Erfunden in den USA, Wirklichkeit bereits in Potsdam: "Gated Communities", kleine Straßendörfer für Wohlhabende, die sich vom Rest der Gesellschaft abschotten. Auch in Berlin sind die geschlossenen Luxusquartiere mit Doormen und Eingangsschranken auf dem Vormarsch.
Die Tafel der Klingelknöpfe zeigt, wer hier am Drücker ist. In drei Doppelreihen sind die Bewohner-Namensfächer angeordnet, darüber prangt einsam das Klingelschild des „Doorman“.
Die Prenzlauer Gärten, eine schneeweiß gestrichene „Townhouse“-Siedlung am Volkspark Friedrichshain, ist ein kleines Straßendorf für Wohlhabende mitten in der Stadt. Rund 60 Reihenhäuser und 40 Etagenwohnungen schmiegen sich um die rostrot asphaltierte Straße „Am Schweizer Garten“. Um das Dorf herum ist ein mannshoher Zaun gezogen, am Eingang gibt es ein Rolltor zum Abschließen und ein Pförtnerhäuschen. Die Anlage ist gerade fertig geworden und zieht schon viele neugierige Besucher an, die hier Berlins erste „Gated Community“ vermuten. Außerdem wohnen hier Schauspieler und Popstars.
Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia definiert Gated Community als ein „Siedlungszentrum der Ober- oder Mittelschicht, welches durch Sicherheitseinrichtungen und Absperrungen – wie Alarmanlagen, Mauern, Zäune, Kameraüberwachung, privates Sicherheitspersonal – von der übrigen Gesellschaft separiert ist.“ Das Prinzip wurde in den USA erfunden und in alle Länder mit sozialen Spannungen erfolgreich exportiert.
„Die Prenzlauer Gärten funktionieren wie ein stinknormales Berliner Mietshaus“, sagt Projektsprecher Willo Göpel, um mit gelangweilter Ironie hinzuzufügen: „Der Doorman ist weder uniformiert noch bewaffnet.“ Seine Aufgaben seien eher mit denen eines Hausmeisters vergleichbar. Außerdem solle er dafür sorgen, dass in der Wohnstraße nicht „wild geparkt“ werde. Die privat finanzierte Straße ist nämlich öffentlich, ebenso wie der kleine Spielplatz auf halber Höhe. Das „Gate“, das Tor zur Wohnstraße, steht derzeit 24 Stunden lang offen. Geplant ist, es nachts abzuschließen und mit einem Chipkartensystem zu betreiben.
Die Bewohner sind etwas genervt von der medialen Aufmerksamkeit. Eine Frau mit Sonnenbrille und Einkaufstüte schiebt ihren Buggy entschlossen am Reporter vorbei, um dann überraschend kehrtzumachen. „Das ist hier ein Paradies für Familien und billiger als Altbauten am Kollwitzplatz.“ Die Nachbarschaft sei „sehr homogen“. Die meisten wohnen schon länger in Prenzlauer Berg, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, haben kleine Kindern und gut bezahlte Jobs. Medienleute, Anwälte, Künstler und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Das Tor und der Doorman hätten niemanden zum Kauf bewegt, sagt die Frau mit Sonnenbrille. „Nix mit Elite grenzt sich ab und so.“ Im Prenzlauer Berg mache Abgrenzen gar keinen Sinn – „von wem denn?“
Eine Nachbarin steckt ihre Füße in den Sandkasten und schaut zu ihren Kindern, die am Springbrunnen spielen. Das Tor könnte verschwinden, findet sie, inklusive Doorman, „viel zu teuer“. Aber hier wohnen doch reiche Leute? „Bei mir wird nur die Bank reich.“ Nachher hat sie noch einen Termin mit einem Bausachverständigen. Es gibt viele Mängel in der Wohnanlage und Streit darüber, wer sie beseitigen muss.
PR-Experte Willo Göpel hat vor Jahren schon mal eine hochpreisige Wohnanlage betreut, die Paul-Lincke-Höfe in Kreuzberg. Dort stand das Zugangstor jahrelang offen, auch nachts. Nach mehreren Einbrüchen war es dann plötzlich abgeschlossen, erzählt Göpel. So werde es wohl auch in den Prenzlauer Gärten kommen.
