Ministerpräsident Matthias Platzeck gesteht im Interview mit dem Tagesspiegel Fehler ein, fühlt sich von der Linkspartei nicht hintergangen – und schließt weitere Enthüllungen nicht aus.
Sie wollten eine Koalition mit der Linken, um die innere Einheit des Landes zu stärken angesichts wachsender sozialer Probleme. Die jetzige Polarisierung ist genau das Gegenteil.
Wir haben keine Liebesheirat, sondern eine Koalition auf der Grundlage einer großen programmatischen Übereinstimmung. Die wichtigste Aufgabe für uns ist, wirtschaftliche Dynamik mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zu verbinden. Das geht mit der Linken deutlich einfacher als mit der CDU. Die Aufdeckung der Lebensgeschichte von zwei Menschen, die ihre Wähler eindeutig belogen haben, hat die Koalition überrascht.
Nach den Lügen und Stasi-Enthüllungen – kommen Sie sich mit ihrer Versöhnungsinitiative nicht blauäuig vor?
Ich war zu optimistisch, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der Linkspartei angeht. Hier muss Klarschiff gemacht werden. Auf der anderen Seite: Wir müssen wahrnehmen, dass Ost und West noch längst nicht den Zustand der inneren Einheit erreicht haben, den wir uns vor 20 Jahren vorgestellt haben. Viele Menschen sind in Demokratie und Marktwirtschaft noch nicht angekommen, wie aktuelle Umfragen zeigen. Vor diesem Hintergrund kann niemand sagen, wir haben alles richtig gemacht.
Wurden Sie von der Linken hintergangen?
Nein. Denn ich gehe davon aus, dass die Verhandlungspartner der Linken über die Vergangenheit von Herrn Hoffmann und Frau Adolph ebenso wenig wussten wie ich. Wir haben intensiv über das Thema Stasi gesprochen.
Betrieb die Linke offensiv Aufklärung?
Bei denen, mit denen ich verhandelt habe, glaube ich das. Aber wir müssen erkennen, dass in den tieferen Sphären der Partei noch nicht bei allen der Stand erreicht ist, der nötig ist.
Muss sich die Aufarbeitung auch in Kreise und Kommunen ausbreiten?
Es wird eine Fernwirkung geben. Es war klar ein Fehler, nach 1990 keine Regelüberprüfung aller Landtagsabgeordneten mehr durchzuführen. Allein die Existenz einer solchen Überprüfung hätte dazu geführt, dass keiner mehr die Stirn hätte, mit einer solchen Vita überhaupt als Kandidat anzutreten. Der Fehler ist gemacht. Wir werden ihn beheben.
Wie viele Stasi-Fälle kann sich Rot-Rot noch leisten, bevor es am Ende ist?
Das ist eine hypothetische Frage. Ich erinnere daran: Wir hatten schon vor den aktuellen Fällen eine Überprüfung der Abgeordneten beschlossen. Und die Einsetzung eines Stasi-Beauftragten habe ich im Februar vorgeschlagen, als es diese Debatte überhaupt nicht gab. Jetzt haben wir zwei aufgedeckte Lebensläufe, aber gefühlt sind es 20.
Sie schließen weitere Stasi-Fälle nicht aus?
Ich kann nichts ausschließen. Jetzt muss alles auf den Tisch, deshalb machen wir die Überprüfung. Im Übrigen: Was hätten wir für eine Debatte, wenn es einen Fall in der Opposition gäbe? Ich hoffe aber sehr, auch für das Ansehen des Landtages, dass kein neuer Fall mehr dazukommt.
Können Sie für Ihre eigenen Abgeordneten die Hand ins Feuer legen?
Es geht um Menschen. Ich kenne alle meine Abgeordneten und kann mir das nicht vorstellen. Aber ich bin jetzt 20 Jahre in der Politik und habe sehr viel erlebt. Mit Sätzen wie die Hand ins Feuer zu legen bin ich deshalb sehr vorsichtig.
Braucht Brandenburg eine Bewegung wie 1968 in der Bundesrepublik?
Man kann die Situation nicht mit damals vergleichen, als Nazis auf wichtigen Posten saßen. Alle Gerichtspräsidenten, die meisten Universitätspräsidenten und alle Polizeipräsidenten sind keine SED-Kader, sondern Westdeutsche. Hier regiert nicht die Stasi.
