Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Erinnerung an einen Schabernack

Theater, so sie dem Land Berlin gehören, werden neuerdings verhökert wie Kinos. Wir leben in einer Verkoofmich-Stadt. Die lange mit Staatsknete verwöhnten Theater werden nun verkauft an Betreiber, die sie touristisch en gros und en suite verwursten. Nun ist auch das Theater des Westens in Charlottenburg dran.

Ein Theater kann einem wie Knöterich ans Herze wachsen. Das in der Charlottenburger Kantstraße gehört für mich ebenso dazu wie die Komische Oper, das Deutsche Theater / Kammerspiele, als es noch ein vertrautes Ensemble-Theater war wie Boleslaw Barlogs Schloßpark- und Schillertheater wehmütigen Gedenkens. Das Theater des Westens diente nach dem Krieg etliche Jahre als Ersatz für die zerstörte Städtische Oper in der Bismarckstraße, so wie der Admiralspalast in der Friedrichstraße die zerbombte Staatsoper Unter den Linden vertrat. Im Admiralspalast hörte ich unter anderem Wagners Meistersinger, im Theater des Westens zum Beispiel die skandalbegleitete deutsche Uraufführung von Schönbergs Moses und Aaron. Und auch die deutsche Uraufführung von My fair Lady.

Mit dem Theater des Westens trieb ich mal einen Schabernack. Das ist jetzt 15 Jahre her. Magische Kräfte mögen es gewesen sein, die mich an einem Sommersonntagabend - ich trieb mich so herum - auf unüblichem Wege ins Allerheiligste dieses Theaters unter den Schnürboden zogen. Es lief gerade eine Zauber-Revue. Ich hatte Mist im Dunstkreis des Theaters gerochen, ging witternd dieser Wahrnehmung nach, geriet hinterm Bühnenhaus unter die Feuertreppe und stand vor einem vergitterten Verschlag. Darin gurrten weiße Tauben. In einem weiteren Verschlag watschelten weiße Enten. Sie warteten auf ihren Auftritt. Ich sagte zu ihnen: Na, ihr? Und sie lächelten, wie nur Enten lächeln können, als sagten sie: Na du? Wir verstanden uns.

Dann stieß ich ins Innere des Tempels vor. Und zwar huschte ich - um es kurz zu machen - neben der Kantine als Unberufener unbehelligt hinter einem Berufenen durch die Tür, duckte mich unter der Pförtnerloge und stieg hinan zur Bühne. Welch geheiligter Luftzug wehte mir entgegen! Ich stand in den Kulissen unterm Schnürboden. Auf der Bühne war eine Zauberei im Gange. Peter von Zahn, der frühere Fernsehmann der Windrose, war bei dieser Revue der Moderator, lief hinter den Kulissen auf und ab und memorierte murmelnd seine Ansage. Eine geschmeidige Tänzerin machte vorm Auftritt anmutige Lockerungsübungen, Bühnenarbeiter huschten lautlos hin und her, Feuerwehrmänner waren auf ihrem Posten, ein Techniker machte Qualm, der kriechend über die Bühne quoll. Beifall prasselte wie Platzregen aufs Pflaster. Ich stand selig entrückt. Da stach eine fauchende Frauenstimme zu: Zu wem gehören denn Sie? Zum Tagesspiegel, was zwar stimmte, aber hier recht unbedacht war; denn ich war von der Zeitung weder hierhin entsandt, noch hier als Reporter erwartet worden. Und flog auch prompt hinaus. Das heißt, ich wurde von der fauchenden Frau einem Mann, der irgendwas zu sagen hatte, überantwortet. Und der erlaubte sich mit mir einen köstlichen Scherz. Köstlich, weil ich dem, was er mir nun erzählte, prompt aufsaß. Er sprach von einer mitwirkenden Sau, die vor ihrem Auftritt ausgerückt sei. Man habe sie aber auf der Kantstraße einfangen können und zur Strafe aus dem Programm gestrichen. Anderntags fragte ich bei der Intendanz nach dem Befinden der Sau. Sau? Bei uns spielt kein Schwein mit. Vielleicht habe man auf die Premierenfeier angespielt, bei der man die sprichwörtliche Sau herausgelassen habe.

Man hatte mir mit der Schweinegeschichte einen Bären aufgebunden, hatte Spaß daran, und ich habe eine ungewöhnliche Erinnerung ans Theater des Westens.

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