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Justizirrtum

Spiritus ist auffällig oft die Brandursache

Sie saß 888 Tage unschuldig hinter Gittern: Nach dem Freispruch im Mordprozess gegen Monika de M. wächst nun die Kritik an den Untersuchungsmethoden der Berliner Ermittler. Auffällig häufig kommen diese zu dem Schluss, dass Spiritus die Ursache eines Brandes ist.
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Es war ein Freispruch erster Klasse, den die Vorsitzende Richterin Angelika Dietrich am Landgericht vorgestern verkündete: Monika de M. wurde nach 888 Tagen Tagen Gefängnis vom Mordvorwurf in zweiter Instanz freigesprochen. Alles andere aber als ein Freispruch ist die Bewertung des Gutachtens, das die Sachverständigen des Landeskriminalamtes (LKA) abgeliefert hatten: „nicht tragfähig“ heißt es kurz und knapp im Urteil. Das Spurenbild und die chemische Analyse seien „zu einseitig“. Ähnlich kritisch beurteilen das auch Arbeitsgruppen anderer Landeskriminalämter. „Die Interpretation der Messergebnisse ist in Berlin sehr mutig gewesen“, sagte ein führender LKA-Mitarbeiter aus Norddeutschland dem Tagesspiegel. Man wäre vermutlich zu anderen Schlüssen gekommen.

Das Gutachten des Berliner LKA kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Brand im Haus im Buckower Uhuweg vor gut fünf Jahren um Brandstiftung gehandelt haben muss. Der bettlägerige Vater von Monika de M. kam dabei ums Leben. Irgendjemand sollte demnach Spiritus als Brandbeschleuniger im Haus verteilt haben. Monika de M. beteuerte damals ihre Unschuld. Ihr Verteidiger wartete mit Gegengutachten auf. Die 22. Große Strafkammer unter Vorsitz des erfahrenen Richters Peter Faust aber stützte sich im ersten Prozess 2004/2005 letztlich auf das LKA-Gutachten. Erst der Bundesgerichtshof hob das Urteil im Januar 2006 auf. In ihrem Beschluss ließen es die Juristen nicht an deutlichen Worten fehlen: Eine „Kappungsgrenze“, mit der der Chemiker Dr. A. beim LKA arbeitet, sei „offensichtlich nicht standardisiert“, hieß es damals.

Diplom-Chemiker A., der im LKA als wissenschaftlicher Oberrat tätig ist, wendet eine eigene Messmethode an: Wird 3-Methyl-2-Butanon - einer von mehreren Bestandteilen von Spiritus - oberhalb einer bestimmten Grenze, der Kappungsgrenze, wie im vorliegenden Fall in den Proben nachgewiesen, kann man aus Sicht der LKA-Experten von Spiritus als Brandbeschleuniger ausgehen. Das hat die Diplom-Chemikerin Silke Löffler, Leiterin des Fachbereichs Brandursachen beim Bundeskriminalamt, dagegen deutlich widerlegt. Entscheidend seien die Brandspuren, sagte sie im zweiten Prozess aus. „Schon bei der Durchsicht der Akten fiel mir auf, dass das Brandspurenbild nicht mit dem analytischen Ergebnis übereinstimmt.“ Auch die von der Verteidigung bestellten Brandgutachter Peter Rabes und Hans-Gustav Creydt kamen zu dem Schluss, dass typische Einbrennungen wie bei der Benutzung von Brandbeschleunigern fehlten. Sie halten dem LKA-Brandsachverständigen B. und Chemiker A. „schwere analytisch-logische Fehler“ vor. Außerdem seien sie nicht bereit gewesen, „die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen".

Ungeachtet der von Brandexperten, Landeskriminalämtern und BKA geäußerten Kritik sieht die Berliner Polizei noch wenig Handlungsbedarf. Es gebe zu einem Sachverhalt unterschiedliche technisch-wissenschaftliche Einschätzungen. „Die bisher vorliegenden Erkenntnisse über Kritik am LKA-Gutachten begründen keine Zweifel an der Kompetenz der zuständigen Ermittler“, sagte auf Anfrage Polizeipräsident Dieter Glietsch. Man habe nach der BGH-Entscheidung das gesamte Gutachten einer erneuten Prüfung unterzogen, ohne dass es zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre. Das LKA weist Kritik zurück, es habe „nicht selbstkritisch“ reagiert. Nach dem letzten Urteil werde der Gesamtvorgang erneut geprüft. Ob Konsequenzen daraus gezogen werden, könne erst entschieden werden, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliege und ausgewertet werde.