Frau Große soll Landtagsvizepräsidentin werden. Sie war als Schulleiterin systemnah. Wo wird die Linie gezogen?
Entscheidend ist auch, ob jemand offen mit dem umgeht, was er früher gemacht hat. Und ich sage, bei aller Liebe: Kiesinger war Bundeskanzler, Filbinger Ministerpräsident. Frau Große war in der DDR Schuldirektorin. Also ich bitte darum, die Kirche im Dorf zu lassen.
Haben Sie die Koalition schon bereut?
Dass man mal flucht, ist normal. Aber wir haben eine Grundlage, und die trägt weiter als das, was jetzt Hauptthema ist.
Was versprechen Sie sich von einer Stasi-Beauftragten Ulrike Poppe?
Ich bin froh, dass sie es macht. Sie ist eine kluge, kompetente und zu differenzierter Betrachtungsweise fähige Frau. Sie kümmert sich um Opferhilfe und sie wird einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten, bei Schülern und Lehrern. Ich bin sicher: Sie wird in die Gesellschaft hineinwirken.
Warum haben Sie sich nicht früher für einen Stasi-Beauftragten stark gemacht?
Als ich 2002 wieder in die Landesregierung kam, steckte das Land in einer tiefen Krise. Die Haushaltslage war schwierig, wir hatten hohe Schulden. Das hat die tägliche Arbeit bestimmt. Und im Wahlkampf 2004 hat das Thema Stasi nicht eine Sekunde eine Rolle gespielt. Da ging es um Hartz IV, Montagsdemos und die wirtschaftliche Existenz von Menschen.
Sie sitzen seit 1990 im Kabinett. Wurden SED-Opfer in Brandenburg für die Debatte um Stolpes Stasi-Kontakte bestraft?
Nein, die damalige Debatte um Manfred Stolpe war sehr intensiv. Fast die gesamte Legislaturperiode war davon geprägt, bis zum Rücktritt von Marianne Birthler, ja dem Auseinanderfallen einer ganzen Regierung. Und nebenbei: Die Art und Weise der damaligen Debatte hat der SPD am Ende 54 Prozent Wählerzustimmung eingebracht. Damit haben sich die Brandenburger eben genau gegen die Schwarz-Weiß-Debatte ausgesprochen, mit der sich Stolpe konfrontiert sah. Ich wünsche mir, dass wir jetzt zu einer sachlichen Debatte in der Lage sind. Leider haben die jetzigen Stasi-Fälle wieder dazu geführt, dass die Diskussion holzschnittartig geführt wird.
Brandenburg brauchte Jahre, um nicht mehr die „Kleine DDR“, zu sein, jetzt gibt es das Label „Stasi-Land“.
Ich will nicht kleinreden, dass wir derzeit ein Imageproblem haben. Aber wir werden diesen Ruf wieder abschütteln. Das geht, wenn wir tun, was wir uns vorgenommen haben. Wenn wir Klarheit haben, ist kein Raum mehr für ein Klima der Verdächtigungen.
Sie sind aber in der Hand der Linken.
Nichts ist ohne Risiko. Die Linke kennt unsere Erwartung, dass nach dem Kleinen Parteitag klarere Beschlüsse zum Umgang mit Stasi-Verstrickungen stehen. Dazu gehören Rahmenbedingungen und Eckpunkte zum Umgang mit der Vergangenheit, keine Verklärung der SED-Diktatur.
Ist Brandenburgs Stasi-Krise ein Rückschlag für alle rot-roten Bündnisse?
Ich sehe es anders: Es schadet einer Gesellschaft nie, wenn mehr Klarheit und Offenheit einzieht. Das geschieht. Und es muss für spätere Koalitionsoptionen nicht schädlich sein.
Das Interview führten Thorsten Metzner, Gerd Nowakowski und Christian Tretbar.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.12.2009)
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Alles im Griff.
Das Problem wird in Scheiben geschnitten.
Gefangen im Netz der eigenen Entscheidungen, gibt es für P. keinen Rückweg.
Die Landungsschiffe sind verbrannt, ein zurücksegeln ist aussichtslos.
Gefangener des eigenen Versöhnungsprojektes oder der neuen SPD Parteilinie, ist Platzeck auf die rot rote Einbahnstrasse gekommen.
