• 99 Zeilen Schwerk: Vom König von Albanien zur Abdeckerei - Otto Witte ging diesen Weg würdig

Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Vom König von Albanien zur Abdeckerei - Otto Witte ging diesen Weg würdig

Tierfänger war er, aber auch Abdecker. Otto Witte verstand sich zudem aufs Schwertschlucken, das er in Spanien gelernt hatte, und er diente als Deutscher bei der türkischen Armee im Majorsrang, in Istanbul sogar beim Geheimdienst. Ach Gott, wissen Sie: Es glimmen zuweilen in einem Menschen mancherlei Fähigkeiten, die nur entfacht zu werden brauchen, um zu lodern. In Abessinien entflammte Ottos Herz für die Tochter des Negus. Er entführte sie, kam aber nicht weit mit ihr. Entkam aber dem Henker. Wenn er schon keine abessinische Prinzessin bekommen konnte, so wollte er wenigstens König von Albanien werden. Das wurde er 1913. Da war er 41 Jahre alt. Um das Ende vorweg zu nehmen: Otto Witte, der ehemalige König von Albanien, fand 1958 auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg seine letzte Ruhe. Sein zeitweilig königlicher Rang ist in seinen Stein gehauen. Seine vorletzte Ruhe fand er nach Kriegsende in Berlin in der Kattegatstraße 10. Alles von einiger Bedeutung hat selbstverständlich mit Berlin zu tun.

Das ist mir so recht ein Stöffchen gegen die Tristesse dieser Jahreszeit. Und das Weddinger Heimatmuseum brachte mich darauf. Dort wird eine höchst empfehlenswerte Ausstellung prallsten Lebens unter dem Titel Von Häusern und Menschen gezeigt. Die Lebensspuren des ehemaligen Königs von Albanien, also unseres Otto Witte, sind dort als heiteres Kapitel umrissen. Dass er 1872 in Düsseldorf geboren wurde - na, irgendwo tritt jeder mal seine Lebensbahn an. Sein Vater war Schausteller. Dergleichen prägt mächtig. Treibt ins Weite. Weitet den Gesichtskreis. Und glich aus, dass er weder Schreiben noch Lesen gelernt hatte. Aber sprechen in vielen Zungen, das ging mit dem ihm eingeborenen Charme eine gedeihliche Verbindung ein. Wie also wird man König von Albanien. Nichts einfacher als das. Otto, der Verwegene, weilte Schwert schluckend in Nähe des in Betracht kommenden Landes. Albanien hatte sich seit 1910 gegen eine Türkisierungspolitik gestemmt und wurde 1913 unabhängig. Und es war ein König vonnöten. Otto witterte Morgenluft. Mit einer Phantasieuniform samt Orden kam er dem rechtmäßig ausersehenen Thronanwärter, dem türkischen Prinzen Halim-Eddin zuvor, zog sich hinter einem Rosenbusch um und wurde in Tirana jubelnd empfangen. Er wurde gekrönt und handelte in der richtigen Reihenfolge: Erst mal vereidigte er einen gut bestückten Harem auf sich, dann das Militär. Aber die ewig witternde Journaille sah eine gewisse Gegensätzlichkeit zu einem anderen Prinzen, der sich auf Auslandsvisite befand. Davon bekam dieser Wind. Unser Otto-Halim-Eddin Witte, dieser getürkte Türke, schlüpfte - Guter Mond, du gehst so stille - rasch in Bettlerlumpen und konnte gerade noch entkommen. Alles währte nur fünf Tage.

In seinem Herkunftsland, also Deutschland, war die Erste Republik entstanden. Und nun war der ehemalige König von Albanien gefordert: Er machte eine Abdeckerei auf. Auch das muss schließlich gemacht werden! Sodann gründete der ehemalige König von Albanien ausweislich des Handbuchs für den Preußischen Landtag, Ausgabe für die 1. Wahlperiode (von 1921 an), Berlin: April 1921 eine "Partei für den Mittelstand, die Bauern, Kleinhändler und Schausteller" im Rheinland und in Hessen. Das ging eine kleine Weile so.

Und die verfluchten zwölf Jahre von 1933 bis 1945 wurde der König von Albanien und Parteigründer wieder das, was er zuinnerst immer war: Schausteller, Schwertschlucker und Zauberkünstler. Und nach dieser Zeit Weddinger Gelegenheitshändler. Und als 1956 die Operettenhochzeit einer amerikanischen Filmschönheit in Monaco stattfand, beschwerte sich der ehemalige König von Albanien brieflich, nicht eingeladen geworden zu sein. Ehre seinem Andenken!

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