Brandenburgs Regierungschef Matthias Platz weist die Kritik an seinem SS-Vergleich zurück. Die Parteitage von SPD und Linke stimmen heute über Koalitionsvertrag ab.
Potsdam - Tag der Wahrheit für Rot-Rot in Brandenburg: Vor den Parteitagen von SPD und Linken, die an diesem Mittwoch über den Koalitionsvertrag abstimmen, hat SPD-Regierungschef Matthias Platzeck Fehler seiner Partei im Umgang mit den SED-Nachfolgern eingestanden. Unter Verweis auf das damals vergebliche Plädoyer der früheren Sozialministerin Regine Hildebrandt für Rot-Rot im Jahr 1999 sagte Platzeck: „Wir haben danach die Debatte nicht zu Ende geführt. Sie ist versandet.“ Dies sei ein Grund für die jetzige Aufgewühltheit in der SPD. Indirekt bestätigte Platzeck damit die Kritik der Vize-Bundestagsfraktionschefin Dagmar Ziegler, dass die SPD ungenügend vorbereitet in das Bündnis gehe. Ziegler hatte von einem „Hineinstolpern“ gesprochen.
Platzeck wies Kritik an seinem Aufruf zur Versöhnung mit früheren DDR-Eliten zurück, der vor allem wegen der von ihm gesehenen Parallelen zur westdeutschen Integration von Nationalsozialisten und früheren Mitgliedern der Waffen-SS nach 1945 Empörung ausgelöst hatte. „Ich habe nicht SED-Mitglieder mit Nazis verglichen“, sagte Platzeck. „Mir geht es um Aufarbeitung in postdiktatorischen Gesellschaften.“ Und um eine Grundsatzfrage: In Ostdeutschland nähme die Verdrossenheit über Demokratie und soziale Marktwirtschaft seit Jahren zu, was mit einem Zulauf für die Linken mit mittlerweile rund 400 000 Wählern im Land verbunden sei. Darin ordne sich Rot-Rot ein. Allerdings müsse das Verhältnis der SPD zur Linkspartei bis zur nächsten Wahl 2014 geklärt sein, so Platzeck. Ziel sei eine Normalität im Wettbewerb zwischen demokratischen Parteien, der sich an der Zukunft ausrichte, nicht an der Vergangenheit. „Dazu müssen wir die Geschichtsdebatte mal zu Ende führen. Und das heißt nicht: Schlussstrich.“ Es habe mit der Anerkennung von Biografien zu tun, mit Versöhnung gegenüber früheren IM der Staatssicherheit. Nach einer solchen Klärung schloss Platzeck für die Zukunft eine Berufung ehemaliger Stasimitarbeiter in Ministerämter nicht mehr aus. Für die jetzige rot-rote Koalition hatte die SPD darauf bestanden, dass die Linke – Fraktionschefin Kerstin Kaiser und Landeschef Thomas Nord sind Ex-IMs – keine früheren Spitzel nominiert.
Rot-Rot steht unter Beschuss der „Jamaika-Opposition“. Platzeck stellte sich vor den designierten Linke-Justizminister Volkmar Schöneburg, der „weder das DDR-Grenzregime verharmlost noch den Missbrauch der Justiz in der DDR relativiert“ habe, wie er betonte. Und Platzeck verwahrte sich gegen Vorwürfe des scheidenden Innenministers Jörg Schönbohm (CDU), der Platzeck „schlechten Stil“ vorgehalten und eine fehlende Verabschiedung des alten Kabinetts beklagt hatte. Die habe es bei einem gemeinsamen Mittagessen gegeben, sagte Platzeck: „Herr Schönbohm selbst hat das Wort genommen und sich für den stilvollen Ausklang der Legislaturperiode bedankt. Ich bedaure, dass Herr Schönbohm ein schlechter Verlierer ist.“
Vor den Parteitagen sind Platzeck wie auch Linke-Chef Nord zuversichtlich, dass der Koalitionsvertrag „mit guten Mehrheiten“ verabschiedet wird. Nach der SPD hat jetzt auch bei den Linken der Landesausschuss (per E-Mail: 44 mal Ja, 3 mal Nein) für den Vertrag votiert, der am Donnerstag unterzeichnet werden soll. Am Freitag soll Platzeck zum Regierungschef wiedergewählt werden. Die FDP-Opposition bot jetzt überraschend an, Platzeck mitzuwählen, wenn er doch noch zu Rot-Schwarz schwenkt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 04.11.2009)
Kommentare [ 14 ] Kommentar hinzufügen »
Ohne echte Not?
Da irren Sie das erste mal.
Und mindestens mit den Zuchthausaufsehern wohl das zweite mal.
Wann endlich hören diese ohne Not albernen Hasspamphlete auf?
Sein Auftrag war dort unter anderem die Bewachung von „Republik-Flüchtlingen“ im Untersuchungsgefängnis Frankfurt.
Axel Henschke: „Das war damals auf dem Boden von Recht und Gesetz, aber es war eben eine absolut verschissene Sicherheitsdoktrin. Und der sind Menschen zum Opfer gefallen. Das habe ich damals nicht gesehen. Das sehe ich heute. Und deswegen komme ich heute zu anderen Schlüssen.“
Ach? Hat es also doch einer gemerkt! Und es hat nur 20 Jahre gedauert! Da sage noch einer unsere Politiker wären begriffsstutzig. Ich erklär es gern noch einmal, Kohl wurde nicht kurz nach der Einheit mit Eiern beworfen, weil ihm die Ossis zum Dank ein Omlett machen wollten. Das war eine politische Botschaft an den gesamten Staat. Wir sind nicht unzufrieden mit dir. Wir sind stinksauer auf dich!
Vielleicht werd ich ja SPD-Wähler..
@Ant: Die brandenburger SPD verzeichnet eh schon ein Mietglieder- und Wählerschwund gen rot und schwarz, vielleict ist der "Amoklauf" Platzecks genau zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle.
Platzeck als ehemaliger NVA-Offizier kann sich ja mit den ehemaligen Stasischergen versöhnen.