Sein oder Nicht sein. Rot rot oder politisch tot.
Wie peinlich muss es denn noch werden?
Übrigens schon mal was von BND gehört ?? Die lügen, betrügen, spionieren und morden doch genauso wie jeder andere Geheimdienst.Und die haben das System der Stasi doch noch viel weiter perfektioniert (zu Stasi-Zeiten gabs z.B. noch keine Trojaner, nicht wahr, Herr Schäuble ??). Schon Heiligendamm vergessen ?? Einschleusen von V-Leuten unter die Demonstranten zur Unruhestiftung, Luftüberwachung von unbemannten Drohnen aus und nicht zu vergessen die Geruchskonserven (fein von der Stasi gelernt !!).
Als Brandenburger muss man sich derzeit außerhalb des Landes schon ziemlich schämen.
Wer keine politischen Argumente hat, stürzt sich halt auf sowas. Vielleicht um zu verstecken, dass die Stasi-Reinkarnation aus den eigenen Reihen kommt.
Der BND mordet nicht und betruegt auch nicht und ist uebrigens ein Auslands- Nachrichtendienst. Es gibt hier rechtsstaatliche Prinzipien, nach denen alle Organe des Staates, auch BKA und Verfassungsschutz arbeiten. Man muss sich halt nur die Muehe machen ueber Dinge wie z.B. richterliche Anordnungen und Untersuchungsausschuesse zu lernen.
Die Stasi hatte zwar keinen Trojaner mit gesetzlichen Grundlagen und richterlichen Anordnungen, aber dafuer hatte sie 'ne Kamera in jedem Vorgarten, Wanzen und IMs ueberall. Und fuer Ihr Kommentar waeren sie in der DDR auf nimmerwiedersehen im Folterknast gelandet.
Aber den Menschen uebel nachzureden ist ja genau wie das Denunziantentum Volkssport No. 1 in Deutschland.
Viermal versuchte die Westberliner Staatsanwaltschaft eine Unschuldige dafür verurteilen zu lassen ...
F.U.
Nichts lieber als das. Leider aber existiert die SED-Fortsetznungspartei aber immer noch - und damit die organisierte, unterschwellige Stasi-Verharmlosung. Keinem geschadet, Jugendsünden, aktive Reue und wie das Rechtfertigungsgeschwätz auch immer lauten mag ... hintenrum wird unter dem Schlachtruf "Es war doch nicht alles schlecht in der DDR.", der suggeriert, es sei doch alles nicht so schlimm gewesen und mit der peinlichen Phrase von der "Entwertung der Biographien" die vorgebliche Distanzierung von dem Unrechtsstaat DDR, den man auch gar nicht so bezeichnet wissen will, zum hohlen Lippenbekenntnis.
Sobald also die umetikettiert SED verschwunden ist, könnte man auch aufhören mit diesem "Stasischeiß".
Platzeck: Als ich 2002 wieder in die Landesregierung kam, steckte das Land in einer tiefen Krise. Die Haushaltslage war schwierig, wir hatten hohe Schulden.
Das alles ist heute auch noch so - nur ungleich schlimmer. Was also soll das Geschwatz? Für wie dämlich hält Platzeck, von seinen getreuen Brandenburgern einmal abgesehen, den Rest der Republik?
Was soll denn das heißen, Herr Platzeck? Wenn also sich jemand offen zu seinen Schandtaten bekennt, ist alles okay?
Ich finde, Sie haben eine merkwürdige Auffassung von Moral. Vielleicht solten Sie lieber bei den Linken eintreten, da sind Sie ja schon voll auf Linie.
Im uebrigen frage ich mich immer, warum die ehemaligen Blockparteimitglieder nicht ebenfalls Rechenschaft ablegen sollten. Ist ja nicht so, das in der DDR-CDU keiner fuer die Stasi spioniert hat.
Was damals falsch gemacht wurde, ist heute keine Rechtfertigung dafür, den Fehler ein zweites mal zu machen. Es sei denn, man will aus der Geschichte nicht lernen.
Wie auch immer, mit diesem Interview hat er dargestellt, dass er absolut Unglaubwuerdig oder Unverantwortungswuerdig ist, und sollte im Interesse seiner Partei, und seines Landes zurueck treten.
Außerdem erwähnt er, dass es eine andere Diskussion geben würde, wenn es einen Stasi-Fall bei der Opposition gäbe.