Das Thema Sicherheit wird in einigen der neuen Luxuswohnanlagen in der Innenstadt offen angesprochen. Das Projekt „Marthashof“ an der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg firmiert unter „Urban Village“ und wirbt mit den Vokabeln „Sicherheit“ und „Privatsphäre“. Zum Schutz der künftigen Bewohner wird es Bewegungsmelder, eine Videogegensprechanlage und – optional – einen Conciergedienst geben. Der öffentlich zugängliche Dorfanger, rund 3000 Quadratmeter groß, soll abends abgeschlossen werden. Bauherr Ludwig Stoffel empfindet die Vorkehrungen als die übliche Kriminalitätsprävention. Berlin brauche keine Gated Communities. „Abschließen ist der falsche Weg. Marthashof soll keine Yuppie-Enklave werden.“ Die links-alternative Szene sieht dennoch ihren angestammten Kiez rund um die Kastanienallee in Gefahr. Gegen den Marthashof hat sich eine Anwohnerinitiative gebildet.
Die einzige „Gated Community“, die alle oben beschriebenen Anforderungen erfüllt, ist bislang die Villensiedlung „Arkadien“ am Glienicker Horn in Potsdam. Drei Doormen teilen sich den 24-Stunden-Dienst an den Überwachungsmonitoren. Gäste müssen bei ihnen angemeldet werden. Der Zaun ist elektronisch gesichert. Wer hier wohnt, ist so reich, dass es sich nicht mehr verbergen lässt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.08.2008)
Kommentare [ 57 ] Kommentar hinzufügen »
Im übrigen ist ganz Europa eine riesige gated community.
Aber derartige Ansiedlungen im urbanen Raum, sind eine Beeinträchtigung der Gesamtheit der städtischen Bürger. Ihnen wir verweigert, einen Teil ihres Lebensraum (und das ist nun mal die ganze Stadt) zu betreten.
Nichts gegen Doormen, nicht mal gegen Videoüberwachung privater Flächen, aber der Zutritt MUSS uneingeschränkt gewährleistet sein, auch wenn man niemanden besuchen will oder dort zu liefern hat.
Sozialneid?
Nee,
nur vehementer Gegner jeder Einschränkung urbaner Lebensweise.
Die Stadt ist ein unteilbares Ganzes!!!
Bitte? Der Zugang zu privaten Flächen muss uneingeschränkt gewährleistet sein? Dann lassen Ihre Wohnungstür mal immer schön nur angelehnt!
Wieviele ganz normale Wohnhäuser, gerade die mit mehreren Hinterhöfen, also den "Prenzlauer Gärten" durchaus vergleichbar, sind stadtweit auch nicht frei zugänglich? Bis vor einigen Jahren waren die auch noch mit einer stets präsenten Hauswartsfrau ausgestattet. Die heißt heute nur neumodisch "Door(wo)man".
"My home is my castle" - das gilt für den Kreuzberger Hinterhof genauso wie für "Gated Communities", die im Prinzip dasselbe sind.
Wär ja noch schöner, wenn jeder überall reinlatschen dürfte!
dann wissen wir - der Feind kann nur noch im Innern lauern...
Darum sind mir z.B. die Sportvereine ja so wichtig.
Ach so,
"Edelsportarten":
gerade bei den Wespen LSU und Hertha kann man sehr wohl in anderen Sportarten als Vereinsmitglied "schnuppern" und bei Talent, sehr schnell gefördert und integriert werden...
Gruß
und schönen Sonntag
wünscht Dir
dali
also noch mal:
findet z.B. sasel, dass irgendjemand das Recht hat EINEN URBANEN RAUM, den Zugang durch die urbane Bevölkerung zu entziehen.
es ist also nicht die Frage, ob das prinzipiell gerechtfertigt oder was auch immer ist,
sondern nur,
ob man dem Raum, der seit 3000 Jahren per se allen gehört,
Lebensraum entziehen darf.
Darauf eine "Neiddebatte" aufzubauen, ist alles, nur eines nicht,
gerechtfertigt...
nicht gleich auf Wowi eindreschen,
kann man hinterher auch noch machen...
