Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Eine fragwürdig zelebrierte Einheit

Rasch wird ein noch so kleiner Konflikt zum Krieg erklärt, der allenfalls eine Posse genannt zu werden verdient. Um eine solche handelt sich das mir Vorliegende. Eine Berliner Posse ist es, eine von sackleinenem deutschen Stoff. Der sie mir steckte, stellte die Frage, wem die Toten des 17. Juni 1953 gehörten. Der Tod ein Possenstoff? Nur dann, wenn deutsche Behörden kraft Gesetz ersten und letzten Zugriff auf einen Menschen haben, darauf bestehen, die Einheit der allzulang getrennten Nation auch über die Gräberumfriedung hinweg zu bewirken, Tote aus ihrer Ruhestatt herauszuholen, um sie mit anderen an anderer Stelle zu vereinen. Umbettung wäre hier das falsche Wort.

Der Tote, um den es hier geht, hieß Kurt Heinrich. Er war ein Arbeiter. Er wurde, als er in jenen Junitagen des Jahres 1953 mit anderen Arbeitern dem angemaßten Arbeiter-und-Bauernstaat die Stirn bot, am 19. Juni um sein Leben gebracht. Er war damals 44 Jahre alt. Diktaturen pflegen ihre Opfer entweder zu verscharren oder anonym unter die Erde zu bringen. Kurt Heinrich wurde auf dem Weißenseer Kirchhof St. Batholomäus der gleichnamigen evangelischen Gemeinde in Friedrichshain aufgenommen.

Nun gibt es im vereinigten Deutschland ein Gärbergesetz. Es will die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gewährleisten (immerhin ist dankbar anzuerkennen, dass hier von Erhaltung im Sinne von Bewahrung die richtige, nicht von Erhalt als der Bezeichnung für Empfangen die Rede ist). Die Kirchengemeinde hatte sich also 1953 des Leichnams angenommen und bürgte für Verschwiegenheit, rettete so die Ruhe des Beigesetzten vorm störenden Zugriff des SED-Regimes. So ruhte er, von dem keine Angehörigen erreichbar gewesen sind, und so ruht er noch immer. Diese Ruhe wäre freilich gestört, wenn Paragraph 6, Absatz 1 des Gräbergesetzes strikt zur Anwendung gebracht würde. Und so sieht es freilich aus. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz sprach: Wir sind die Stelle, die über Verlegung der Gräber zu befinden hat. Der Arbeiter Kurt Heinrich fällt nämlich als Opfer des 17. Juni 1953 unter Paragraph 1 des Gräbergesetzes (Opfer des kommunistischen Regimes). Das Bundesgesetz führt neun Opferkriterien auf, so reich an Schuld ist deutsche Geschichte von 1933 an bis in die Teilungsjahrzehnte. Und diese nach allen Opfermerkmalen geordneten Toten sollen laut Bundesgesetz in einem Sammelgrab in einer geschlossenen Begräbnisstätte wiederbestattet werden. Ein jeglicher zu Seinesgleichen. Kurt Heinrichs sterbliche Überreste sollen also nach nahezu einem halben Jahrhundert aus Weißensee nach Wedding gebracht werden, auf dass die Schrift erfüllet werde.

In Wedding, auf dem Friedhof an der See-Ecke Müllerstraße, ruhen acht Menschen, die im Zusammenhang mit dem 17. Juni 1953 ums Leben kamen. An deren Gräbern wird an jedem Jahrestag offiziell aller Toter jener Junitage gedacht. Es ist bis heute nicht bekannt, wie viele es waren. Das Regime wusste es nachwirkend zu verschleiern.

Dorthin, zu den acht Weddinger Gräbern sollen auch Kurt Heinrichs Gebeine gebracht werden. Notfalls mit behördlichem Nachdruck. Die Kirchengemeinde St. Batholomäus aber gibt ihren Toten nicht frei. Sie hatte ihn 1953 zu sich genommen, und sie will ihm seine Ruhe nicht nehmen lassen. In der Senatsverwaltung hieß es trutzig: Das obliegt aber uns. Ob es ihr nun obliegt oder nicht - man lasse die Toten in Ruhe liegen, wohin sie gebettet wurden. Es ist Berliner Boden. Ein einzelnes Grab, das ein staatliches Gewaltopfer umschließt, breche kein anderer Staat auf, um eine fragwürdige Einheit zu zelebrieren. Wer mit Trauer und Ehrerbietung nur aufs groß Angelegte zielt, trifft nicht das Herz.

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