Die Nachfrage nach dem neuen Medikament Regividerm in den Berliner Hautarztpraxen ist groß. Den Ärzten fällt es jedoch schwer, Empfehlungen auszusprechen: Es fehlt an aussagekräftigen Studien.
Alle haben sie danach gefragt. Rund 100 Neurodermitis-Patienten behandelt die Dermatologin Sylke Gellrich in ihrer Treptower Praxis. Sie wollen wissen, was es mit dem neuen Medikament Regividerm auf sich hat, das kürzlich in dem ARD-Film „Heilung unerwünscht“ und zwei Tage später von Frank Plasberg in seiner Sendung „Hart aber fair“ vorgestellt wurde und das in Studien positive Effekte gezeigt hat. Laut Apotheker-Verband Berlin gibt es auch in den hiesigen Apotheken Anfragen. Doch Sylke Gellrich sagt: „Ich habe so gut wie keine Informationen zu diesem Medikament, deswegen kann ich es auch nicht empfehlen.“ Wie ihr dürfte es vielen Berliner Hautärzten gehen.
Menschen, die an der Hautkrankheit leiden, greifen nach jedem Strohhalm. Neurodermitis, auch Atopisches Ekzem genannt, ist eine chronische Erkrankung, rund drei Prozent der Bevölkerung leiden daran. In Berlin sind es rund 100 000. Bei Kindern liegt die Zahl höher, doch häufig verschwindet die Krankheit beim Übergang in die Pubertät, die Haut stabilisiert sich. Aber eben nicht bei jedem. Der Name Neurodermitis verweist noch darauf, dass man im 19. Jahrhundert davon ausging, die Krankheit sei nervlich bedingt. Diese Ansicht ist inzwischen widerlegt, die Ursache der Erkrankung aber immer noch nicht vollständig geklärt. Die Gene der Eltern spielen eine große Rolle, aber auch nicht in allen Fällen.
Neurodermitis tritt verstärkt während der Heizperiode auf, wenn die Zimmerluft trockener wird. Die Haut trocknet aus und fängt an zu jucken. Schlaflosigkeit kann die Folge sein. Kratzen macht es schlimmer, ein Teufelskreis entsteht. Risse bilden sich, in die Bakterien eindringen können. „Dann treten entweder Entzündungen auf oder die Oberfläche der Haut verfärbt und vergröbert sich“, sagt Barbara Hermes, Chefärztin der Klinik für Dermatologie am Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Die schweren Fälle, deren Haut von Kopf bis Fuß betroffen ist, werden im Krankenhaus behandelt. Rund 200 Fälle im Jahr sind es laut Barbara Hermes im Klinikum im Friedrichshain. Der Normalfall ist aber, dass die Patienten vom Hautarzt eine Salbe verschrieben bekommen, die die Haut pflegt und feucht hält. Bei Entzündungen werden entzündungshemmende Medikamente eingesetzt, die Wirkstoffe wie Cortison oder Ichthyol enthalten.
Unter anderem deswegen hat Regividerm so ein Aufsehen erregt. Denn Kortison gilt vielen als gefährlich. Wird es zu lange angewendet, kann es die Haut verdünnen. Regividerm ist kortisonfrei. Es enthält eine Kombination aus Avocadoöl und Vitamin B12, die dazu führen soll, dass die Entzündungen abschwellen. Außerdem soll es nebenwirkungsarm sein.
Peter Altmeyer gibt sich skeptisch-distanziert. Der Direktor der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität in Bochum hat die bisher einzigen Studien zur Wirksamkeit von Regividerm durchgeführt – 2001 mit 49 Patienten und kürzlich mit 13 Patienten. „Das Einzige, was wir sagen können, ist, dass das Medikament eine gewisse Wirksamkeit gegenüber dem Placebo gezeigt hat“, sagt er.
Ab diesem Monat soll Regividerm in Apotheken erhältlich sein, aber nur als Medizinprodukt. Das bedeutet, dass es jeder auf eigene Rechnung kaufen kann, dass es aber möglicherweise wirkungslos bleibt. Die Zulassung als verschreibungspflichtiges Arzneimittel dürfte lange auf sich warten lassen. Peter Altmeyer rechnet damit, dass sie „wahrscheinlich gar nicht“ kommt – weil die Datenlage einfach nicht ausreicht.
Auch Barbara Hermes fordert mehr Studien: „Das wäre der seriöse und richtige Weg.“ Als positives Beispiel nennt sie die Calcineurin-Inhibitoren, die ebenfalls kein Kortison enthalten und seit 2002 die Therapieoptionen deutlich erweitert haben. Sie wurden in mehreren großen Studien getestet.
Udo Badelt
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.11.2009)
Kommentare [ 3 ] Kommentar hinzufügen »
Außerdem habe ich den Eindruck, dass der Autor hier entweder einige Dinge durcheinanderbringt, oder dass er sich ungenau äußert:
Alle! Cremes oder Salben, die keine verschreibungspflichtigen Stoffe beinhalten, sind nach seiner Diktion Medizinprodukte, das heißt, sie sind gar nicht verschreibungspflichtig - der Patient muss sie immer selber bezahlen. Auch wenn der Hautarzt Salbenmixturen verschreibt (weil er dem Apotheker die Inhaltsstoffe vorgibt), müssen selbst bezahlt werden.
Insofern verstehe ich seine Skepsis bezüglich der Verschreibungsfähigkeit von Regividerm nicht. Aufgrund der Zutatenliste (soweit sie immer noch mit dem im Internet veröffentlichten Rezepturen übereinstimmt) wird Regividerm niemals verschreibungspflichtig sein, und zwar nicht, weil die Datenlage so dünn ist, sondern weil es einfach keinen Grund gibt, sie unter Rezeptpflicht zu stellen.
Wer heilt hat recht.
Wenn geweihtes Wasser aus Lourdes - ohne Rezeptpflicht - hilft, dann könnte ja auch die neue Wundersalbe helfen.
Ich verstehe die Einwände nicht. Soll doch jeder Neurodermitiker selbst entscheiden, ob er das ausprobieren will oder nicht.
Und der verantwortliche Redakteur sollte genauer nachfragen, allein schon, um seine Leserschaft nicht zu verunsichern.
Der Koteau vor Experten ersetzt keine eigene Recherche, solange man auf dem Gebiet nicht sattelfest ist.
Und der WDR lässt sich vor den Karren eines Buchautors und der Hersteller spannen. Die Salbe würde nie eine Zulassung als Medikament erreichen und so irgendwann als Kassenmedikament durchgehen, also wurde ein Film beim WDR platziert damit die Betroffenen in Hoffnung ihr eigenes Geld darin versenken. Ob solche Menschen nun ehrenwerter sind, als die großen Pharmafirmen, darf angezweifelt werden.
Sehr interessanter Zapp Beitrag dazu - Diesmal vom NDR:
Zapp - Heilung doch erwünscht? - \"Medienskandal\" oder \"Agendasetting\"?