Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Das Würstchen ist Wahrzeichen für die allgemeine Beliebigkeit

An Beliebigkeit, Gleichmacherei auf allen Ebenen sticht unsere Gegenwart alle überschaubar zurückliegenden Zeiten aus. Über allem hängt, nein: schwebt als ihr Wahrzeichen das Würstchen. Ich meine jene Würstchen, die zum Verzehr heiß gemacht werden, ob sie sich nun mit gestohlenen Namen schmücken als Bock-, Wiener-, Frankfurter, Jauersche-, Breslauer oder Krakauer Würstchen - alle sind sie - welch verwegenes Wurst-Bild! - über einen Kamm geschoren: gestopft mit der gleichen Menkenke. Was fürs Würstchen gilt, betrifft auch Prominenz. Sie hat zwar eine lateinische Wurzel, aber ihre einst hervorragende Bedeutung wurde entwurzelt, beliebig. Als prominent gilt nunmehr, wer über die Mattscheibe flimmert, sei es als Schwatzmeister oder mit gestempelter Banderole als Dauerwurst in Serien. Als solche werden sie in den Gazetten sogar zu Stars erhoben. Wir erleben die Würstchendemokratie. Sie schafft sich rasch jede Menge Prominente und Stars. Und lässt sie nach Verbrauch rasch fallen. Wer heute als Star gepriesen wird, ist morgen als Stern schon schnuppe.

Um nicht mit namentlichen Beispielen in Teufels Küche zu kommen, ziehe ich den Wurstkessel vor, der es freilich mal in sich hatte: das Taufwasser für die Bockwurst seligen Angedenkens. Diese Geschichte zählt zu meinen Lieblingsgeschichten, die ich immer wieder gern nach dieser oder jener Seite hin variiere. Mit eigenen Texten darf einer das. Und es kann nichts schaden, wenn Neu-Berliner in die Berliner Kulturgeschichte - hier in Wurstbrühe - eintauchen und lernen, was es mit der Bockwurst seligen Angedenkens hierzulande auf sich hatte. Ich schließe mich in diesem Fall ausnahmsweise einem herrschenden, beliebigen Kultur-Verständnis an.

Die Sache spielte in Kreuzberg, im Eckhaus Spreewaldplatz 2 / Skalitzer Straße 46 B (damals noch Ecke Wendenstraße). Hier findet sich eine Eckkneipe. Jetzt ist sie in indischer, vordem war sie in türkischer Hand. Und vor sehr langer Zeit hatte hier der Büfettier Richard Scholtz eine Kneipe aufgemacht - in belaufener Gegend und günstiger Bahnhofsnähe (Görlitzer Bahnhof). Die Schankeinrichtung soll er auf der Treptower Gewerbeausstellung (1893) erstanden haben. Sie zeigte gedrechselte Frauenbrüste und Löwenköpfe. Er schenkte aus, was schanküblich war: Bier, Schnäpse und - was nicht üblich war: Wurscht. Und zwar solche mit Tunke, Salat und Sauerkohl oder eene Kahle, also ohne Tunke, Salat und Sauerkohl. Er bezog die Würste vom Fleischermeister Löwenthal, Ecke Friedrich- / Krausenstraße. Dieser stopfte sie mit frischem Schweinefleisch, gepökeltem Rindfleisch, reicherte das an mit Knoblauch und viel Paprika. Diese derart prall gestopften Dinger machte Scholtz in einem Topf auf einem Kanonenöfchen heiß, das zwischen dem vorderem und dem ein paar Stufen höher gelegenen hinteren Gastraum gestanden hatte.

Am 1. September 1889 waren Studenten bei Scholtzen eingefallen und orderten diese Würste. Er servierte sie zu Bockbier. Die Studenten tauften sie auf den Namen Bock. Das ist die eine Deutung. Eine andere betrifft ein sinniges Bild: Es hing zwischen den gedrechselten Frauenbrüsten und Löwenköpfen und zeigte einen Bach, der dem Betrachter entgegen rann. An den Ufern - links und rechts - standen Ziegenböcke. Ein jeder zerrte an einem Ende der Wurst, unter der hindurch der Bach floss. Jede Wurst hat zwei Enden. Mir gefällt die Bock-Bach-Wurst-Version.

Eins verbindet beide Enden: Die Bockwurst entsprang in Berlin der Taufbrühe. Wer konnte damals ahnen, welches Schindluder auch mit ihrem ehrenwerten Namen in unserer Zeit der allgemeinen Beliebigkeit getrieben würde. Ehre ihrem Andenken! Fluch jeder Beliebigkeit!

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