Der Deutschtest scheint zweifelhafte Wirkung zu zeigen: Nach Berlin ziehen deutlich weniger Türken. Seit das Zuwanderungsgesetz gilt, kommen viel weniger Ehegatten. Ein Grünen-Politiker erhebt Verfassungsbeschwerde gegen die Sprachprüfung.
Das neue Zuwanderungsgesetz zeigt Wirkung: Vom dritten auf das vierte Quartal 2007 ging die Zahl der eingereisten Bräute und Bräutigame aus der Türkei bundesweit um 67, 5 Prozent zurück. Im dritten Quartal erteilte die deutsche Botschaft in Ankara 2068 Einreisevisa an Ehegatten. Im vierten Quartal, nach Inkrafttreten der Regelung, waren es nur 673.
Den Grund für den Rückgang sieht das Auswärtige Amt in den verschärften Bedingungen für Ehegattennachzug und die geforderte Sprachprüfung. Das Zuwanderungsgesetz, das seit August 2007 gilt, verlangt, dass der Partner in der Türkei mindestens 18 Jahre alt sein und über „einfache Deutschkenntnisse“ verfügen muss.
Für Berlin gibt es noch keine eigenen Zahlen. Aber die Innenverwaltung geht von einem „gefühlten“ Rückgang des Ehegattennachzugs um die Hälfte aus. Im ersten Quartal 2008 verzeichneten die Behörden zwar wieder einen Anstieg im Vergleich zum letzten Quartal 2007. So reisten von Januar bis Ende März 2008 bundesweit 1405 Ehefrauen und -männer nach Deutschland ein. Es sei also nur ein „vorübergehender Rückgang“, urteilt das Auswärtige Amt. Im Vergleich zum ersten Quartal 2007 ist das aber dennoch ein Rückgang um fast die Hälfte.
Der türkische Heiratsmarkt in Berlin ist darüber in eine Krise geraten. Viele türkische Familien müssen Hochzeiten absagen oder verschieben, weil die Braut oder der Bräutigam den Deutschtest in der Türkei nicht bestanden hat. Türkische Verbände und die Betreiber von Festsälen, in denen die Familien die Hochzeit traditionell mit mehreren hundert Gästen feiern, bestätigen den Befund.
Dass schon vor der Einreise Deutschkenntnisse verlangt werden, soll die „Integration der Zuzügler erleichtern“, begründete die Bundesregierung vor einem Jahr die Neuregelung. Indirekt will man aber auch ein Umdenken in den türkischen Familien bewirken und sie zur Suche nach Ehepartnern in Deutschland motivieren. Den Sprachtest hält der Berliner Fraktionsvorsitzende der Grünen, Volker Ratzmann, in der jetztigen Form für verfassungswidrig, da nicht alle Ausländer Sprachkenntnisse nachweisen müssen. Das verstoße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Das Verbot der Einreise verletze außerdem den grundgesetzlich garantierten Schutz von Ehe und Familie. Ratzmann hat deshalb Verfassungsbeschwerde erhoben. Auch die Türkischen Verbände fühlen sich nun in ihrer Kritik bestätigt. „Die Anforderungen sind viel zu hoch“, sagt Safter Cinar vom Türkischen Bund. Wer in Anatolien auf dem Dorf lebt, habe außerdem gar keine Möglichkeit, an dem Test teilzunehmen. Die für das Visum erforderliche Prüfung kann man nur am Goethe-Institut in Ankara, Istanbul und Izmir absolvieren. Für den Sprachtest „Standard Deutsch 1“ ist laut Goethe-Institut erforderlich, dass man 650 Wörter versteht und 300 Wörter aktiv beherrscht. Der Kurs, der dies vermittelt, umfasst 160 Unterrichtsstunden.
