Rot-Roter Burgfrieden: Der Senat beschließt am Dienstag die Sanierung des ICC, die zwischen 130 und 250 Millionen Euro kosten soll. Für die Deutschlandhalle bedeuten die Pläne allerdings das Aus. Hier soll ein neues Kongresszentrum entstehen.
Das Internationale Congress Centrum (ICC) am Messedamm wird bei laufendem Betrieb saniert, die Deutschlandhalle abgerissen und an der Glockenturmstraße in Charlottenburg eine neue Eissporthalle gebaut. Das will der Senat am Dienstag beschließen und damit einen seit Jahren schwelenden Streit innerhalb der rot-roten Koalition befrieden.
Grundlage der Entscheidung ist ein gemeinsamer Vorschlag der Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und des Wirtschaftssenators Harald Wolf (Linke). Um das ICC für Großkongresse noch attraktiver zu machen, soll das marode Parkhaus an der Südseite des Gebäudes umgebaut werden, um dort Platz für neue – kleinere und mittelgroße – Räume zu schaffen. Das könnte die internationale Wettbewerbsfähigkeit des mehrfach preisgekrönten Kongresszentrums, das bis 2015 weitgehend ausgebucht ist, weiter erhöhen.
Außerdem soll die Heizungs- und Klimatechnik modernisiert werden, um die Betriebskosten deutlich zu senken. Das entlastet die landeseigene Messe GmbH um einige Millionen Euro jährlich und mindert die Zuschüsse aus dem Landeshaushalt. Der – seit 2001 diskutierte und zeitweilig tatsächlich drohende – Abriss des ICC, das 1979 eröffnet wurde, ist damit vom Tisch. Senator Wolf und die Messegesellschaft konnten auch keinen seriösen Nachnutzer für den Mammutbau präsentieren, um ihre Pläne für ein neues Kongresszentrum am Standort der Deutschlandhalle zu realisieren.
Unklar ist noch, wie teuer die ICC-Sanierung wird, die über mehrere Jahre gestreckt werden muss, um den Kongressbetrieb nicht allzu sehr zu beeinträchtigen. Bisherige Kostenschätzungen, auf der Grundlage von drei unabhängigen Gutachten, schwanken zwischen 130 und 250 Millionen Euro. Bisher waren dafür keine Gelder eingeplant. Der Senat muss deshalb die Finanzplanung bis 2011 entsprechend korrigieren.
Das ICC bleibt also stehen – dafür soll die Deutschlandhalle weichen. Senat und Messegesellschaft sind sich offenbar einig, dass der Bau aus den dreißiger Jahren, der nur noch für den Amateur-Eissport provisorisch genutzt wird, keinen Nutzen mehr bringt und eine Sanierung deshalb unsinnig und zu teuer wäre. Außerdem wirkt die Halle wie ein Sperrriegel. Ein kompletter Rundgang über das gesamte Messegelände ist bisher nicht möglich. Auch von den Oppositionsparteien ist kein großer Widerstand gegen einen Abriss zu erwarten.
Zumal der Eissport in Berlin mit einem neuen, kleinen Stadion – Kosten unter zehn Millionen Euro – in der Umgebung des Olympiastadions ein zusätzliches Domizil erhalten soll. Bisher hatte der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf vergeblich versucht, einen solchen Neubau in der Investitionsplanung des Landes Berlin unterzubringen. Jetzt gibt es die Idee, dass sich die Messe GmbH an der Finanzierung beteiligt. Am 9. Juni befasst sich der Wirtschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses mit dem heutigen Senatsbeschluss, bestätigte dessen Vizevorsitzender Jörg Stroedter (SPD).
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.05.2008)
Kommentare [ 15 ] Kommentar hinzufügen »
Zudem: Daß die Halle "nur noch für den Amateur-Eissport provisorisch genutzt wird" und somit angeblich "keinen Nutzen mehr bringt", liegt ja wohl ausschließlich an dem politischen Beschluß, dem privaten Betreiber von Max-Schmeling-Halle und Velodrom keine Konkurrenz machen zu wollen. Es gibt sicherlich viele Veranstalter, die die Deutschlandhalle gern nutzen würden, aber nicht dürfen.
Und so wird wieder ein Stück Berliner Geschichte ohne Grund zerstört. Es ist zum Heulen...
halle bedeutete war klar. Das ist der Deal zwischen Messe und
Senat. Der Denkmalschutz für die Deutschlandhalle wird dabei(wieder einmal in dieser Stadt, in der alles nur noch aus "Deals"zu bestehen scheint)ignorant vom Tisch gefegt.
Der Komplettwahnsinn in dieser unserer deutschen Hauptstadt nimmt und nimmt kein Ende.
Noch vor kurzem sollte das w e l t w e i t erfolgreichste Kongress- und Tagungszentrum (das ICC) schlicht abgerissen werden. Nachdem dieser Quatsch aus den Köpfen der hiesigen Politiker verschwunden zu sein scheint, ist jetzt die Deutschlandhalle dran. Was könnte man tun, um auch diese Idee zu Fall zu bringen? Ideenreiche TAGESSPIEGEL-Leser, bitte melden!
MfG
Peter Sommer
Das Erfolgs-ICC erfährt eine Modernisierung & und der alte
Kasten Deutschlandhalle kommt weg. Damit dürfte die Messegesellschaft und Berlin insgesamt ökonomisch weiter wettbewerbsfähig bleiben. Warum nicht früher so ?
Auch ist mir nicht klar, warum eine Nutzung durch die Messe, z.B. nach Entkernung, nicht möglich sein sollte.
Auch das ICC war ein sensationeller Bau. Dieses Gebäude zeigt wie kaum ein anderes in Europa die Technikbegeisterung jener Zeit. Auch heute noch könnte man sich vorstellen, dass es enterprisemäßig abhebt. Der Gegensatz zwischen beiden Hallen könnte in ihrer Expressivität kaum größer sein.
Allerdings hätte auch ich eine Vorschlag für Abriss und Neubau eines großen Gebäudes:
die neue US-Botschaft (mehr dazu im gestrigen? TSP)
Zum Thema,
als Bauwerk ist die Deutschlandhalle mit Sicherheit ein bedeutendes Werk, als Veranstaltungsort, vor allem bei Konzerten, war sie furchtbar, deshalb war das Grönemeyer Konzert vor ca. 20 Jahren auch mein letzter Besuch dort.
Aber die Idee mit der Entkernung und Integration in das Messegelände wäre ein vernünftiger Kompromiss.
"Vernünftig" geht aber in Berlin schon mal gar nicht! ,-)
Vergangenheit?!
Gerade in Berlin ist Architekturgeschichte ein ganz heißes Ding, auch muss ein Bauwerk ja nicht unbedingt uwes ästhetischen Ansichten entsprechen um "wichtig" zu sein,
aber wie gesagt,
ich wüsste da einige andere Bauwerke in Berlin, die ich lieber abgerissen sehen würde.
Da fangen wir dann mit den Plattenbauten (ost und west) mal an, planieren die Botschaft und gestalten die ganzen neuen Messebauten gleich noch komplett mit um...
Gruß
dali