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Rechtsextremismus

Weiterbildung gegen Rechts - Beamte auf der Schulbank

Bürgermeister, Verwaltungskräfte und Polizisten lernen in Seminaren, wie die NPD vorgeht und was sie dagegen tun können.
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Polizisten bei einem NPD-Aufmarsch. - Foto: ddp
Potsdam -  Der Bürgermeister von Zühlsdorf war ratlos. Der NPD-Kreisverband Oberhavel wollte im Mehrzwecksaal der Gemeinde „eine ganz normale Veranstaltung im Rahmen des Kommunalwahlkampfes“ abhalten. Und diese Partei, so verfassungsfeindliche Ziele sie auch verfolgen mag, ist nicht verboten. Schweren Herzens überließ der Bürgermeister den Rechtsextremisten den Saal. Und musste sich prompt den wütenden Protest seiner Zühlsdorfer anhören.

Was muss man Rechtsradikalen und Neonazis erlauben, was kann man ihnen verbieten? Welche rechtlichen und auch zivilgesellschaftlichen Mittel gibt es im Umgang mit NPD und DVU – darin werden derzeit rund 300 Bürgermeister, Verwaltungskräfte und Polizisten aus Brandenburg geschult. Der Städte- und Gemeindebund, der Landkreistag und das Potsdamer Institut für Gemeinwesenberatung (Demos) haben die ganztägigen Seminare mit Blick in der Polizeifachhochschule Oranienburg organisiert.

Hintergrund für das bundesweit bisher einmalige Projekt sind die Kommunalwahlen am 28. September, bei der die NPD versuchen wird, ihren Erfolg von Sachsen zu wiederholen. Dort hatte die rechtsextreme Partei vor einem guten Monat mehr als fünf Prozent errungen, ist nun flächendeckend in den Kreistagen vertreten und in einer Gemeinde gar zweitstärkste Kraft. In Brandenburg verfügt die NPD gegenwärtig über vier Kreistagsmandate, die DVU über sechs. Im Vorfeld der Kommunalwahlen erwarten Experten verstärkte Aktivitäten der Rechtsradikalen.

In den Schulungen analysieren Fachleute des Verfassungsschutzes mit den Teilnehmern zunächst die regionale Lage beim Rechtsextremismus. Viele Neonazis gäben sich heute nicht mehr sofort als solche zu erkennen, sagt Karl-Ludwig Böttcher, der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes: Die Zeit von „Glatzen und Springerstiefeln“ sei vorbei. Die NPD suche sich Themen, die von den demokratischen Parteien scheinbar vernachlässigt werden. So hätten jüngst Rechtsradikale in Frankfurt (Oder) versucht, eine Bürgerinitiative zum Stadtumbau zu unterwandern. Die Seminare sollen die Bürgermeister deshalb auch dazu bringen, künftig genau hinzuschauen, was sich hinter lokalen Aktivitäten verbergen könnte.

Außerdem werden an Beispielen wie Zühlsdorf die Grenzen und Möglichkeiten rechtstaatlichen Vorgehens gegen Rechtsextremisten erklärt. Die NPD versuche, Freiräume des Gesetzes und der Demokratie auszunutzen, sagt Brandenburgs Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Aber nicht jedes Skinhead-Konzert muss genehmigt, und die Nutzung kommunaler Räume kann auch verwehrt werden, wenn der Veranstalter falsche Tatsachen vorgespiegelt hat. Schreiber: „Ich denke, wir haben eine gute Chance, die NPD mit den Mitteln des Rechts zu begrenzen in ihren Aktionen gegen die Demokratie.“

Die aktuelle Schulung sei dabei nur ein Baustein im Konzept gegen rechtsextreme Gruppierungen, betonen die Veranstalter. „Verwaltungen und Polizei können uns das Problem nicht allein vom Hals schaffen“, sagt der Demos-Chef und Leiter der Mobilen Beratungsteams gegen Recht, Dirk Wilking. Gefragt blieben vor allem die Bürger und zivilgesellschaftliche Initiativen. Als beispielhaft beschreibt Wilking das Vorgehen der Bürger in Schöneiche (Landkreis Oder- Spree). Als dort ein NPD-Ortsverein gegründet werden sollte, strömten sie spontan in alle Kneipen und Restaurants im Ort, füllten sie – und nahmen den Nazis so den Platz weg.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.07.2008)
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Kommentare [ 5 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von fredericussecondo fredericussecondo ist gerade offline | 14.7.2008 9:31 Uhr
Der Untertanenstaat
ist eine von Beamten und vom Feudalismus begeisterten Funktionären organisierte Autokratie.
Der Glaube, mit der "Schulung" seiner Funktionsträger gesellschaftliche Entwicklungen beherrschen zu können, ist nicht nur heute und hier wirksam, er hat auch die ganz Funktionärskaste der kommunistischen DDR-Diktatur beherrscht.

