Der Senat lässt sich nicht umstimmen: Trotz der Proteste von tausenden Schülern sollen die Mathe-Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss neu geschrieben werden. Die Jungen und Mädchen wollen sich aber noch nicht geschlagen geben.
Berlin -
"Die Ehrlichen sollen die Dummen sein", "Euer Fehler ist nicht unsere Schuld" und "Wer hat versagt? Der Senat. Wer wird bestraft? Wir!!!" Mit Plakaten wie diesen demonstrierten gestern rund 3000 Schüler vor dem Roten Rathaus und der Bildungsverwaltung gegen die Wiederholung der Mathematik-Arbeit für den Mittleren Schulabschluss (MSA). Wie berichtet, waren die Aufgaben bereits im Vorfeld vielen Schülern bekannt. Wie das passieren konnte, ist weiter unklar. Die neuen Aufgaben werden jetzt für alle 28.000 Schüler gedruckt und am 23. Juni morgens per Kurier verteilt.
Simone Schön von der Gustav-Heinemann-Schule in Marienfelde hatte erst aus dem Fernsehen erfahren, dass die Aufgaben vorher kursierten. "Unser Protest wird wohl nichts bringen, aber es geht ums Prinzip", sagt sie. Auch Laura Plößel vom Humboldt-Gymnasium in Tegel hält es für wichtig, dass die Schüler ihren Protest zeigen. Es sei ungerecht, dass alle nachschreiben sollen, denn auf ihrer Schule habe keiner die Aufgaben gekannt.
Ein Schüler der Oskar-Schindler- Schule in Hohenschönhausen sagt, er habe die Aufgaben am Tag vor der Prüfung von einer Freundin per MSN bekommen. "Aber ich war mir nicht sicher, ob die Aufgaben wirklich echt waren. Am nächsten Tag habe ich mich geärgert, dass ich sie nicht auswendig gelernt habe." Auch er findet die erneute Prüfung ungerecht. "Viele haben so hart dafür gelernt.“ Aber er kann dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen. "Vielleicht könnte ich mich ja verbessern.“
"Ich wollte damit nichts zu tun haben"
An der Wilmersdorfer Robert-Jungk- Schule hätten einige "aus der Nachbarklasse" die Aufgaben vorher gehabt, behauptet Mirko, der die Wiederholung nicht gut findet. An seiner Schule hätten die Lehrer Verständnis für den Protest.
Eine Schülerin des Hellersdorfer Oberstufenzentrums Gesundheit II berichtet, eine Freundin habe die Aufgaben gehabt. "Aber ich wollte damit nichts zu tun haben.“ Dass sie die Prüfung nun wiederholen soll, findet sie doppelt ungerecht.
Einen eigenen Vorschlag haben Lena und Vera von der Georg-Friedrich-Händel-Schule aus Friedrichshain: "Es wäre gerecht, wenn es die Möglichkeit gäbe, freiwillig nachzuschreiben und alle anderen ihre Zeugnisnote bekämen“. Diese Variante findet auch Bildungspolitiker Sascha Steuer (CDU) gut. "Es kann nicht sein, dass die Pleiten-, Pech- und Pannenserie in endlosen Auseinandersetzungen mündet, in denen die Schüler die Leidtragenden sind“, findet Steuer.
Mit Sprechchören und Trillerpfeifen machten die Schüler, die sich zum Teil über das "SchülerVZ“ vernetzt hatten, ihrem Ärger Luft. Die Organisatoren der Demonstration übergaben im Anschluss Unterschriftenlisten an Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall. Hauptorganisator Kay-Dennis Cholewinski zeigte sich enttäuscht, dass nicht der Senator selbst vor den Demonstranten erschien.
Neuer Protest geplant
Am Nachmittag war dann klar, dass der Protest nichts gebracht hat. "Die Schulverwaltung hat uns mitgeteilt, dass sie nicht von der Wiederholung abrückt", sagte der Vorsitzende des Landesschülerausschusses Max Wolter. Deshalb wollen die Schüler nochmal protestieren: Donnerstagmittag vorm Abgeordnetenhaus. Außerdem hoffen sie auf den Landeselternausschuss, der gegen die Wiederholung der Klausur klagen will.