Oder die Karre und das Haus einfach offen zu lassen.
Das find' ich schon spannend, vor allem entspannend,
aber das muss doch nicht unbedingt mitten in der Großstadt sein...
wenn das grundstück einen eigentümer hat, entscheidet er/sie und nur er/sie, wer da rauf darf und wer nicht!
bei einem einfamilienhaus würde ja schließlich auch niemand auf die idee kommen, ein zutritt zum grundstück zu fordern, am besten noch in die küche ;-)
hier haben sich nun eine vielzahl von menschen gefunden, die in einer community nach bestimmten regelungen zusammen leben wollen.
wer bitte darf ihnen das verbieten?
richtig, NIEMAND!
Igeln sich Leute in einer Wagenburg auf fremden Grund ein, ist das klasse, schotten sich Leute auf ihrem eigenen (!) Grund, wohlmöglich in attraktiven Häusern, die eine optische Bereicherung für das verkommene Stadtbild sind, ab, ist das verachtenswert.
Irrsinn, der besonders in Berlin ganz normal ist...
1. Die Gegend ist erst durch die Bebauung frei zugänglich geworden. Vorher war sie gesperrt.
2. Die Bewohner (2 kenne ich) arbeiten hart und haben sich hoch verschuldet - sie sind keine Millionäre. Zudem treten diese Berufstätigen über die Hälfte ihres Einkommens dem Staat ab. Berlin braucht diese Menschen, nicht zuletzt, um weiterhin für die Bedürftigen sorgen zu können.
3. Warum bauen neuerdings Familien in der Innenstadt? Ganz einfach: Benzin ist teuer und die Eigenheimzulage gibt es nicht mehr.
Liebe Diskutanten, hören Sie bitte auf, Menschen zu beleidigen, nur weil diese anders leben als die selbst. Zollen Sie anderen den Respekt, den Sie Sich für Sich selbst auch wünschen.
Herzliche Grüße: Ihre Mitleserin
der rest hier ist einfach nicht auszuhalten.
die sollten mal den Steuerberater wechseln.
auch herrscht hier nicht nur bei krefelderin ein etwas befremdliches Verständnis des urbanen Raumes. Das ist eben keine Klitsche, um die man ein Zaum zieht, das ist Teil einer Sozietät.
wenn die Geschäfteleute und Kneipiers der Gegend Humor hätten, würden sie ein Schild an die Tür machen,
"Betreten für Wohlstandsknastis verboten",
erst dann nämlich würden diese Menschen, die garantiert (das sage ich ohne sie zu kennen) nur zu einem ganz geringen Teil aus Berlinern bestehen dürften, merken, was Urbanität bedeutet...
Wie bereits richtig erwähnt wurde, kann man auf seinem eigenen Grundstück fast alles tun und lassen was man möchte.
Trotzdem: Für mich zählt hier einzig die Diskussion um das Spannungsverhältnis von (Privat-)Eigentum einer- und Gesellschaft andererseits.
Bald werden wir Studien und Statistiken der Stadtsoziologie bekommen, die die Folgen evtl. mangelnder Durchmischung durch gated Communities beklagen. Oder eben im Gegenteil keine unmittelbaren Wirkungen bescheinigen.
Nüchtern betrachtet unterscheiden sich Gated-Communities von Eigenheim-Grundstücksbesitzern nur in der Zahl; Theoretisch sind alle Sicherheitseinstellung auch in ersteren umsetzbar.
Bundesgesetze muss man dazu gar nicht ändern, maximal liegt es im Zuständigkeitsbereich des Landesgesetzgebers.
MfG
Diemo Schaller
Das interessiert mich wirklich wenig.
Das hat die Stadt/der Staat selbst versaut, indem er Sozialbunker schaffte und auf eine Durchmischung der Stadt mit insbesondere sozial schwachen Deutschen und Ausländern verzichtet hatte.
Diese Diskussion erinnert mich ganz stark an eine um die Schulsituation.
Viele deutsche und ausländische bildungsnahen Eltern ziehen mit ihren Kindern in Bezirke mit geringerem Ausländeranteil in den Schulen.
Wer will es ihnen verdenken?
