Am Rande der Großdemo "Freiheit statt Angst" am Samstag kam es offenbar zu Übergriffen der Polizei, die durch ein Video belegt wurden. Als erste Reaktion müssen zwei Beamte vorerst "neue Aufgaben" übernehmen.
Zwei wegen Körperverletzung im Amt beschuldigte Polizisten sind in andere Dienststellen versetzt worden. Sie hätten vorläufig neue Aufgaben übernommen, sagte am Montag Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Den beiden Beamten wird vorgeworfen, Teilnehmer der Demonstration "Freiheit statt Angst" am Wochenende in Berlin verprügelt zu haben.
Eine Privatperson hatte die Szenen aufgenommen und das Video ins Internet gestellt. Darauf sei ein Mann zu sehen, "der nichts getan hat, und der massiv angegangen wird", sagte Polizeisprecher Frank Millert dem Fernsehsender N24. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden zwei Demonstranten verletzt. Ein 37-Jähriger kam ins Krankenhaus. Der andere Mann ist nach Polizeiangaben noch nicht namentlich bekannt.
Ermittlungen laufen auf Hochtouren
Nach Darstellung Neuendorfs laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Anhand des Videos werde derzeit der Ablauf geprüft. Außerdem würden Kollegen der beschuldigten Beamten, die sich während des Einsatzes in unmittelbarer Nähe aufhielten, befragt. Auch suche die Polizei Zeugen unter den Demonstranten, die Angaben zum Geschehen machen könnten. Die Ermittlungen lägen in der Verantwortung eines speziellen Fachkommissariats des Landeskriminalamtes, das sich ausschließlich mit Delikten befasse, die von Beamten begangen worden sein sollen..
"Wir haben ein hohes Interesse an der Aufklärung", betonte Neuendorf. Ein mögliches Fehlverhalten werde "nicht toleriert". Allerdings gingen Genauigkeit und Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Nach den Ermittlungen der Polizei werde das Verfahren an die Staatsanwaltschaft übergeben, die dann ihrerseits ermittele. Bisher sei die Staatsanwaltschaft mit dem Fall nicht befasst, sagte Sprecher Martin Steltner. Er könne derzeit auch nicht bestätigen, dass bei ihr eine Anzeige erstattet wurde. Nach Abschluss der strafrechtlichen Untersuchungen ist auch ein disziplinarrechtliches Verfahren gegen die Betroffenen möglich.
10.000 Demonstranten liefen friedlich durch Mitte
Der gewalttätige Einsatz der Polizei spielte sich bei der Abschlusskundgebung gegen 18 Uhr am Potsdamer Platz ab. Die Vorfälle werden ein politisches Nachspiel haben: Die Innenpolitiker aller Fraktionen wollen auf ihrer nächsten Ausschusssitzung darüber sprechen und fordern Polizeipräsident Dieter Glietsch zu rückhaltloser Aufklärung auf.
Nachdem laut Polizeiangaben die 10 000 Demonstranten – die Veranstalter sprechen von mehr als 20 000 – von 15 Uhr bis 18 Uhr über die Ebertstraße zum Bebelplatz und über den Spittelmarkt zurück zum Potsdamer Platz gelaufen waren, gingen Polizisten zunächst gegen Teilnehmer des rund 3000 Menschen umfassenden Antikapitalistischen Blocks vor. Vier Insassen eines Lautsprecherwagens wurden laut Teilnehmerberichten aus dem Auto gezerrt und in Handschellen gelegt. Die Polizei, die mit 900 Beamten anwesend war, verweist auf Angriffe mit Flaschenwürfen aus der Menge. Man habe den Lautsprecherwagen „überprüft“, aus dem heraus zu Straftaten aufgerufen worden sei. Ein Demo-Teilnehmer berichtete, dass aus dem Wagen die Durchsage gekommen sei, dass „jemand einen Kasten Bier bekommt, der das Fahrrad von Ströbele zum Lautsprecherwagen bringt“. Das sei ironisch gemeint gewesen. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele war ebenfalls auf der Demo, hat davon aber nach eigenen Angaben „nichts mitbekommen“.
Niedergeschlagener Mann hatte zuvor nach Dienstnummer gefragt
Nach den vier Festnahmen – insgesamt gab es 19 – soll ein 37-jähriger Mann mit Fahrrad die Beamten nach ihren Dienstnummern gefragt haben. Auf dem Video bei Youtube ist zu sehen, dass der Mann einen Block bei sich trägt und sich mit dem Fahrrad von den Beamten entfernt. Dann wird er von einem Polizisten am T-Shirt gepackt und zu Boden gezerrt. Augenzeugen sprechen davon, dass der Mann „zu Boden geboxt“ worden sei.
