Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Die komische Parade im Berliner Puppenspiel der Geschichte

Abgeschlagene Gesichter und Gliedmaßen, auch fehlende Köpfe, geborstene Kettenhemden und Helme - hier bietet der letztkaiserlich verfügte Figurenaufmarsch für die Siegesallee ein brüchiges Bild. Es ist stückhaft, aus allem Zusammenhang gelöst zu besichtigen im Kreuzberger Lapidarium, dem früheren Pumpwerk, Hallesches Ufer 78. Vor hundert Jahren war die Siegesallee komplett bemannt. Dieses Jubiläums wegen nahm ich im Lapidarium die Krüppelparade ab, inspizierte von Eitelwolf vom Stein bis Johann Droiseke von Kroecher die entstellten Figuren, die als Büsten das Begleitpersonal zu den dynastischen Hauptfiguren abgegeben hatten. Die Namen sagen mir nichts, klingen ulkig, und das genügt mir. Die Büsten sind mit dem Rücken zur Wand im Hof des Lapidariums aufgereiht. Und im Pumphaus stehen ebenfalls lädierte, allerdings über zwei Meter hohe Hauptfiguren aneinander gedrängelt: die Markgrafen, Kurfürsten, Könige und Kaiser Wilhelm I. Diese marmornen Männer (Frauen finden nicht statt) tragen Spuren ihrer Jahre - vor allem vom letzten Krieg und solche aus ihrem Stein-Massengrab beim Schloss Bellevue, in das sie nach dem Kriege geworfen und aus dem sie in den siebziger Jahren wieder hervorgebuddelt wurden. Erst jetzt, in ihrer verfremdeten Entstellung sind sie Kunst. Alles Auftrumpfende in Gestus und Kleidung ist zunichte gemacht. Der ursprünglich weiße Marmor ist ergraut. Die Zeitgewalten zerstörten das patriotische Ebenmaß und trieben mit diesen Figuren ihr Spottspiel. Die Siegesallee war ein kaiserlicher Auftrag an namhafte Bildhauer. Sie sollten den Anteil Brandenburg-Preußens an der Geschichte und am Zustandekommen des Deutschen Reiches bildhaft machen. Preußen ist futsch wie manche Nase, das Reich gestutzt um einstige Glieder. Es waren 32 Haupt- und jeweils zwei Beifiguren. Wilhelm hatte den Berlinern diese Siegesallee zum Geschenk gemacht, aber die Beschenkten nahmen spottend eine Puppenallee in Kauf. Dieses Tiergartener Puppenspiel brachte einen berlinischen Begriff hervor. Wenn hierzulande einer bis in die Puppen schläft, feiert oder sonstwas ausdehnt, dann ist dieser zeitliche Begriff dem ursprünglich räumlichen entlehnt. Denn der Tiergarten mit der Puppenallee war damals für Stadtbewohner noch ziemlich j.w.d., weswegen Entfernung gleichbedeutend war bis in die Puppen. Wenn erst eine bierernst gemeinte Sache ihren Berliner Nasenstüber, also einen Spitznamen bekommen hat, ist sie zu einem Stück Berlin geworden. Und gerade die Puppenallee hatte nicht nur ihren Spitznamen weg, sondern wurde, kaum dass der letzte Steinmensch stand, zum Aufsatzthema für Unterprimaner des Joachimsthalschen Gymnasiums gemacht: Die Beine der Hohenzollern. Was die Jungen da von sich gaben, wurde zunächst vom Lehrer benotet, sodann auch dem Kaiser mit der Bitte vorgelegt, seinerseits zu befinden. Da kam es zu köstlichen Unterschieden in der Bewertung zwischen Pauker und Potentaten. Die Komik dieser Beinklaubereien lag vor allem darin, dass alles keineswegs komisch gemeint war - wie so oft im Leben.

Eine andere Komik auf der Puppenbühne betrifft den askanischen Ritter Wedigo von Plotho und Heinrich Zille. Der Ritter wurde von August Kraus in Marmor gehauen. Ausgerechnet der beim Kaiser schief angesehene Zille stand seinem Freund Kraus für den Ritter Modell: mit Kettenhemd und Helm. Die Freunde müssen sich bübisch amüsiert haben. Es sind Fotografien erhalten, die beide im Atelier bei der Arbeit zeigen, eins auch Zille vor seinem Gegenbild.

Die im Lapidarium abgestellten Figuren mögen obenhin betrachtet ein trauriges Bild abgeben, aber bei genauem Hinsehen wurde ihnen eine komische Rolle im Berliner Puppenspiel der Geschichte gegeben.

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