Da gibt es aber m.E. einen Unterschied. Die NSDAP hat sich aufgelöst und die CDU hat sich immer klar zum Rechtsstaat und zur BRD bekannt. Die CDU ist Nachfolgepartei der Zentrumspartei aus der Weimarer Republik. Die LinkePDSED ist in dieser Hinsicht eher vergleichbar mit der NPD. Die Linke geht noch offen mit alten Ideologien hausieren. Wenn Filbinger bei der NPD sich kaum vom den Ideen der NSDAP distanziert hätte und die CDU mit der NPD koaliert hätte wäre es ein viel passender Vergleich gewesen.
Ich denke, dass Platzeck geschickt seine Wähler in Brandenburg anspricht. In der DDR wurde ständig wiederholt, dass die BRD nicht entnazifiziert hätte und deshalb immer noch von Nazis regiert wird, die DDR hingegen schon. Weil das auch in der Schule gelehrt wurde glauben das nach wie vor viele Brandenburger, obwohl wir inzwischen wissen, dass das falsch ist. Auch im Osten wurden Spezialisten, die gebracht wurden ohne jegliche Prüfung weiterbeschäftigt.
Aber das bekommen die Brandenburger Schüler sicher nicht zu hören. Denn wie wir kürzlich im Tagesspiegel lesen mussten, wurden die Lehrer weder ausgetauscht, noch haben sie sich ideologisch gewandelt. Dort wird nach wie vor über die schlimmen Taten des Klassenfeindes gelehrt.
Und die ehemaligen Schulleiter machen politisch Karriere.
Ich sehe eine innere Einheit in weite Ferne gerückt. Und Platzeck arbeitet offensichtlich aktiv daran, dass das auch so bleibt.
Schröders ehemalige Mitgliedschaft in der NSDAP störte die CDU nicht, und auch nicht die Unterstützung der damals 22 Wahlmänner der NPD. Ja, NPD!
Auch diese Partei hatte nur ihren Namen geändert, ihre Gesinnung nicht , ihr Parteiprogramm nicht sehr. Und mit Hilfe dieser NPD wollte die CDU Gerhard Schröder 1969 in höchste Staatsamt der Bundesrepublik Deutschland schaffen. Nur der FDP war es damals zu verdanken, dass sich die Gemeinschaft aus NPD und CDU nicht durchsetzte.
Doch diese schwarz-braune Stimmkoalition war kein Einzelfall. nach der Kommunalwahl in Niedersachsen 1968 verbündete sich die CDU unter anderem in Peine mit der NPD, um einen sozialdemokratischen Bürgermeister zu verhindern. 1970 paktierte sie im Landtag von Rheinland-Pfalz mit der NPD, um gegen den Willen ihres eigenen Koalitionspartner FDP ein konservatives Hochschulgesetz zu erzwingen. Einen Monat vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1972 peitschten CDU und NPD in gemeinsamer Front das Hochschulgesetz durch den Stuttgarter Landtag. 1968 hatte die NPD mit 9,8 Prozent locker die fünf Prozent Hürde geschafft und saß mit 12 Abgeordneten in Stuttgart.
Ja, dies alles war möglich im Westen, mehr als zwanzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg.
Aber scheinheilig heucheln ist einfach zu schön, besonders wer glaubt, Gott oder der Papst persönlich habe ihm das C in den Parteinamen gemeißelt
Das ist doch die Frage.
Wollte schon aehnliches Anfuehren, Beispiele gibt es ja genug.
Vielleicht sollte man aber noch hinzufuegen, das auf der anderen Seite, jemand der in den 50er Jahren Flugblaeter fuer die KPD verteilte ein lebenslanges Berufsverbot fuer den oeffentlichen Dienst erhalten hat in der ach so toleranten BRD. Wenn ich bedenke das NSdAP Mitglieder und Nazi Richter Ministerpraesidenten wurden, erscheint mir da die Verhaeltnismaessigkeit der Verfolgungen etwas Doppelmoralisch.
Bg.
Lebensläufe wurden von der Stasie umgeschrieben und angebliche Originale Journalisten zugespielt. So wie es bei Heinrich Lübke geschehen geschehen ist, dem die Stasi eine Nazivergangeneheit angedichtet hat. Dies konnt erst nach der Wende wiederlegt werden.