Berlin-Kreuzberg wird zunehmend zu einem teuren Pflaster: Steigende Mieten setzen Einwohner mit niedrigen Einkommen im Bergmann- und Graefekiez, aber auch in SO 36 unter Druck. Eine aktuelle Studie sieht einen deutlichen Trend zur Verdrängung.
Menschen mit höherem Einkommen leben wieder gerne in den zentralen Bezirken. Kreuzberg profitiert davon – oder leidet darunter, je nach Sichtweise. Die Altbauviertel jedenfalls haben an Attraktivität gewonnen, die Mieten steigen. Das zeigen die Ergebnisse der neuesten Studie zu den drei Milieuschutzgebieten Bergmannstraße-Nord, Graefestraße und Luisenstadt (SO 36), die das Büro Topos Stadtforschung im Auftrag des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg erstellt hat. In jedem der drei Gebiete wurden rund 800 Fragebögen ausgewertet. Da Topos die Untersuchungen alle zwei bis drei Jahre vornimmt, und das seit über zehn Jahren, lassen sich auch längerfristige Veränderungen nachvollziehen.
Milieuschutzgebiete wurden in Kreuzberg ab Mitte der 90er Jahre eingeführt, um die soziale Mischung der Bevölkerung zu wahren und eine Verdrängung zu verhindern. Fünf solcher Areale gibt es heute im Altbezirk. In den drei untersuchten Gebieten zeigen die Zahlen in nahezu allen Bereichen – außer bei den Arbeitslosen – nach oben. Die Bevölkerung ging ab 1997 zunächst wegen der Abwanderung ins Umland zurück. Nach einem Tiefpunkt zu Beginn des neuen Jahrzehnts stieg sie aber wieder an, im Gebiet Graefestraße, das vom Kottbusser Damm bis zum Urban-Krankenhaus reicht, sogar steil. Darunter sind viele Selbstständige, allerdings nicht mehr der klassische, sozial abgesicherte Typus, sondern Vertreter einer prekären Form von Selbstständigkeit, die häufig mangels Alternativen begonnen wird.
Das teure Gebiet zwischen Bergmannstraße und Halleschem Tor, das wie zu erwarten in der Studie ganz vorn liegt, ist deshalb das einzige, in dem der Anteil der Selbstständigen zurückgegangen ist. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen ist dort mit 2000 Euro und der Mietpreis pro Quadratmeter mit 5,46 Euro am höchsten. „Wir beobachten eine Vorreiterrolle der Bergmannstraße. Die Graefestraße wird in ein paar Jahren auch dort angekommen sein“, sagt Sigmar Gude von Topos.
Bei der Luisenstadt dürfte das noch wesentlich länger dauern. Das größte der drei Milieuschutzgebiete liegt zwischen Kottbusser Tor und Spree nördlich und südlich der U-Bahnlinie 1. Hier liegt die Arbeitslosigkeit bei 22 Prozent, bei den Migranten teilweise bei 40 Prozent. Sie sind außerdem von der Einkommensentwicklung der deutschstämmigen Bewohner weitgehend abgekoppelt. Dennoch könne, so Gude, von einem Absturz in gettoähnliche Strukturen keine Rede sein. In den Wohnblocks zwischen Reichenberger Straße und Paul-Lincke-Ufer würden sich sogar deutliche Tendenzen der Verdrängung einkommensschwacher durch einkommensstarke Mieter zeigen. Aber selbst in der Wrangelstraße gäbe es Aufwertungstendenzen, so Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) bei der Vorstellung der Studie. Auch die emotionale Bindung an den eigenen Kiez ist in SO 36 stark gewachsen. Wollten 2002 noch 33 Prozent der Bewohner das Gebiet verlassen, sind es jetzt nur noch 23 Prozent. In keinem anderen von Topos untersuchten Gebiet in Berlin hat die Bindung stärker zugenommen als hier.
Und das, obwohl die Kaltmieten auch in der Luisenstadt wie in den anderen beiden Gebieten kontinuierlich stärker als der Mietspiegel gestiegen sind. Rund 30 Prozent, mit Warmmiete 35 Prozent des Einkommens werden inzwischen dafür ausgegeben. Betroffen von steigenden Mieten sind vor allem die neu Zugezogenen. Der Milieuschutz hilft den Altmietern, die während der Modernisierungen in den 90er Jahren in ihren Wohnungen geblieben sind. Bei ihnen sind die Mieten am geringsten gestiegen. Bei den Neumietern gibt es dagegen vor allem nördlich der Bergmannstraße Sprünge von bis zu eineinhalb Euro pro Quadratmeter.
