Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Die Wirtin "Zur goldenen Freiheit" liegt hier recht abgelegen

So ein Beruf wie meiner bringt einen gelegentlich hinter Gitter. Das liegt nahe wie das Leben selbst, in dem ich mich schreibend herumtreibe. Mein letzter Gefängnisaufenthalt in Tegel liegt Jahrzehnte zurück. Die Knast-Zeitung lichtblick brauchte damals alte Schreibmaschinen, und ich hatte eine, gab sie dort ab. Als Dank wurde ich von den Knast-Kollegen zum Nescafé, diesem knastkennzeichnenden Kaffeepulver, eingeladen. Der lässt sich unterm Warmwasserhahn aufgießen. Die Langstrafer (von fünf Jahren aufwärts bis lebenslänglich), die damals das Pulver aufgossen, dürften, so sie nicht gestorben sind, längst wieder in Freiheit sein, die erst richtig als golden empfindet, wer sie sich für längere Zeit verscherzt hatte.

Schon auf meinen Schulwegen war mir an der Seidelstraße die Eckkneipe Zur goldenen Freiheit aufgefallen, wohin ich immer mal gehen wollte. Letzte Woche - ich hatte in der Gegend etwas zu besorgen - kehrte ich endlich ein. Vormittags. Da war ich zunächst der einzige Gast. Frau Wirtin hantierte am Tresen, fragte nach meinem Wunsch - wenn schon hier, dann ein Bier! Übers Wetter kamen wir zur Sache. Sie sagte: Ich liege ja hier abgelegen. Diesen hübschen Satz schrieb ich mir unauffällig unterm Kneipentisch auf einen Bierdeckel; denn um mit einer Wirtin Zur goldenen Freiheit über die nahe liegende Angelegenheit ins beiläufige Gespräch zu kommen, sollte man nicht mitschreiben. Das machte Wirtinnen nur befangen.

Also, sie liegt hier abgelegen. Und dabei doch so bezüglich nahe. Schräg übern Damm ist das Tor 1, das Hauptportal des Gefängnisses Seidelstraße 38 bis 40. Nun habe ich wieder Gefängnis gesagt, wo es doch Justizvollzugsanstalt heißen soll. Aber auch hier wird ein eindeutiger, handlicher Begriff auf Stelzen gestellt. Die Wirtin Zur goldenen Freiheit ist eine zugängliche Frau. Mein Idealbild vom soeben entlassenen Häftling mit Pappkarton, der seine Habseligkeiten birgt, mit fahler Gesichtsfarbe, flackerndem Erwartungsblick - halb Wilhelm Voigt, halb Franz Biberkopf - dies Bild zerstörte die Wirtin Zur goldenen Freiheit sogleich. Sagte ich übrigens schon, dass sie Maria heißt? Und so war es auch vergebens, hier auf solche Männer mit Pappkarton und Flackerblick anzusitzen. Sie kamen einfach nicht. Hingegen kam von Frau Wirtin ein mir zunächst rätselhafter Satz: Es gibt keine Extremtrinker mehr. Das sollte besagen, dass früher, in einer Zeit, auf die mein Pappkarton-Bild passte, der Sträfling hier nach Vorlage seines Entlassungsscheins vom Wirt mit Molle und Korn in der goldenen Freiheit begrüßt wurde. Dann verflüssigte der Gast das hinter Gittern angesparte Geld (Frau Wirtin spricht vom Sold). Vorbei. So wäre also keinerlei Bezug mehr zum Gegenüber? So will Frau Maria es nicht gerade sagen, anders eben wie alles jetzt. Es werde ja den ganzen Tag hindurch entlassen, sodass sich eben alles verliefe. Und die Wärter kämen auch nicht mehr zuhauf wie ehedem, um in der goldenen Freiheit zu Mittag zu essen. Sagte ich Wärter? Man wird mir böse Briefe schreiben. Es heißt Justizvollzugsbeamte. Ein kleiner Rest vom alten Wärter findet sich im Justizvollzugsobersekretäranwärter. Die weibliche Form ist noch schwellender: Justizvollzugsobersekretäranwärterin. O, wie süß Begriffe fließen, wie die Panke durch die Wiesen.

Gegenwärtig ist ja alles ins Gegenteil früherer Gewohnheiten verkehrt worden. Kehrten ehedem Haftentlassene Zur goldenen Freiheit ein, um vom Wirt mit Molle und Korn begrüßt zu werden, so kommt das Gelichter jetzt zur Nacht, wenn die Wirtin Maria das Licht ausgemacht, die Tür verriegelt hat. In der letzten Woche brachen Halunken bei ihr ein. Hier liegt dreister Missbrauch der goldenen Freiheit vor. Wartet, euch verschlingt auch noch das Tor 1!

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