufbauten zur Stromversorgung verlangen, nicht an der Zeit, den „Linden“ ein paar funktionierende Starkstrom-Steckdosen zu verpassen, damit es öfter Licht werden kann?

Wann geht es denn nun richtig los mit dem Flimmerglanz? Heute um 18 Uhr wird den Linden ein Licht aufgesteckt. Es darf geklatscht werden.

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