Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Unter Ben Wargins "Weltbaum" zwinkert uns Berlin zum Abschied zu

Wo, zum Teufel, ist der vom Knöterich umschlungene Doppeldeckerbus vorm S-Bahnhof Tiergarten? Wann wird endlich das Abblättern des Weltbaums an der Brandwand Siegmunds Hof beendet? Dort gehen derzeit Dinge vor sich, die mich zu einem Rückblick anregen. Rückblick auf ein bildhaft grünes Kapitel Berliner Kulturgeschichte. Ben Wargin hat es geschrieben. Er ist der Vater aller Baumpaten. Er ist grün im lebenrettenden Sinn, war es lange vor jenen, die sich solchen politischen Anstrich gaben. Ben hatte vor Jahrzehnten auf die wenigen, nicht versiegelten Stellen des öden Parkplatzes vor der KPM Ginkgo-Bäume gepflanzt. Er hatte vor 26 Jahren auf die Brandwand von drei Künstlern den Weltbaum malen lassen: auf 22 Meter Höhe, 30 Meter Breite. Damit war ein Anfang für manch geglückte Brandwandkunst im Berliner Stadtbild gemacht worden. Ben Wargin gab dem Platz Leben.

Die Gefährdung des Lebens, vor allem das der Kinder durch den alles beherrschenden Kraftverkehr, verdeutlichte Ben hintersinnig. Er hatte einen alten Bus ergattert. Dann stellte er diesen auf dem Platz vorm Bahnhof Tiergarten ab (mit befristeter Genehmigung), drapierte Sarkophage drumherum, warf in deren Höhlungen Samen allen möglichen Wildkrautes und sprach zur Natur: Nun mach mal! Und sie machte vergnügt drauflos. Der Knöterich turnte als erster auf den Bus, diese behende Pflanze bester Berliner Genügsamkeit. Die Ginkgo- und anderen Bäume wurzelten, wuchsen dem Weltbaum entgegen. Ein liebgewordenes, gewohntes Stadtbild, an das sich das Auge gewöhnt hatte. Nun ist der umschlungene Bus weg. Dort, wo er stand, klaffen Gräben, in die dicke Rohre gelegt werden. Anruf bei Wargin: Ben, wo ist dein, ach was: unser Bus?! Und Ben sprach: Es werde demnächst hier gebaut. Den Bus habe er zerhackt. Zerhacken müssen. Und auch der Weltbaum an der Brandwand werde demnächst von einem platzgreifenden Anbau erdrückt. Der Baumpate hat schon einige der Bäume ausgraben lassen und andernorts am Stadtrand, vor Krankenhäusern wieder eingraben lassen. Vor Inszenierung seines Weltbaums hatte er mit Unterschrift dem Amte, dem damaligen Hauseigentümer gegenüber erklären müssen, dass die Kunst keine Kunst im Sinne der Kunst sei. Man hatte das Haus, eines der wenigen, die nach der Kriegsverwüstung übrig geblieben waren, wegreißen wollen, um größer, breiter zu bauen. Und wäre hier ein auch amtlich anerkanntes Kunstwerk entstanden, dann hätte das ja alle Baupläne gefährden können. Immerhin wurde die zum Schein nur verleumdete Kunst ins Werk gesetzt. Als alles fertig war, wurde vergnügt gefeiert. Harry Ristock, damals Bausenator, wurde gefragt, ob er am Fuße des Weltbaums seinen Namen setzen wollte. Und er warf mit kräftigem Pinselhieb seinen Namen an die Wand.

Ich bin dieser Tage unter das dichte Laubdach der Bäume an den Weltbaum herangetreten, um schon jetzt von ihm Abschied zu nehmen. Dort gedachte ich des liebenswürdigen Ristock, sah sein kaschubisch rundes Freundlichkeitsgesicht in Gedanken aufscheinen. Und entdeckte noch etwas, das mich - ich gestehe es ungeniert - auf der Stelle rührte: Ein Herz gemalt so groß wie ein Brustkorb. In dieses Herz sind zwei Initialen geschrieben: oben C.H. und darunter H.O. Diese Buchstaben sind umschlungen mit: up eewig ungedeelt. Es sind Christiane Hartmann und Heinz Ohff. Wer sich Berlin wirklich, herzlich nähert, dem zwinkert die Stadt geschwisterlich zu.

Nun will man hier elfstöckig auftrumpfen, Urbanität schaffen. Ben Wargin bringt die Bäume in Sicherheit. Der Weltbaum und seine Lebenszeichen aber werden erstickt. Wir nehmen Abschied und sind abermals auf Erinnerungen angewiesen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben