Berlin : 99 Zeilen Schwerk: Von der Randlage kurvenreich ins Zentrum alternativer Zirkuskunst

Ekkehard Schwerk

Es war ein Bahn-Brachland, über dem ein im übertragenen Sinne wagemutiger Balanceakt im Zirkuszelt begann - auf dem Gelände zwischen Köthener und Linkstraße. Dort stand einmal der Potsdamer Bahnhof. Es ist wieder ein, wenn auch anderes Bahn-Brachland, über dem dieser Tage Artisten in einem riskanten Motorrad-Drahtseilakt die Richtkrone aufs kühne Dachgerippe des Tempodroms bugsiert haben - am Anhalter Bahnhof. Kühn und riskant verlief die nun 21-jährige Geschichte des Tempodroms auf kurvenreicher Strecke mit längerem Aufenthalt im Tiergarten.

Am Anfang stand ein märchenhafter Traum. Der Traum wurde von der Träumerin eingefangen in ein großes Zirkuszelt. Dieses hatte sie von der unverhofft vom Himmel gefallenen väterlichen Erbschaft (500 000 Mark) erworben. Das Zelt vermochte freilich nicht immer gegen alle wirtschaftlichen Wetterstürme zu schützen. Oft stand Irene Moessinger, die Erbin und Träumerin, mit ihren Verschworenen ziemlich bedripst im Regen. Aber sie hat sich bei manch jähem Erwachen nie das allererste Traumbild wegwecken lassen. Irene ist Tochter einer Berliner Mutter. Ich will mich hier nicht in fremde Familienangelegenheiten einmischen, doch sieht es mir so aus, als hätte Irene nicht nur vom Vater ein hübsches Sümmchen geerbt, sondern von der Berliner Mutter den Lebenswitz, der eine Erbschaft überhaupt erst märchenhaft werden lässt: zu einem Zirkus nämlich. Nicht so einen der bekannten Art, sondern vorsätzlich angesiedelt am Rande der offiziellen Kultur. Hierfür war rasch ein englischer Begriff gefunden worden: Fringe-Theater.

Es herrschte ja damals, vor allem in den siebziger Jahren, hierorts ein kulturelles Reizklima, in dem beträchtliche Alternativ-Kunst gedieh. Wenn ich nur daran denke, wie heikel es war, das Kindertheater Rote Grütze mit seinem köstlichen Aufklärungsstück Darüber spricht man nicht oder das von schäbiger Seite schäbig verleumdete Grips zu empfehlen. Da setzte es nämlich vom knöchrigen Typ Wilmersdorfer Witwe Stockhiebe. Das Tempodrom war der Schlussakkord all dessen, was am Rande der offiziellen Kultur siedelte, um einem linken Gesellschaftsbild dienstbar zu sein.

Es macht kurz vor Ende eines Berufslebens Spaß, sich manches schwankenden Beginns zu erinnern, aus dem in Jahrzehnten dann doch eine stabile Sache geworden ist, was sich anfangs kaum einer hatte träumen lassen. Mit Ausnahme einer Frau wie Irene Moessinger. Ich will hier keine Tempodrom-Chronik schreiben, nur an dies und das mich mit Vergnügen erinnern. Das Zirkuszelt stand erst kurz auf besagtem Brachland. Und das Programm war noch ein einziges Ausprobieren. Wir waren ein aufgekratzter Kollegen-Kreis, der in eine dieser ersten Vorstellungen gegangen war. Sie war aber fürchterlich. Und zwischen die Hupfdohlerei stolzierte - ach Gott! - freudlos Eddi Constantine. Aber wir hegten Sympathie fürs Tempodrom und verließen lieber die Vorstellung in der Pause, als anderntags schriftlich zu richten. Wir setzten uns in den Großbeerenkeller und dort den Abend in die Nacht hinein fort. Anderntags fragte unser Chef Günter Matthes in der Konferenz, wo die Tempodrom-Rezension geblieben sei. Och, sagte ich, die wollten wir lieber nicht schreiben; denn wir hätten das Tempodrom sonst zausen müssen. Ich setzte dem noch eins drauf: Wer nichts schreibe, mache auch nichts falsch. Da gab es aber eine anständige Abreibung wegen unglaublichen Verstoßes gegen alle Regeln des Journalismus. Wir hatten damals die Tempodrom-Knospe schonen wollen, was uns Ärger eintrug. Aber so ist es doch auf vielen Lebenswegen: Eines Tages wird der Ärger zur Anekdote, vorausgesetzt er stand im Zusammenhang mit so etwas Traumhaftem wie dem Tempodrom.

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