Die Polizei hat Ermittlungen wegen Körperverletzung im Amt eingeleitet, widerspricht aber dieser Version: Der Mann sei einem Platzverweis nach mehrfacher Aufforderung nicht gefolgt und deshalb festgenommen worden - Der Mann bestreitet dies. Er behauptet, sich jederzeit nach den polizeilichen Weisungen gerichtet zu haben.
Dabei habe ein Unbekannter versucht, den 37-Jährigen zu befreien. Das habe die Polizei „mittels einfacher körperlicher Gewalt“ verhindert. Auf dem Youtube-Video ist dieser Unbekannte mit deutlich blutender Nase zu sehen. Die Veranstalter der Großdemonstration, zu der 165 Initiativen und Parteien wie Grüne, Linke, FDP und Piratenpartei aufgerufen hatten, sind „bestürzt“ über die Vorfälle und fordern Aufklärung.
Grüne: Wer so austickt, hat bei der Polizei nichts zu suchen
Der Grünen-Abgeordnete und Innenexperte Benedikt Lux nahm ebenfalls an der Großdemo teil. „Ich stand etwa 50 Meter vom Tatgeschehen entfernt“, berichtete Lux. Nach dem Vorfall sei seine Forderung eindeutig: „Ich erwarte, dass dieser Fall geprüft und aufgeklärt wird. Zudem muss der prügelnde Polizeibeamte aus dem Dienst entfernt werden. Wer so austickt, ohne etwa mit der Waffe bedroht zu werden, hat bei der Berliner Polizei nichts zu suchen“, sagte Lux.
Dass Beteiligte ihre Handykameras bereits zu Beginn der Szene eingeschaltet hatten, erklärte Lux so: „Es hat bereits zuvor kleinere Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Mitgliedern des schwarzen Blocks gegeben, offenbar gab es da eine Rudelbildung, die die Beamten verhindern wollten.“ Bereits dieses Hin und Her zwischen Linken und Beamten hätten einige mit ihren Kameras und Handys dokumentiert.
„Wenn es Übergriffe gegeben hat, muss das im Innenausschuss besprochen werden“, sagte FDP-Innenpolitiker Björn Jotzo. Er sei aber vorsichtig mit Vorverurteilungen. Auch die Innenpolitiker Thomas Kleineidam (SPD) und Marion Seelig (Linke) sowie Ausschussvorsitzender Peter Trapp (CDU) erwarten auf der nächsten Ausschusssitzung in einer Woche Informationen vom Polizeipräsidenten.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.09.2009)
Kommentare [ 286 ] Kommentar hinzufügen »
Der Festgenommene ist, entgegen der Darstellung der Polizei, der Aufforderung des Platzverweises nachgekommen.
Aber wer soll dann bei der Polizei Dienst tun? Wollen Sie (in dieser Stadt) als Polizist für Ordnung sorgen und der Abkassierer des Staates und der Prügelknabe der Nation sein?
Ich erwarte ihre zustimmende Antwort ... ;-))
Das zu Boden bringen war nicht übertrieben, geschlagen wurde nicht. Also viel Lärm um nichts.
Im Allgemeinen und besonders im internationalen Vergleich ist der Berliner Polizeibär recht gemütlich. Speziell wenn man bedenkt, wie und von wem der sich ständig ankreischen lassen muss…
http://www.youtube.com/watch?v=Dz4yq_s8na4&feature=related
"Dabei habe ein Unbekannter versucht, den 37-Jährigen zu befreien. "
das sieht man in den Sekunden 31-33 im Video , leider ist dann ein Teil verdeckt , aber man sieht wie der Polizist von dem 2ten Opfer angegangen wird. Das Gesicht kann man kaum sehen , aber die markanten Ärmel sind eindeutig.
Und was der sog. "Befreiung" angeht: Wenn man sich friedlich zurückzieht (und das auf Anweisung) und so angegangen wird, hat man als Bürger Zivilcourage zu zeigen - AUCH DER POLIZEI GEGENÜBER (die eben ihr absolutes Recht auf das Gewalt monopol nicht immer rechtfertigen [s. Video auf YouTube]).
Außerdem sah keiner der Betroffenen so aus, als wären Sie aus dem schwarzen Block gewesen! Auch das kann jeder halbwegs normal denkende Mensch von ganz alleine erkennen!
