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Kennedy in Berlin

Tag des Jubels

Als John F. Kennedy 1963 die Stadt besuchte, winkten ihm Zehntausende entlang seiner Route zu. Ein Hoffnungsträger beschwor die Freiheit - wie die Hoffnung in die geteilte Stadt zurückkehrte.
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Eine Sternstunde Berlins: Grenzenlose Begeisterung der Menschenmenge, als John F. Kennedy seine Rede vor dem Rathaus Schöneberg in dem Satz "Ich bin ein Berliner" gipfeln ließ. - Foto: dpa
Den Blick in die Zukunft verwehrten rote Stoffbahnen mit Hammer- und Zirkel-Applikation in der Mitte. Auf diese Weise wollte die DDR-Regierung am 26. Juni 1963 verhindern, dass der damalige US-Präsident John F. Kennedy durch das Tor einen Blick auf den Pariser Platz erheischen konnte. Die umjubelte Tour durch West-Berlin war einer der Höhepunkte im Leben des erst 46 Jahre alten Präsidenten, der nur noch wenige Monate zu leben hatte. In diesem Jahr ist es 46 Jahre her, dass dieser einzigartige Jubelzug stattfand.

Ganz frisch war damals noch die Erinnerung an die Konfrontation sowjetischer und amerikanischer Panzer am Checkpoint Charlie im Oktober 1961, die die Welt an den Rand des Dritten Weltkrieges brachte. Die ganze Anspannung, aber auch die überwältigende Hoffnung auf eine friedliche Zukunft entluden sich an diesem historischen Sommertag 1963. Es war der Tag, an dem die Berliner ihrer Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang des Kalten Krieges Bilder gaben. An diesen Bildern freute sich Kennedy in den wenigen Monaten, die ihm zum Leben noch blieben. Sie blieben auch nach seinem Tod als Motivation der Nachfolger.

Die Jubelroute führte vom Flughafen Tegel über den Kurt-Schumacher-Platz, durch das damals noch neue und stolze Hansa-Viertel zum Ernst-Reuter-Platz, von dort zum Kurfürstendamm, durch die Budapester Straße zum Großen Stern, von dort zur Kongresshalle.

Überall längs der Straße hatten die Menschen Kennedy, der mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt in einer offenen Limousine fuhr, zugewunken und gejubelt.

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In der später teilweise eingestürzten Kongresshalle, mittlerweile Sitz des Hauses der Kulturen der Welt, hielt Kennedy seine erste Rede des Tages. Heute erhebt sich daneben mächtig das Kanzleramt des wiedervereinigten Landes. Auch dazu hat jener Tag seinen Beitrag geleistet. „Wenn in den letzten zehn Jahren ein Mythos zerstört worden ist, dann war es die Auffassung, dass Kommunismus und wirtschaftlicher Wohlstand Hand in Hand gehen“, sagte Kennedy in der Kongresshalle unter Beifallstürmen.

Hätte der Präsident bei seiner zweiten Station am Brandenburger Tor durch die roten Tücher hindurch in die ferne Zukunft sehen können, auf den Pariser Platz im Jahr 2009, wäre ihm sicher das Kennedy-Museum aufgefallen mit manchen Erinnerungsstücken aus dem Familienbesitz, mit vielen Fotos aus einem kurzen, aber höchst erfolgreichen Leben. Gleich hinter dem Tor hätte er die neue US-Botschaft gesehen, eine Trutzburg gegen die Sicherheitsanforderungen einer Welt, die man sich vor den Todesschüssen von Dallas am 22. November 1963 und erst recht vor dem 11. September 2001 noch sehr viel idyllischer vorgestellt hatte, als das heute denkbar ist. Vielleicht hätte er gesehen, wie sein Nachfolger Ronald Reagan noch auf dem Weg zum Rednerpult am Tor gegen den Rat seines Außenministers die hoch emotionalen Worte wieder in seine Rede aufnahm: „Mr. Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor … Reißen Sie diese Mauer nieder.“ Vielleicht hätte er sehen können, wie ein anderer Nachfolger, Bill Clinton, im Juli 1994 im wiedervereinigten Deutschland bei strahlendem Sonnenschein als erster US-Präsident durch das Tor ging und triumphierend rief: „Nichts wird uns aufhalten. Alles ist möglich. Berlin ist frei.“ Kennedy konnte das alles noch nicht sehen, aber er konnte die überwältigende Sympathie spüren, die anderthalb Millionen jubelnder West-Berliner ihm an diesem Tag entgegenbrachten, dem charismatischen jungen Präsidenten, dem – wie heute Obama – alle Herzen zuflogen.

Vom Brandenburger Tor ging es weiter zum Checkpoint Charlie, dem wunden Ort, an dem beinahe der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre. Auch auf Ost-Berliner Seite hatten sich Menschen versammelt, die von der Volkspolizei zurückgedrängt wurden. Heute lassen sich Touristen dort fotografieren und betrachten die Bilder einer Ausstellung, die auch Kennedy an diesem Ort zeigen. Dass nicht weit hinter dem Schild „You are leaving the American Sector“ die neue Glitzerwelt der Friedrichstraße mit luxuriösen Geschäften wie dem Departmentstore 206 beginnen würde, war damals unvorstellbar. Im westlichen Teil der Friedrichstraße hingegen dominieren ärmliche Krimskramsläden. So haben sich die Verhältnisse umgekehrt.

Am Rathaus Schöneberg folgte der Höhepunkt der Tour. Hier allein erwarteten den amerikanischen Präsidenten rund 400 000 Berliner auf dem Platz vor dem Rathaus, das damals Sitz des Regierenden Bürgermeisters war. Seine Rede wurde immer wieder von Sprechchören und Jubelstürmen unterbrochen. „Die Mauer ist die abscheulichste und stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems“, sagte er. Nach diesen Worten konnten die Amerikaner Berlin nicht mehr aufgeben: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.“

Noch etwas mehr als 26 Jahre sollte es dauern, bis Willy Brandt auf diesem Platz, der kurz nach der Ermordung des Präsidenten in John-F.-Kennedy-Platz umbenannt wurde, sagte: „Dies ist ein schöner Tag nach einem langen Weg. (…) Nichts wird wieder so, wie es einmal war.“ Das war im November 1989, als, schon fast nicht mehr erwartet, alle Hoffnungen auf ein friedliches Ende des Kalten Krieges sich plötzlich erfüllten.




(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.02.2009)
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