„Die Studie dient uns vor allem dazu, die Fortschreibung des Milieuschutzes rechtlich zu begründen“, so Schulz. Wenn es darum geht, aufwändige Modernisierungen – und damit verbunden steigende Mieten – zu verhindern, seien dem Bezirk sowieso die Hände gebunden. So waren Umbau oder Abrisse früher genehmigungspflichtig, jetzt würde der Bezirk im Rahmen des neuen Baubeschleunigungsgesetzes nicht mehr automatisch davon erfahren. „Wir haben damals dagegen gestimmt und sind als Trottel beschimpft worden“, sagt der Bürgermeister. „Allein in den Milieuschutzgebieten haben wir noch eine zarte Möglichkeit zum Eingreifen.“ Sigmar Gude ist der Meinung, der Senat habe blauäugig gehandelt, als er die meisten Restriktionen für Bauherren abschaffte: „Eine Stadt wie diese braucht Steuerungsinstrumente.“
Für Sonnabend hat die Initiative „Mediaspree versenken!“, die die Mietpreisentwicklung für dramatisch hält, zu einer Demonstration aufgerufen. Die Studie soll in den nächsten Tagen auf der Internetseite des Bezirksamtes veröffentlicht werden.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.11.2008)
Kommentare [ 14 ] Kommentar hinzufügen »
Zu blöde, dass uns der soziale Staat nicht noch besser vor Bedarf (für alle, die mit Wirtschaft sonst nicht so viel am Hut haben, das sind realisierbare! Bedürfnisse) schützen kann.
Also zu Ihrer Frage: nein, dafür gibt es leider kein Geld, ist aber eine nicht uninteressante Anregung, die Sie direkt an die @tagesspiegels richten sollten.
Wenn Sie sich am "DDR-Niveau" stören sollten, ersetzen Sie es durch den "technischen Standard der 1960-Jahre". Jetzt besser?
So, und nun inhaltlich: Sollte man sich nicht viel mehr Gedanken machen, wie man Geld VERDIENT, statt wie so oft nur, wie man Geld AUSGIBT?
Sehen Sie nicht auch die Gefahr, dass Berlin mit seiner Rekordverschuldung und einer ebensolchen Arbeitslosigkeit nicht doch lieber echte und nachgefragte Arbeit eher befriedigen sollte als abzuwehren?
DAS bringt Arbeit und DAS bringt Geld und das wird doch benötigt, denn was soziale Projekte angeht, hat diese Stadt noch Gewaltiges vor.
Oder was hatten Sie gedacht, wie man das finanziert?
PS: Gibt's eigentlich einen Link zu einer Liste, wo die politisch korrekten Fahrzeugtypen in diesem Kiez aufgelistet sind? Nur so für alle Fälle, wenn ich mir mal eine Auto anschaffen sollte.
sie mögen selber von den steigenden mieten profitieren weil sie hausbesitzer sind, dieses glück teilen aber leider die allerwenigsten mit ihnen.
zum thema arbeit : wenn der handwerker der die wohnungen renoviert, sich diese nicht mehr leisten kann, dann ist was faul in diesem land, dann stimmen die verhältnisse zwischen besitz und arbeit nicht mehr.
und bitte nicht vergessen :
Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(grundgesetz artikel 14, absatz 2)
Bezüglich des Beißreflexes konnte ich irgendwie keine Antwort finden. Liegt vielleicht irgendwo zwischen den Zeilen.
Dass Arbeit und damit Geld an sich der große Heilsbringer sein soll, egal zu welchen Bedingungen erwirtschaftet oder erpresst oder erbeutet, ist ein bisschen viel Manchester und selbst seitens der sogenannten Arbeitgeber längst nicht mehr die Regel Nummer 1.
Ihre "Argumente" zielen immer nur auf eines: das zementieren und damit konservieren der bestehenden Strukturen. Nur Arbeit bringt Geld, und nur Geld macht glücklich, Verzeihung, rettet Menschenleben. Gier ist bei Ihnen eine unbedingte Voraussetzung zur Entwicklung der Menschheit.
Dieser Ultra-Sozialdarwinismus ist mir ein wenig zu schlicht. Geld ist meiner Meinung nach genug da, es ist nur absolut ungerecht und völlig ungerechtfertigt verteilt. Natürlich, ich weiß, die Leistungsträger, und die Verantwortungsträger, und das war schon immer so, und alle würden es so machen, wenn sie könnten.
Vielleicht sollte man mal über Parteienfinanzierung reden, über Lobbyismus und fehlgelenkte Subventionen, über Steuergeldverschwendung, über Beamtenpensionen und Vergünstigungen, über Politikergehälter und -privilegien, über so vieles, was diesen Staatshaushalt ziemlich schnell sanieren würde.