Die Nazis sind ein gesellschaftlicher Reflex auf die heute praktizierte Entwürdigung, Entwertung und Entmenschlichung, die in unseren Institutionen und Betrieben alltägliche Praxis ist.

Agenda 2010: Das Wohlfartsprogramm für die Neonazis.
Agenda 2010: Die funktionale Zerschlagung der zivilisierten und demokratischen deutschen Gesellschaft.

Du bist nichts, der Investor ist alles.
Der Investor soll leben, auch wenn wir sterben müssen.

Die Antwort darauf werden die Nazis geben, wenn die in der Linkspartei blühenden Hoffnungen zerbrochen sind.
Comment
von robocop_marvin robocop_marvin ist gerade offline | 14.7.2008 13:07 Uhr
Späte Einsicht!
Nazis sind kein "Reflex", sie sind Verbrecher. Auch wenn diese Erkenntnis noch nicht bei fredericussecondo angekommen ist, so gehört sie doch zum demokratischen Allgemeingut. Und der Umgang mit Verbrechern muss geübt sein. Die Schulungsinitiative aus Brandenburg ist deshalb uneingeschränkt zu begrüßen.
Man fragt sich aber schon, warum sie erst jetzt kommt und was denn die Verwaltungskräfte und Polizisten in ihrer Ausbildung eigentlich gelernt haben ... Trotzdem: Späte Einsicht ist besser als gar keine.
In diesem Sinne wünsche ich auch fredericussecondo einen schönen Tag!
Comment
von blumentopfche blumentopfche ist gerade offline | 14.7.2008 14:15 Uhr
eigentlich braucht man sowas nicht.
ich vermute ja mal, die beamten werden mit den jeweiligen rechtslagen in ihrem ressort vertraut sein.

bei der schulung wird es wohl eher darum gehen, bestehende gesetze so auszuloten und anzuwenden, dass es haarscharf nicht nach einem rechtsbruch aussieht.

notfalls müssen dann eben wieder die gerichte den beamten klar machen, dass gesetze für alle gleich gelten.

denn alleine die definition, was ist rechts, was ist nur konservativ, ist weit auslegbar.

ein komischer nachgeschmack bleibt schon.

Comment
von fledermaus fledermaus ist gerade offline | 14.7.2008 14:53 Uhr
"so verfassungsfeindliche Ziele sie auch verfolgen mag"
auwei, auwei lieber Herr Autor. Ich glaube kaum, dass Polizeibeamte explizit geschult werden sollen, wie eine Partei oder deren vermeintliche Anhängerschaft mit Tricks und Kniffen behindert werden kann. Das wäre ein grober Rechtsverstoss, denn noch gilt das Grundgesetz. Vielmehr geht es warscheinlich um eine Schulung bezüglich der Rechtslage, um Beamten aufzuzeigen was möglich und nötig ist- und was nicht. Ob oder wie empört Bevölkerungsteile über jemanden sind, spielt bei der Rechtslage keine Rolle.
Comment
von andrea andrea ist gerade offline | 14.7.2008 16:33 Uhr
"Kein Raum für Rechts"...
ist doch eine gute Initiative, wenn es darum geht,
Nazis und deren Aktionen einen Platzverweis zu erteilen.

Das gilt jedenfalls für alle Arten von Versammlungen,
die der Demokratie und dem Grundgesetz zuwiderlaufen.

Ansonsten sollte man mit jungen Menschen, die sich für
rechtes Denken und Agieren interessieren, unbedingt im
Gespräch bleiben, ihnen zuhören - so schwer das fällt.

Dies versucht sogar Noel Martin, der heute eine Stiftung
gegründet hat. Er ist seit einem Angriff rechtsradikaler
Jugendlicher vor zwölf Jahren querschnittsgelähmt und
rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen.

Sein altes Leben ist zerstört.
Dennoch gibt der auf Jamaika geborene Brite seinen
potentiellen Gegnern "Raum" - mit interkulturellen und
antirassistischen Projekten.

Nächsten Mittwoch, am 23.Juli, ist ein Tag der Herzensbildung gegen Rechts: Da wird dieser unermütlich engagierte Mann 49.




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