Der neue Investor wird nicht mit dem Wettbewerbsgewinner zusammenarbeiten – das erregt Argwohn.
Eine säulengeschmückte Natursteinfassade, Arkaden an der Leipziger Straße – was die Architekten vom Büro Kleihues + Kleihues 2007 für die Bebauung am Leipziger Platz vorschlugen, orientierte sich ganz am historischen Vorbild, dem alten Wertheim-Kaufhaus. Mit ihren Ideen gewannen die Architekten den vom Senat ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerb. Doch bauen, das steht seit vergangenem Freitag definitiv fest, wird Kleihues + Kleihues am Leipziger Platz nicht.
Ende vergangener Woche wechselte das mehrere zehntausend Quadratmeter große Gelände an der Nordostecke des Platzes den Besitzer: Die Immobilienfirma Orco, durch die Finanzkrise finanziell geschwächt, verkaufte an Harald G. Huth und seine High Gain House Investments GmbH (HGHI). Projektentwickler Huth, der in der Stadt bereits die Neuköllner Gropius Passagen und das „Schloss“ in Steglitz entwickelte, wirbt auf seiner Internetseite zwar noch mit Grafiken von Kleihues + Kleihues. Architekt Jan Kleihues jedoch sagt, sein Büro werde nicht mit Huth zusammenarbeiten.
Ephraim Gothe (SPD), Baustadtrat von Mitte, hatte dem Tagesspiegel bereits am Wochenende erklärt, er befürchte, der neue Eigentümer werde „eine sparsame Variante“ anstreben, die der exponierten Lage nicht gerecht werde. Kleihues sagt: „Qualitätvolle Architektur muss nicht teuer sein, der Bauherr scheint aber andere Prioritäten zu haben.“ Er betonte auch, dass man an so einer exponierten Stelle mit minderwertiger Architektur seinen Ruf verlieren könne.
Der Bebauungsplan für das gesamte alte Wertheim-Areal, erst vor knapp zwei Wochen vom Abgeordnetenhaus bestätigt, schreibt vor, dass knapp ein Drittel der Neubaufläche für Privatwohnungen genutzt werden muss, daneben sind Geschäfte, Restaurants und Unterhaltungsangebote sowie 15 Prozent Bürofläche vorgesehen. Die Gebäudehöhe etwa ist festgelegt, Details sind allerdings den Investoren überlassen. Huth jedenfalls plant ein neues Einkaufszentrum, das ähnlich viele Läden beherbergen soll wie das „Alexa“ am Alexanderplatz. 36 000 Quadratmeter reine Verkaufsfläche, rund 150 Geschäfte und etwa 750 Tiefgaragenstellplätze sind laut Informationen auf der HGHI-Internetseite unter anderem vorgesehen. Eröffnen soll das Haus schon 2012.
„Uns macht diese völlige Überausweisung der Fläche Sorgen“, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig, die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen und ergänzt: „Keine Kaufkraft entspricht dem.“ Dies sieht zumindest der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, nicht als Problem. „Der Platz hat noch Potenzial“, sagt er und verweist auf die Historie. Der Leipziger Platz sei mit dem Wertheim-Kaufhaus, das in den Jahren 1896/97 errichtet wurde, seit jeher ein „Kaufhaus der Stadt“ gewesen. Zudem gebe es auch Orte, die Kaufkraft generierten, und sei es touristische, sagt Busch-Petersen. Bedenken gibt es aber auch hinsichtlich der Gestaltung des großen Neubaus. „Wir sind sehr skeptisch“, sagt Stefanie Bung, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der CDU. Der Leipziger Platz sei einer der wichtigsten historischen Plätze. Ein erneutes Bauvorhaben solle daher die Chance verwirklichen, den Platz wieder aufzuwerten, sagt Bung. Der Vorschlag der CDU-Fraktion: Das historische Wertheim-Kaufhaus wieder aufbauen.
„An das alte Wertheim erinnern“, das ist eine Idee, an der auch Uwe Doering, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Gefallen findet. Dass die brachliegende Lücke am achteckigen Leipziger Platz nun bald geschlossen wird, begrüße er, sagt Doering. Einzig der potenziell zu erwartende Autoverkehr hin zu einem neuen Kaufhaus beunruhige die Linke noch.