Nach der Erfahrung von Vermietern von Berliner Hochzeitssälen schauen sich nach wie vor 30 bis 40 Prozent der türkischen Familien in der alten Heimat nach einem Partner oder einer Partnerin für ihre Kinder um. Neben die Importbraut tritt verstärkt der Importbräutigam. Die Statistik des Auswärtigen Amtes belegt, dass fast die Hälfte der Zuzügler aus der Türkei Männer sind. „Viele Eltern suchen für ihre Tochter einen Mann in der Türkei, weil sie einen sauberen Charakter suchen“, sagt Hidir Güneser, der die „Nostalgie Festsäle“ in Spandau betreibt. Viele würden denken, dass türkischstämmige junge Männer in Berlin kriminell sind.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.05.2008)
Kommentare [ 48 ] Kommentar hinzufügen »
Unser Ziel ist doch schließlich die erfolgreiche Integration der Zuwanderer. Durch den Zuzug von Ehegatten ohne genügende Sprachkenntnisse würden wir doch der Integration einen Bärendienst leisten!
Die veröffentlichten Zahlen belegen zudem, dass in der Vergangenheit der Zuzug von Ehegatten mit noch nicht einmal einfachen Sprachkenntnisse offenbar leider recht umfangreich gewesen ist.
Wenn Herr Ratzmann von den Grünen nun Protest erhebt, dann lässt er Zweifel daran aufkommen, ob ihm bzw. seiner Partei die Integration wirklich am Herzen liegt.
Ich begrüße es im Gegenteil, dass die vernünftigen und integrationsfördernden Gesetzesbestimmungen offebar greifen, die übrigens auch von integrierten Türken wie z.B. Frau Kelec gefordert worden sind.
Integration läuft nur über die Beherrschung der Landessprache. Da liegt das Hauptproblem der Schulabbrecher und damit auch eine große Kriminalitätsursache.
Ansonsten gäbe es auch noch viel Deutsche, Polen, Italiener ichweißnicht wer noch alles zum heiraten hierzulande.
In Kanada ist es selbstverständlich, daß nur gut ausgebildete Fachkräfte ins Land gelassen werden, die auch sofort die Sprache zu erlernen haben. Dort ist die Integration viel problemloser.
aber,
was die anderen Kommentatoren sagen, ist ja richtig,
nur eben tatsächlich wahrscheinlich nicht verfassungsgemäß.
Das Gesetz sollte schon so formuliert werden, dass es einer Überprüfung standhält.
Wenn also ein Kasache oder Usbeke mit deutschem Pass sich eine (ebenso wie das Mädchen in Ostanatolien) erzogene Frau holt, darf der das, ein Türke nicht.
So, wie die bisherige Regelung ist, geht das nicht.
meinen Sie etwa, dass es so bleiben sollte, dass die Ethnien nur unter sich heiraten??
So etwas würde doch die Parallelgesellschaften zementieren.
Das Ziel muss doch im Gegenteil sein, dass es völlig normal ist, dass eine türkische Frau auch einen Deutschen oder einen Polen heiratet.
Auch das gehört unbedingt zur Integration hinzu.
Wenn das tatsächlich so ist, dann wundert es mich nicht. Ich als Exil-Berliner muss das ja wohl auch denken, wenn ich regelmässig die Artikel der Berlin-Seiten auf Tagesspiegel-online lese.
Hallo Hauptstadtpolitik, aufwachen!!! Die Türkische Gemeinde selbst nennt das Kind beim Namen!!! Liebe Alt-68er und Grünen Politiker, hört auf Euch und uns in die Tasche zu lügen und gestaltet endlich einen Politikwechsel für eine wirkliche Integration mit!!!!!!!
Ansonsten darf Ehe und Familie von Türken auch ganz normal in der Türkei stattfinden. Was spräche dagegen?!
Diese Sprachkurse gelten auch für Ehepartner gebürtiger Deutscher, sofern diese aus dem Ausland kommen.
Ausnahmen sind lediglich Länder wie die USA und Japan.
Wenn ein gebürtiger Deutscher sich also eine Frau aus z.B. den Philippinen holt, muß diese dort ebenfalls diese Sprachkurse machen.
Hat sich was mit der angelichen "Benachteiligung" von Türken. Nur billige Propaganda.
@ dali:
bevor Sie hier 'rumpolemisieren, sollten Sie lesen lernen: Hades sprach von Heirat innerhalb der eigenen Ethnie, wenn Sie das nicht verstehen, dann antworten Sie besser auch nicht darauf.