Schulsenator Jürgen Zöllner teilte mit, dass nach jetzigem Kenntnisstand an 75 Schulen gemogelt wurde. Ob auch in anderen Fächern ähnliche Pannen passiert sind, darüber gehen die Berichte auseinander. Falls auch die neuen Mathematikaufgaben durchsickern, gibt es bereits Ersatz: Die für diesen Fall bereits vorbereiteten Aufgaben werden dann allerdings nicht gedruckt, sondern am 23. Juni morgens im Internet frei geschaltet. Dann müssen die Schulen schnell an die Kopiergeräte.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.06.2008)
Kommentare [ 8 ] Kommentar hinzufügen »
zudem ist mathematik kein fach, bei dem man innerhalb von 14 tagen wichtige information vergessen könnte, wie es bei jahreszahlen in geschichte oder formeln in der physik der fall sein könnte.
so ärgerlich der vorfall ist, sollte sich doch im grunde jede gruppe für eine wiederholung einsetzen, bei der alle gleiche voraussetzungen und chancen haben.
Jeder der nicht geschummelt hat, dürfte sich später ärgern, wenn ihm ein Ausbildungsplatz vor der Nase weggeschnappt wird, weil sein Konkurrent eine geschummelte eins in Mathe hat.
Und Jeder, der geschummelt hat, sollte besser still sein.
Eine Nachprüfung dürfte also nur im Interesse der ehrlichen Schüler sein, denn sie müssen ja nicht ein zweites mal lernen, sondern das bereits bestehende Wissen höchstens noch erweitern.
dass die schuld für diese situation allerdings beim aufsichtspersonal liegen soll, kann ich nicht vestehen. es ist schließlich nicht die schuld des bestohlenen, dass er betrogen wurde. in einer derartigen opferrolle darf man die schüler also nicht sehen. wer sich die aufgaben beschafft, trägt die verantwortung. und das waren dem augenschein nach schließlich die schüler an 75 schulen.
sind sie da sicher? jene informationen habe ich stets unmittelbar nach abgeben der klausur verworfen...;)
Ich kann die ganze Aufregung echt nicht nachvollziehen. Gerade da in einem so großen Umfang betrogen wurde, sollten doch wirklich alle ehrlichen Schüler erkennen, dass es wenig Optionen gibt. Ich halte das Nachschreiben für die gerechteste aller Lösungen - hier wird einfach ein weiteres Mal geprüft, ob die Schüler den Aufgaben gewachsen sind. Wer es vorher nicht war, hat jetzt sogar eine Chance noch kurzfristig ein wenig Stoff zu lernen, wem die Klausur keine größeren Probleme bereitet hat, sollte mit der Neuen wohl auch keine haben - ansonsten wäre die vorherige Note auch nicht angemessen gewesen.
Eine Klausur an sich bedeutet schon Stress total, die MSA Prüfungen besonders. Es ist kein Zuckerschlecken, diese Prüfungen zu schreiben, auch nicht für die, die in diesem Fach keine Probleme haben. Ich denke, man kann verstehen, dass die SchülerInnen sich einfach weigern, eine Prüfung nachzuschreiben, noch dazu die schwerste unter den drei schriftlichen MSA Prüfungen!, nur weil der Senat (denn da MUSS die "Anfangsschuld" liegen) schlichtweg rumgepfuscht hat und so wichtige Prüfungen nicht sicher verwahrte. Natürlich gibt es auch eine riesige Wut auf alle, die sich die Lösungen davor beschafft haben, aber es gibt viele unschuldige SchülerInnen, die eine normale Wertung aller Prüfungen vom 11.6. befürworten würden, da sie wissen, dass sie selbst eine ehrliche Leistung erbracht haben. Was die Schummler betrifft - wenn es drauf ankommt, fehlt ihnen das Wissen.