Harald G. Huth, der neben Kleihues + Kleihues im Internet auch noch auf ein Architektenbüro aus Miami, Florida, verweist, entzog sich der Diskussion um seine Neuerwerbung aufs Angenehmste. Am Montag war er mit seiner Familie bereits im Weihnachtsurlaub.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.12.2009)
Kommentare [ 17 ] Kommentar hinzufügen »
s. z.b. hier:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Kaufhaus_Wertheim,_Leipziger_Platz,_1920er_Jahre.jpg&filetimestamp=20071115021007
Sie sind einfach eine fixe Idee des früheren Senatsbaudirektor, der über das Thema mal promoviert hat.
Sie wurden deshalb auch in dem Architekturwettbewerb zwingend verlangt.
Kleihues+Kleihues waren daher - wie die anderen Wettberbsteilnehmer -gezwungen, diesen Unsinn umzusetzen.
Die Frage ist allerdings ob wir wirklich noch einen Einkaufstempel brauchen.
Und wenn die Linken sich vor dem Autoverkehr fürchten, tja, liebe Leute, dann hättet ihr beizeiten dafür sorgen sollen das die Leipziger Straße die Verkehrsmassen auch aufnehmen kann.
Persönlich hätte ich an dieser Stelle einen netten kleinen Park bevorzugt. Wäre sicherlich auch für die Luftbilanz gut gewesen.
Stellen Sie sich doch mal vor, Sie stehen am Leipziger Platz und verspüren plötzlich eine unwiderstehliche Lust auf einen Caramel Frappuccino® Blended Coffee. Und das nächste Starbucks ist in einer quasi unerreichbaren Entfernung (150 Meter, Potsdamer Platz oder 200 Meter, Friedrichstrasse - UNZUMUTBAR).
In dem Fall wären Sie doch auch heilfroh und dankbar, wenn sich ein herrliches Starbucks Classic Coffee House in Ihrer unmittelbaren Umgebung befindet, NICHT WAHR?
mog ;-)
ich bin für gesetzliche vorgaben, dass laufwege niemals nicht mehr als 50 m zu den einschlägigen örtlichkeiten betragen dürfen ... ;-)
Was hat sie dazu beigetragen, dass hier alles kleiner gerät?
Bei solchem Umfeld - sogar Politik, Bundesrat, gegenüber - kein Anreiz!??
Einst Verkehrseinfallstor!
Dabei, denke ich, werden Möglichkeiten nicht genutzt:
Anhalter Bahnhof ist Ruinenbruchstück auf zugigem Platz. Wäre der wieder Bahnhof(shalle) als Teil des Verkehrsmuseums, würde wieder etwas mehr (Touristen/Besucher-)„Verkehr“ zwischen Potsdamer und Askanischen Platz kommen. Den Claire-Waldoff-Park zum Flughafen-Zubringer-Standort machen: (oberer) Potsdamer Bahnhof (der mehr sein könnte, wenn nicht der Schönefeld-Flughafen, sondern der ermittelte Favoritenstandort Sperenberg (RE/Transrapid) herausgekommen wäre.)
Anstatt in Masterplänen zu fantasieren, sollte die Stadtverwaltung vielleicht mal über die „Rückbauten“ räsonnieren, bis es schmerzt …
Dazu gehört der Hermannplatz:
Nach der Wende kein Wiederaufbau des beeindruckenden Schaefer-Baus, obwohl man die oberen Etagen als Büros hätte vermieten können (: Der Bau wäre in ALLE Kunst- und Stadtführer gelangt, und Karstadt hätte seine Vorstellung vom „Essparadies bis nach Rudow reichend“ einlösen können) – Reaktion der Neuköllner Stadtverwaltung: Sie schaltet RÜCK auf „grünen Hermannplatz“ mit zurückkehrender Straßenbahn und (Gott sei Dank wieder verworfener!) Verlängerung Rixdorfs über die Karl-Marx-Straße bis dorthin.
Solcher Geist macht sich hier breit.