Es war mal wieder eine Gewaltorgie seitens der Polizei in Berlin, die ein sehr, sehr großes Gewaltproblem in sich birgt!
Es sollten vielleicht bei Demonstrationen nicht nur Polizisten mit erkennbaren Dienstnummer anwesend sein, Nein, ich plädiere sogar dafür, daß die Polizisten nach ihrer politischen Ausrichtung für solche Einsätze sondiert eingesetzt werden müssten. Vielleicht kommen Linke mit Linken besser ins Gespräch? Denn eins ist auch bekannt - viele dieser Haudegen in den Polizeieinheiten haben eher eine rechtsorientierte Einstellung zur Politik! Und die freuen sich natürlich, wenn's dann mal losgeht und sie den Knüppel schwingen dürfen.
Gewaltorgie...so ein Unsinn
In die Verhörabteilung ?
irokesenfrisur,muskel bepackt,und dumm wie brot, ist in meinen augen keine respektsperson oder mein freund und helfer,oft genug erlebt und gesehen.Braucht man nicht die mittlere reife für den polizeidienst,oder gibts da auch schon ausnahmen?
Ausserdem frage ich mich wodurch die Polizisten denn "verarscht" werden?
- Dadurch, dass ein Mann nach der Dienstnummer fragt? Ist ja ne Frechheit, dass er das ihm zustehende Recht einfordert!
- Oder etwa dadurch, dass der Radfahrer offensichtlich dem Platzverweis nachkommt und die Szene verlassen will. Unerheuerlich, dass er sich den Anordnungen beugt.
Für beides hat er natürlich Prügel verdient.
Das kann man auch genau umgekehrt sehen.
Wenn es Teile der Bevölkerung autonome Kriminelle decken, die aus ihren Reihen heraus Polizisten attakieren, dann fehlt mir auch der Respekt vor dieser Bevölkerung.
Auf der einen Seite fordert man hartes Durchgreifen der Polizei gegenüber gewalttätigen Straftätern, auf der anderen Seite greift man die Polizei an, wenn sie es tut.
Sie meinen also dort Autonome gesehen zu haben? Zeigen Sie mal. Weder "schwarzer Block" noch vermummte sind zu erkennen.
Allgemein gesprochen habe Sie nicht Unrecht.
Autonome, die Straftaten begehen, was ja häufig der Fall ist, sind autonome Kriminelle. Diese dürfen nicht gedeckt werden. Sie schaden uns allen.
Metua heest der nic :-)
Gruß
Met
Das wird jedoch nicht der einzige Grund sein, warum auf Demonstrationen gefilmt und fotografiert wird, aber die weiteren Gründe sind ja auch Privatangelegenheit der jeweiligen Beteiligten. Oder wollen sie sich dafür rechtfertigen müssen, wann, wo und wen sie im bspw. im Urlaub in einem Freizeitpark oder auf einer Sportveranstaltung mit ebensovielen Menschen fotografieren?
Und wie ich bereits zu einem anderen Artikel geschrieben habe:
Das Filmen und Fotografieren auf Demonstrationen ist dezentral und geschieht auch nur temporär. Ganz im Gegensatz zu dem Umstand, gegen den protestiert wird: u.a. eine ständige, zentrale und organisierte Überwachung durch staatliche Institutionen und/ oder von Unternehmen.
Sie ist eine Institution die vom Volk mit privilegien Ausgestattet wird um dem Volk zu dienen, in dem sie für seine Sicherheit sorgt. Sie existiert also nicht zum selbstzweck. Der Sourverän, der ihr Sonderrechte einräumt hat somit nach meiner Auffasfung auch das recht diese Instituion zu überwachen, was sie mit ihren Sonderrechten macht.
Auf der Demonstration wird gegen den Gläsernen Bürger Demonstriert, da das bestreben die Bevölkerung zu überwachen nicht legitim ist. Es ist jedoch eine legitime Forderung des gläsernen Staat zu verlangen, in dem jeder Bürger unbegrenzt das Recht an einblick in die Institutionen des Staates zu haben.
Die Politiker haben doch alle was zu verbergen, warum sollten sie sich freiwillig in die Karten schauen lassen?
Wir sind der Souverain, jedoch das Gewaltmonopol besitzen diese Staatsorgane ... leider ohne ausreichende Kontrolle und leider auch ohne die Möglichkeit von der Haftungsinanspruchnahme der Verantwortlichen.