Die Frage sei jedoch gestattet: Wem würde es helfen? Wenn die Neubauten (hier vollkommmen falsch als "Gates Communities" bezeichnet) dort nicht entstünden, hätte darum der Geringverdiener, der Erwerbslose keinen einzigen Euro mehr in der Tasche.
MFG: Krefelderin
es geht um den Umgang mit urbanem Raum.
Die Stadt als solche kennt solche Exklusionen nicht, sie sind ihr wesensfremd.
es hat auch nichts mit dem Begriff Privatbesitz zu tun. Auch eine "Privatstr." ist eine öffentliche, hat nur unterschiedliche Haftungsrisiken.
Hier aber wird der Versuch unternommen, urbane Infrastrukturen zu nutzen im Bewusstsein und der Haltung eines Reihenhausbesitzers der seine Gartenwege vor Fremden schützt.
So bleibe ich denn dabei,
eigentlich könnte nur ein Boykott sämtlicher dort Wohnenden durch sämtliche urbanen Einrichtungen, diesen Menschen klar machen,
gegen welchen Konsens sie verstoßen...
Welche Stadt meinen Sie? Nur Berlin? Oder alle Städte? Seit wann soll dieser Leitsatz gelten? Schon immer? Seit 1968? Seit eben?
Abgeschlossene Räume oder halböffentliche Flächen sind international üblich, seien es die privaten Parks in London oder die nur den Anwohnern zugänglichen "Community Gardens" in New York. Auch sind geschlossene Wohnanlagen weltweit Standard.
Noch weit bis in 20. Jahrhundert waren auch in Berlin nicht oder nur begrenzt öffentlich zugängliche Grünflächen und Wohnanlagen gang und gäbe.
Woher haben Sie ihre Erkenntnisse?
Droht mir jetzt Ihr Boykott?
und was die Community Gardens in London und New York anbelangt, sollte jan wirklich noch mal etwas genauer hinsehen,
die heißen nämlich ausdrücklich nicht "Privat Gardens"...
Ich möchte nicht arrogant erscheinen, aber ich kann es manchmal verstehen, dass Leute mit Geld sich diesem Wahnsinn entziehen wollen. Hätte ich das Geld, ich würde es auch tun.
MFG
es ist wirklich so: eine Familie spart durch solche eine Wohnung keine Steuern. Die Tilgung für selbst genutztes Wohneigentum ist steuerlich nicht absetzbar, im Gegensatz zu der Tilgung für vermietetes Wohneigentum.
MFG
wie sollte ein solcher Boykott ihrer Ansicht nach aussehen?
1. der gerade an der vorletzten station zusammen geschlagene busfahrer hält für die gate-community nicht an.
2. der 14 stunden am tag arbeitende eckitaliener weigert sich für die zugegeben spendable gate community zu kochen.
3. die staatliche schule nimmt keine gate-community kinder auf.
etc. etc. etc...
Diese Bewohner verweigern sich den Konsequenzen von Urbanität, wollen sie aber nutzen. Das ist zueinander unverträglich.
Außerhalb der Stadt oder an ihrem Rand mögen sie diese tun,
nicht aber in der Innenstadt,
Einleuchtend?
Zur Finanzierung,
wenn man das 08/15 finanziert stimmt krefs. Einwand,
wenn man aber ein wenig nachdenkt, und das sollte man, wenn 'ne schlaffe halbe Mio. zu finanzieren ist, sucht man sich besser einen Profi, (nein nicht den von der Bausparkasse, sondern den gerissenen Steuerjunkie) und dann tun sich da doch noch diverse Möglichkeiten auf.
Und @karl
es ist nichts gegen eine Concierge einzuwenden, im Gegenteil, nicht aber vor den Freiflächen und Durchgängen.
Das allein ist hier der Knackpunkt!!!
Privatvillen in Meerbusch bei Düsseldorf und Ratingen-Hösel haben Nachtsicht-Kameras. Dort wohnt ein Herr Flick.
Weiter gibt es bei diversen Abendveranstaltungen von Verbänden, Banken, Lobbyisten Einladungslisten, sodass auch hier nicht jeder rein kommt.
Lieber Berliner, seid doch bitte nicht so naiv.