Im Übrigen lege ich Wert auf die Feststellung, dass nicht die Sprach- und Integrationstests die Zuwanderung verhindern, sonderen die mangelnden Kenntnisse der Einreisewilligen.
Bekannt ist, das vielfach es eher darum geht, Teile der Familie in Form von Cousins/Cousinen 1. Grades hier unterzubringen und besonders konservativen Türken sind die hier aufgewachsenen türkischen Frauen schon zu selbstständig, durch das gesellschaftliche Umfeld hier zu liberal und aufmüpfig geworden.
Außerdem verhindert das Gesetz auch das weiterhin zu enge verwandtschaftliche Bindungen geknüpft werden, mit der Gefahr überproportional häufig geborener Kinder mit Behinderung.
Und ganz einfach, wer nicht in der Lage ist, die Hürde Sprachtest zu nehmen, wird ganz zwangsläufig später zur Belastung für die Gesamtgesellschaft. Ansonsten muß das Gesetz bzgl. Ihres Bsp. noch wasserdicht gemacht werden, richtig.
ach so,
aber nicht an hades gerichtet:
der geforderte aktive/passive Sprachschatz entspricht etwa dem eines BLÖD-Lesers. Ob das nun ein vernünftiges Maß ist, mag ich mal dahingestellt lassen...
Wieso also nennt der Artikel das Gesetz 'zweifelhaft' ?
Dass es 'wasserdicht' gemacht werden müsste, sollten handwerkliche Fehler feststellbar sein, ist ein anderes Thema.
Und einmal anders herum betrachtet: Ich würde niemals im Leben in ein Land ziehen wollen, dessen Sprache ich nicht beherrsche. Probleme sind so schon vorprogrammiert.
Die Grünen haben damit eine Grundlage geschaffen, auf der sich der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde,Kenan Kolat, nicht scheute, während des Integrationsgipfels die geforderten Deutschkurse mit der Judenverfolgung nach 1933 zu vergleichen. Ein absolut unerträglicher Vergleich, über den sich aber seinerzeit niemand aufgeregt hat, schon gar kein Grüner.
Wenn also inzwischen schon ein Klima geschaffem wurde, in dem man sich nicht mehr traut, Türken berechtigt zu kritisieren, dann kann man nur noch sagen, Danke Ihr Grünen!
Die Türken die hier leben verdienen unsere Hochachtung für ihre vielfach nicht leichten Lebenswege und für ihren nicht unerheblichen Beitrag zu dem deutschen Lebensstandard den sie zu Billigstlöhnen in den letzten 30, 40 Jahren geleistet haben.
da machen Sie es sich aber WIRKLICH zu einfach und blenden bei Ihrem Blick durch die rosarote Brille all zu viel einfach aus.
So einfach ist das nicht!
Dieses Thema ist komplexer!
Irritierend finde ich dabei nur die Aussagen der kommentierenden Experten über à la Berlin sozialisierte, "nicht-pflegeleichte" Türkinnen - sind die jetzt wohlgelitten oder wollen Sie sie auch rausschmeissen?
Ich bin froh darüber, dass der Nachzug von Menschen aus anatolischen Dörfern ohne deutsche Sprachkenntnisse durch diese Regelung erschwert wird. Da kann man unsere Politiker für dieses gute Gesetz nur loben. Möge es vor den Gerichten Bestand haben.
Und auch, dass man neben den EU-Bürgern auch Amerikaner und Japaner von dem Sprachtest ausnimmt, kann man doch damit begründen, dass diese aus solch Bildungsnahen Ländern kommen, dass die die Sprache schon lernen werden.
Und wer keine Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration hat, der wird sich damit auch sehr schwer tun.
Ich frage mich manchmal ernsthaft, ob die Politiker, die gegen solche Tests agieren, jemals mit den Problemen konfrontiert wurden, die damit bekämpft werden sollen - wenn man sich manch eine Äußerung anhört, kann man das kaum glauben.