Aber Sie haben ja recht. Ist viel einfacher, auf Hartz-Empfänger einzuprügeln, das wenige Soziale im Staat zu beschimpfen. Auf Andersdenkende die Großbuchstaben loszulassen. Damit alles so schön ordentlich bleibt wie es immer schon sein sollte.
By the way - wussten Sie eigentlich, dass man die ersten Fabrikarbeiter regelrecht an die Werkbänke prügeln musste? Die hatten irgendwie noch nicht die gesellschaftliche Reife und sittliche Norm, die unsereins so auszeichnet...
Apopros Beißreflex: Ich habe den Eindruck, jeder, der lieber eine nachhaltige Ausgabenpolitik anmahnt als mit der Gießkanne Gelder zu verteilen, gehört für Sie schon in die Rubrik"Sozialdarwinist". Und erst recht, wenn er dann auch noch vorschlägt, in die Schaffung von Arbeitsplätzen zu investieren (wer hat denn behauptet, dass dies zu brutalsten Bedingungen geschehen soll). Ich kann nicht recht sehen, wohin Ihre Argumentation führen soll: Arbeit ist es offenbar nicht. Hm, Umverteilung also. Umverteilung klingt schön, aber aus Ihrem Mund eher nach der Enteignung aller Hausbesitzer. Hurra! Wohnen wir doch alle zur Miete und schicken dem Amt die Rechnung für anfallende Reparaturen.
Doch zum Thema: Kreuzberg gilt als schick, deswegen suchen sich viele Neuberliner dort eine Wohnung. Große Nachfrage erhöht den Preis, zumal, wenn zeitgleich in die Modernisierung investiert wird (ich unterstelle mal, dass nicht jeder Hausbesitzer ein Immobilienspekulant ist, und bei vielen Häusern im Kiez eine Modernisierung durchaus angebracht ist). Ähnliches haben wir in anderen Bezirken schon früher erlebt. Berlin verändert sich, und das wird sich wohl auch in Zukunft nicht verhindern lassen. Laut Studie sind keine Ansätze zu Gettoisierung zu beobachten. Fein! Ich wüsste nicht, warum man jetzt eingreifen sollte.
2. ich finde es viel spannender, sich zu überlegen, WAS passieren muss, damit es möglichst vielen wenn nicht sogar allen gut geht
3. die Großbuchstaben sind KEINE Lautstärke, sondern dienen lediglich der Betonung
4. ich behaupte nicht, dass Arbeit und Geld Heilsbringer sind, man kann natürlich auch ohne glücklich sein, falls Glück denn überhaupt angestrebt wird, aber ich behaupte, dass die von diesem sozialen Staat und insbesondere von der linken Szene geforderten Wohltaten nur mit GELD, was am besten durch ARBEIT erzielt wurde, finanziert wird
5. dieser Punkt beinhaltet meine Bitte an Sie, Punkt 4 zu akzeptieren, damit wir bei Punkt
6 fortfahren können und der lautet: das Zementieren und (das) Konservieren bestehender Strukturen ist nicht mein Ziel, sondern allenfalls das Schaffen SINNVOLLER Strukturen, und falls sie sinnvoll waren, dann natürlich auch die alten Strukturen solange beizubehalten (wie z.B. THF)
7. Ob Darwin, Konfuzius oder Loriot ist mir ebenfalls egal, aber wenn es das Ziel ist, Armut zu bekämpfen und Arbeitsplätze zu schaffen, dann sollte man nicht tatsächlich nachgefragte Arbeit (also echten Bedarf!) abwehren
8. auch wenn Sie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Armut NICHT als IHR Ziel akzeptieren, können Sie trotzdem nachvollziehen, inwieweit jede Maßnahme (hier z.B. Wohnraumsanierung) sich im Sinne dieser Ziele verhält oder ob sie gar dem Ziel entgegenwirkt
9. ich prügle nicht auf Hartz4-Empfänger ein sondern mache mir Gedanken, wie auch sie wieder in Arbeit zu bringen sind, was im Einzelfall sogar noch unangenehmer sein mag
10. Ihre Aussage "... das wenige Soziale im Staat" können Sie entweder nicht ernst oder aber nicht die BRD meinen (Belastung des DS-Einkommens in 2007 mit52%)
11. ich bin ausdrücklich dafür, Bedürftigen zu helfen, am besten mit Hilfe zur Selbsthilfe
Wenn jemand wegzieht, weil er sich jetzt was Besseres leisten möchte und kann als Kreuzberg, fällt das eigentlich auch unter "Verdrängung"?