Wenn der Staat Fehler macht, haftet er eben nicht! Legitimiert durch ein riesiges Aufgebot seiner Machtstrukturen!
Vom Volke gewählt, um gegen das Volk zu arbeiten!
Meine Schlussfolgerung, begegnest Du einem Polizisten, ist Eigensicherung die erste Devise. Nicht Anschauen, nicht ansprechen, nicht auf Fragen antworten, so tun als wäre er nicht da - und die Handycamera einschalten.
Damit keine Missverständnisse auftreten. Ich war noch nie auf einer Demo, bin kein junger Mann und sehe stinknormal aus. Trotzdem fühle ich mich von den Polizeischlägern bedroht, denn das müssen ja wohl Sadisten. Wer weiß, wo die noch alles zuien (und es keiner filmmt).
Kritisch ist meiner Ansicht nach nur der Schalg ins Gesicht, wobei ich bei genauem hisnehen im youtube-video (leider schlechte Qualtiät) glaube zu erkennen, das er nicht die Faust ins Gesicht kriegt, sondern lediglich die Armbeuge, dass wäre dann wirklch eher ein verwirrender Schlag um die Situation unter Kontrolle zu bringen als eine Gefährdung. Und nach einer kurzen hefitgen Aktion war wieder Ruhe.
Also besonders schlimm finde ich es bei mehreren Malen hinschauen nicht, eine Utnersuchung ist aber angemessen und die Ergebnisse müssen natürlich kritisch sein, auch der Polizei gegebnüber.
Gleiches Recht für alle würde ich mal sagen.
Die Polizei läuft doch auch mit Kameras rum.
Was hat ne Kamera mit Verarschen zu tun ??
Zumal bei der schwere der Straftat:
Nicht befolgen eines Platzverweises.
Aber vielleicht schauen Sie sich doch mal lieber das im Artikel verlinkte Video an!
Da werden sie noch viel mehr Gemeinheiten des Radfahrers erkennen: man sieht nämlich auch die Quarzhandschuhe und Stahlkappenstiefel des Radfahrers mit den er die Polizisten angreift! Wirklich wahr!
Ein wenig Smalltalk entschärft solche Situationen schnell. Somit komme ich eigentlich zu dem Ergebnis, dass der aller größte Teil der Polizisten sind korrekt verhält. Bei einer entsprechend großen Gruppe von Menschen sind allerdings früher oder später "Idioten" dabei. Dies zeigte sich z.B. bei dem Video vor ein par Monaten von übergriffen durch einen Polizisten an eine Person, wobei der Polizist auch noch Rückendeckung durch zwei Kollegen im Kampfanzug hatte. Besonders schlimm wird es, wenn Schusswaffen im Einsatz sind und wie in Silvester jemand zu Tode kommt.
So klein der Teil der "Idioten" in der Polizei auch sein mag, leider setzt nach dem was passiert ist ein viel dramatischerer Effekt ein, nämlich ein Korps geist, dass ein Polizist nur ungern gegen den anderen Aussagt. Dies ist z.B. auf Demonstrationen zu beobachten oder bei SEK einsätzen, wenn am Ende jemand schwer verletzt ist und kein Polizist davon etwas gesehen haben will. Wäre die Wahrnehmung der Polizisten allerdings so beschränkt, wundert es mich dass sie dann nach mehreren Minutes zwei Schüler identifizieren konnten, die angeblich einen Molotow-Cocktail geworfen haben sollen.
Jedem Demonstranten ist es zu recht verboten Schutzbewaffnung (Protecktoren, Helm) etc. zu tragen und sich zu vermummen. Es ist legitim, dass Polizisten geschützt sind, allerdings nach meinem befinden nicht, dass sie vermummt Teil einer anonymen Masse in Uniform werden, was die Identifikation im Falle einer Straftat nahezu unmöglich macht.
Und natürlich sind es gerade die Negativfälle die besonders hohe wellen schlagen, da wenn ein Polizist mit der Deckung seiner Kollegen Straffällig wird dies eine besonderes Ohnmachtsgefühl für das Opfer bedeutet.
Allerdings geht da nicht so recht daraus hervor, was der Mann mit Fahrrad vor der Aktion gemacht hat.
Faszinierend finde ich, dass Lux erst Aufklärung fordert um im gleichen Satz schon Folgemaßnahmen zu fordern. Wenn mal die Politiker mit ihren Beschlüssen so schnell wären...
http://www.youtube.com/watch?v=JNSW8KaAZ-U&
Und man sieht was für eine Agressivität von einigen Passanten ausgehen.