Man verstehe mich nicht falsch, ich bin nicht gegen Einwanderung, aber ich fordere von jedem Einwanderer, sich wenigstens Grundkenntnisse der Sprache anzueignen und sich an die Gesetze des Landes zu halten, in das er/sie einwandert - ob es nun Deutschland oder ein anderes Land ist. Denn sonst wird die Sache in jedem Fall negative Folgen haben, entweder für ihn/sie oder für das Umfeld, in dem er/sie in Zukunft leben wird.
ein bekannter aus jemen brachte sich auch vor jahren eine frau mit, die die familie ausgesucht hat. die konnte auch kein wort deutsch, hat aber inzwischen deutschkurse absolviert.
aber, machen wir mal nicht so ein geschrei, andere länder haben eine viel härtere praxis bei einwanderungen, da geht es sogar um kilogramm, die eingehalten werden müssen, und elternnachzug ist auch kaum möglich und sozialleistungen werden auch keine gezahlt.
Und: Hat Herr Ratzmann Kinder, die mit türkischen Kindern, die der deutschen Sprache nicht oder nur schlecht mächtig sind, gemeinsam die Schulbank drücken? Dieses Kinder sind nämlich das Resultat der Mütter, die die Amtssprache Deutsch nicht sprechen. Solche Leute wie Ratzmann sind schon in den 90 er Jahren aus den kulturell bereicherten Bezirken weggezogen oder aber schickten ihre Kinder auf eine Schule mit niedrigem Ausländeranteil. Schon die staatlichen Kindergärten in Kreuzberg hatten Probleme, deutsche Kinder zu gewinnen- die resp. deren Eltern zog es in die EIKitas- und da wurde fein selektiert.
Dennoch bleibt die Kritik, dass es sich auf ALLE nicht EU-Bürger beziehen muss, um schon beschriebene Ungerechtigkeiten abzustellen, berechtigt.
Hier müssen, wenn man nicht mal wieder warten will, bis Karlsruhe das in die Hand nimmt, Änderungen herbei geführt werden.
Dass an dieser Stelle die Volksseele so loskocht, lässt mich allerdings hellhörig werden, ob ein TEIL der Kommentatoren nicht nur ihre, berechtigt oder nicht , auf jeden Fall aber vorhandenen Aggressionen auf bestimmte Ethnien, so Luft machen wollen.
Auch bleibt festzuhalten, dass die Kritik durch die Verbände entlarvend ist. Sie geben offen zu, was man dem Verhalten hier Lebender vorwirft:
Viele junge Türken wollen den Konflikten mit einer hier aufgewachsenen jungen Türkin aus dem Wege gehen, Eltern junger Frauen sehen nur in einem importieren Mann einen, der sie "einfangen kann".
Schade eigentlich...
Außerdem: Warum bedauern ständig solche Leute, daß die Einwanderungszahlen nicht noch höher sind, die in ihrem eigenen Privatbereich (Wohnort, Schule der Kinder) sich von Einwanderern abschotten, außer vielleicht von solchen der Oberschicht. Warum wollen sie anderen Belastungen auferlegen, die sie selbst nicht tragen wollen?
Das sollte doch zu denken geben, wenn sogar in der türkischen Community eine solche Einschätzung erfolgt. Daraus ergibt sich nun das Dilemma, dass "arrangierte Ehen" weiter existieren werden und das Recht auf Selbstbestimmung unterwandert wird. Denn im Artikel heißt es: "Viele Eltern suchen für ihre Tochter einen Mann in der Türkei."
Dass durch den Nachzug von ausgesuchten Lebenspartnern die Integration durchaus erschwert wird, sollte eigentlich auch einem Herrn Ratzmann einleuchten. Was ist ihm denn nun lieber:
Die Beibehaltung traditioneller, archaischer Lebensformen unter den Einwanderern, oder die Vermittlung und Einbehaltung einer modernen, liberalen Gesellschaftsordnung, in der jeder über sein eigenes Leben selbst bestimmen kann. Ohne Deutschkenntnisse kann man sich der Gesellschaft der neuen Heimat nicht öffnen, findet man sich in dieser nicht zu recht.