Wenn man allerdings heute mit der alten Größe und Lebendigkeit Schwierigkeiten hat, darf man sich über die kleineren Ergebnisse nicht wundern.
Ich sehe das anders: Berlin hatte einmal Geister wie Messel zu Glanzleistungen ANGEREGT, hier wollte mal Mies mit einer neuen Art von Bau, Hochhaus im Spreedreieck, heraus!
Man muss hier wieder mit etwas herauswollen, dabei sein wollen!
Mehr von Hauptstadt!!
Einst Verkehrseinfallstor!"
Das ist die Leipziger Straße doch immer noch. Dieses Autobahn-Gefühl, wenn Lastwagen hochtourig an einem vorbeidonnern, kriegen Sie doch nirgend in Berlin-Mitte so gut wie an der Leipziger Straße und der sie östlich fortsetzenden Gertrauden-Autobahn.
Kein Wunder, dass sich da kein Geschäftsleben entwickeln kann.
Dagegen kann man in dem verengten Abschnitt westlich der Charlottenstraße Ihre Bebobachtung sehr deutlich nachvollziehen.
Das ist jetzt vielleicht übertrieben, von im Grunde ist es doch so!
> Der Vorschlag der CDU-Fraktion: Das historische Wertheim-Kaufhaus wieder aufbauen.
> Einzig der potenziell zu erwartende Autoverkehr hin zu einem neuen Kaufhaus beunruhige die Linke noch.
Weil dort mal ein Kaufhaus war, muss jetzt dort eines hin, obwohl es keinerlei Einkaufsgegend drumherum gibt, deren Kunden es anlocken könnte. Die Magie des Ortes, an die man hier glaubt, muss ja sagenhaft sein. allein dieses Geschichtsbild
> "Der Leipziger Platz sei mit dem Wertheim-Kaufhaus, das in den Jahren 1896/97 errichtet wurde, seit jeher ein „Kaufhaus der Stadt“ gewesen."
1896 bis 1945, also 49 Jahre, von denen uns auch schon fast 65 Jahre trennen, bestimmen, was in Berlin "seit je" gewesen ist. Gibt es eiegntlich noch geschichtslosere Millionenstädte in Europa?
Da weiß man nicht mehr wohin mit seinem Lachen wenn man das liest.
Die beste Nachricht an dem Ganzen ist doch das der jüngere Kleihues nicht bauen wird, nachdem er unsere Stadt schon mit der sonstwievielten Lochrasterfassade mit art deco retro touch verschönert hat.
sein meisterwerk wird sicher der bundesnachrichtendienst an der chausseestraße.
anstatt zu versuchen diesem block von gigantischen ausmaßen einen menschlichen maßstab zu verleihen, betont er die unendliche reihung der fensterachsen, ordnet das ganze einer Symmetrieachse unter - und heraus kommt ein bürokratenpalast in bester faschistischer manier.
sein entwurf für den leipziger platz hätte sich hervorragend in die angrenzenden gebäude eingefügt - was an diesen aber qualitätvoll ist, muß mir einer mal erklären:
die hauchdünnen natursteinscheibletten die vor die wärmedämmung gehängt werden ?
die prächtigen rigipsinterieurs mit echtholzfurnierter spanplattentäfelung ?
ich weiß es nicht.
was qualität war, würde man sehen, wenn das alte wertheim noch mit seiner ganzen ausstattung stehen würde. da dem aber nicht der fall ist, ist es hoffnungslos bei dem heutigen standard des handwerks einen wiederaufbau zu fordern.
es wäre nur eine billige kopie.
da bleibt nur eine in sich schlüssige und ehrliche antwort:
lasst den investor sein allerweltseinkaufscenter errichten, das kann man in 40 jahren wieder getrost abreissen und dann etwas wirklich qualitätsvolles hinbauen.
Und um Himmels Willen,warum muss unbedingt das alte Wertheim Kaufhaus architektonisch wieder auferstehen ? Man könnte zur Abwechslung mal was wirklich neues bauen.
Mit Banalarchitektur und den immer gleichen Filialisten wird man an diesem Platz keine Maßstäbe setzen können.