Dass in den letzten Jahren in Berlin bei Ermittlungen besonders häufig der Verdacht auf Spiritus als Brandbeschleuniger aufgekommen ist, ist in Expertenkreisen bekannt. Die BKA-Brandexpertin Löffler sagte dazu diplomatisch, sie würden „jedenfalls häufiger als in Wiesbaden“ auftreten. Ein Berliner Richter, der nicht genannt werden möchte, sagte gestern: „Offenbar ist künftig mehr Sorgfalt in den Fällen angezeigt, in denen als Brandursache Spiritus feststeht.“

Rudolf Jursic ist der Schwager der freigesprochenen Monika de M. Der Ingenieur hat sich in den letzten fünf Jahren intensiv mit Brandspuren-, -ursachen und chemischen Analysen beschäftigt. Er will jetzt einen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit schreiben. „Ich hoffe, dass LKA-Brandgutachten künftig von externen Gutachtern geprüft werden“, sagte Jursic. Mit der Methode „Akte zu und in den Keller damit“ nach dem Freispruch sei es nicht getan.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.04.2008)
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Kommentare [ 9 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von tkurbjuhn tkurbjuhn ist gerade offline | 10.4.2008 22:39 Uhr
Mit Herrn Burrasch
habe ich heute telefoniert, siehe http://tkurbjuhn.blogspot.com/2008/04/telefonanruf-bei-egon-burrasch-beruf.html
Der Mann wirkt vollkommen unberührt und ohne Selbstzweifel, wenn er auf die Frage, ob er denn weiter Brandgutachten erstellen wolle, antwortet: " Aber selbstverständlich".
Der Mann wird weitermachen, wird weiter Unschuldige als Brandstifter " entlarven", wenn er nicht gebremst wird.
Es ist also zu fordern, daß Herr Burrasch mit Aufgaben im LKA betraut wird, mit denen er keinen Menschen mehr schaden kann.Das ist auch beamtenrechtlich sicherlich möglich.
Was auch zu fordern ist: ein Ermittlungsverfahren gegen den Richter Peter Faust wegen Rechtsbeugung. Und die Berliner Richterschaft ist aufzufordern, den Mann als Vorsitzenden des Berliner Richterbunds abzulösen. Denn dieses Fehlurteil war vermeidbar.
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von tinto tinto ist gerade offline | 11.4.2008 6:05 Uhr
Selbstzweifel
der deutschen Justiz? Richter Faust als Vorsitzenden des Berliner Richterbundes ablösen? Das hat schon nach 1945 nicht funktioniert und wird heute auch nicht funktionieren. Die Selbstgerechtigkeit der deutschen Justiz ist durch nichts zu überbieten.
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von gerndrin gerndrin ist gerade offline | 11.4.2008 9:11 Uhr
Gerehtigkeit
Gerechtigkeit auch hier:
Wer spricht vom Opfer?
Wer spricht von den sagenhaften 10.000 Euro, die sie als Entschädigung für 888 Tage erhalten soll?
Ist das nicht etwas viel?
Gut, man zieht wahrscheinlich noch Kost und Logis ab - aber trotzdem.
(Ich glaub - mir wird schlecht...)
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von lalabei lalabei ist gerade offline | 11.4.2008 11:04 Uhr
Geld macht glücklich
Ironie ist schon eine schöne Sache.
Ich denke, dass das Geld fast 2 1/2 Jahre Gefangenschaft nicht annähernd wiedergutmacht. Einfach lächerlich dieser Betrag. Und leider kann man Beamte nur erfolgreich in Regress nehmen, wenn sie nachgewiesen schuldhaft gehandelt haben. das nachzuweisen ist so gut wie unmöglich. Nicht mal 25 DM für jeden Tag ......
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von ejw012 ejw012 ist gerade offline | 11.4.2008 17:01 Uhr
Ein Skandal
den man nicht einfach durchgehen lassen darf. Ich bekam gestern auch einen Freispruch in der 2. Instanz nachdem ich im September 2007 der schweren Brandstiftung schuldig gesprochen worden war. Auch bei mir wurde durch ein Gutachten von Herrn Burrasch Brennspiritus als Brandbeschleuniger festgestellt, was sich als nichtig herausstellte. Ich saß u. a. deshalb 5 Monate in U-Haft. 5 Monate getrennt von meinem kleinem Sohn, was eine haftentschädigung niemals wieder gut machen kann.
In der 1. Instanz wurde es noch nicht mal für nötig gehalten Herrn Burrasch zu laden oder irgendeiner der Gutachter vom LKA.
Die Sachlage war klar Brennspiritus wurde benutzt und das Urteil kam...
Ich bin der Meinung, dass gegen diese Art von Gutachtenerstellung angegangen werden muss.

Wer weiß, wie viele Unschuldige noch schuldig gesprochen wurden, auf Grund von den Gutachten des Herrn Burrasch..........
Comment
von tkurbjuhn tkurbjuhn ist gerade offline | 11.4.2008 19:59 Uhr
Reaktionen
Ich habe in den letzten Tagen auf vielen Weblogs in Kommentaren auf die Tagesspiegelartikel zu dem Fall hingewiesen.Die Reaktionen sind leider sehr dürftig, um nicht zu sagen: sie sind gleich null. Ich fürchte, Herr Burrasch hat gute Chancen, in Deutschland, dem Land, in dem man hinter vorgehaltener Hand gerne meckert, dann aber gehorcht, im Amt zu bleiben. Daß nur direkt von Fehlurteilen Betroffene oder mit dem Justizsystem vertraute Laien wie ich was sagen, reicht keinesfalls. Die " Bloggerelite" hat auf keinen Falle interesse an dem Thema, vom lawblog bis basicthinking kam keine Reaktion, auch von den dortigen Lesern nicht. Ich vermute, daß es gar nicht am bösen Willen der Leute liegt, sondern am typisch deutschen Gehorsam gegenüber staatlichen Autoritäten. Wenn eine bestimmte Kritik Mode ist, z.B. gegeüber der " Stasi 2.0", dann kommt massiv Kritik, manchmal auch sehr undifferenziert. Ist aber eigenständiges Engagement nötig, kommt nix, auch und gerade von den " Engagierten" nicht.
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von ejw012 ejw012 ist gerade offline | 11.4.2008 21:46 Uhr
Absägen
aber wie? Hat man denn als Einzelperson überhaupt eine Chance?
Die Polizei und auch der Polizeipräsident sehen keinen Handlungsbedarf! Zivilklage! Na klar das ist die Antwort!
Aber alleine gegen eine riesige Behörde, wie soll man das schaffen?Ich bin bereit dagen vor zu gehen!!
Aber alleine shafft man es nicht...und wird man es nie in Deutschland schaffen! Man wird oder wurde ja entschädigt! Man hat ja seinen Freispruch! Man hat also letztendlich das "Vertrauen" in der Justiz nicht verloren!Aber hat man nicht schon vorher alles verloren? Nur die Gemeinschaft kann agieren... aber da ist die Vorgeschichte in Deutschland...
also kocht jeder seine eigene Suppe und hofft auf ein Besseres!
Und da ist die Angst vor den Behörden, welche letztendlich (meistens) am längeren Hebel sitzen...
Unterschriftaktionen für den Erhalt für Tempelhof gibt es...
Aktionen gegen Gutachter im LKA die willkürlich arbeiten und mit selbst festgellegten Grenzwerten (lt.Kurier) sollte es auch geben
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von felixfranth felixfranth ist gerade offline | 12.4.2008 16:11 Uhr
freie Beweiswürdigung des Gerichtes
Der nächste Richter, der auf ein Gutachten dieses Sachverständigen setzt, der riskiert
sofort eine Revision. Hier ist das Landeskriminalamt und der Polizeipräsident gut beraten, sich mal in Deutschland nach anderen Verfahren zum Nachweis von Brandbeschleunigern
umzuschauen, um überhaupt noch vor Gericht glaubwürdig zu gelten.
Das Problem ist hier nicht nur, wie viele wirklich Unschuldige Stress hatten oder haben werden, sondern, wie viele Verbrecher jetzt hier durchkommen, weil Gutachten angezweifelt werden können. Die freie Beweiswürdigung des Gerichtes wird hier auf eine harte Probe gestellt.
Da hilft nur ein neues Verfahren der Kriminaltechniker zum Nachweis von Spiritus oder
das jetzige Verfahren wird wissenschaftlich unabhängig überprüft, damit eben zweifelsfrei feststeht, ob oder ob nicht. Spätestens beim nächsten Gerichtstermin mit diesem Thema
wird es heiss werden !!





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von rudimarion rudimarion ist gerade offline | 14.4.2008 12:32 Uhr
ejw012
Sie sollen nicht aufgeben, wir werden an allen Fronten vorgehen, gegen die Täter. In über 2.500 Stunden, die ich mit dem Fall beschäftigt war, haben wir eindeutige Beweise, dass LKA durch Chemie Spiritus findet, wo keiner ist.
Ich hoffe, Morgen die Internetseite steht die auf die Details eingeht. Wir sind bereit, allen unschuldig Geschädigten mit dem Wissen zu helfen.
Bitte E-Mail an spiritus.berlin@t-online.de

Rudolf Jursic
Schwager der Angeklagten

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