Die Bilanz der Berliner Intensivtäterabteilung ist düster: Allen Anstrengungen zum Trotz werden immer mehr junge Menschen gewalttätig. Lässt sich der Trend durch härtere Gesetze umkehren?
Berlins Ermittler kommen bei der Verfolgung immer neuer Serientäter offenbar nicht hinterher. Laut einer internen Analyse der Generalstaatsanwaltschaft steigen die Zahlen deutlich: Gab es im Mai 2006 noch 3608 Kriminelle in Berlin, die mindestens fünf Mal als Gewalttäter aufgefallen sind, standen im 2007 bereits 4330 Serientäter auf der Liste. Das entspricht einer Steigerung von 20 Prozent.
Anhand dieser neuen Zahlen hat der Chef der Berliner Intensivtäterabteilung auf einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung im Dezember eine düstere Bilanz gezogen: „Alle Anstrengungen haben es nicht vermocht, dem rasanten Anstieg der Täterzahlen spürbar entgegenzuwirken“, sagte Oberstaatsanwalt Roman Reusch. „Dramatisch“ gestalte sich die Entwicklung bei den sehr jungen Tätern: Gab es im Juni 2007 noch 2191 Mehrfach-Gewalttäter unter 21 Jahren (darunter 31 Kinder), war die Zahl nur drei Monate später auf 2362 Kandidaten (darunter 46 Kinder) angewachsen.
Auch in Berlin gibt es keine Einigkeit darüber, wie man kriminelle Karrieren am besten verhindern kann. Das Jugendstrafrecht sieht eine stufenweise Steigerung vor: von der Ermahnung über Freizeitarbeit zum Arrest und der Jugendstrafe. Was laut Reusch bei seiner Klientel ins Leere zielt. „Es gibt nur eine einzige Maßnahme, die beeindrucken könnte: die Haft.“ Der Ankläger plädiert dafür, das Gesetz so zu ändern, dass man Jugendliche künftig auch nach der ersten schweren Straftat wegsperren kann.
Bei der Richterschaft stoßen Rufe nach Strafverschärfungen eher auf Skepsis. „Beim Jugendstrafrecht geht es um Erziehung, nicht um Strafe“, sagt Peter Faust, Vorsitzender des Berliner Richterbunds. Eine Erhöhung des Strafhöchstmaßes von zehn auf 15 Jahre oder eine Absenkung des Strafmündigkeitsalters von 14 auf zwölf Jahre sei „Unsinn“. Die Einführung des sogenannten Warnschussarrests sei dagegen „verhandlungsfähig“, aber Sache des Bundes. Ein Umdenken sei zurzeit im Gange, was die Anwendung des Jugendstrafrechts bei Straftätern bis 21 Jahren betrifft. „Das ist zu großzügig gehandhabt worden“, sagt Faust. Eine generelle Anwendung des Erwachsenenstrafrechts bei Jugendlichen lehnt der Strafrichter dagegen ab.
Die steigenden Täterzahlen haben die Strafverfolger überrascht: Als 2003 bei der Staatsanwaltschaft die Intensivtäterabteilung gegründet wurde, ging man von 200, höchstens 300 jungen Serientätern aus, denen jeweils ein Polizist und Staatsanwalt zugeordnet wurde. Inzwischen stehen auf der Liste 501 Kandidaten, denen zehn Gewalttaten und mehr zugeschrieben werden. Jetzt haben Justiz und Polizei nachgelegt und das „Schwellentäterkonzept“ auf Berlin ausgeweitet. Künftig sollen sich Ermittler auf Jugendliche konzentrieren, die bereits fünf Mal durch Gewalttaten aufgefallen sind.
Noch vor einigen Jahren wurden Berlins Jugendrichter oft für ihre Nachsicht getadelt, inzwischen ist von „Kuschelpädagogik“ nicht mehr viel zu spüren: Bei den Serientätern hat sich eine ständige Unterbringungsquote von etwa 50 Prozent etabliert, das heißt: Rund die Hälfte der Jugendlichen sitzt derzeit. Seit 2003 haben die Ermittler mehr als drei Viertel ihrer Klientel zwischenzeitlich in einem Gefängnis oder geschlossenem Heim untergebracht. „Die Praxis zeigt, dass die Verhängung der Jugendstrafe in Berlin deutlich schärfer geworden ist“, sagt Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD).
Ordnet ein Gericht Heimunterbingung an, werden die Kinder und Jugendlichen in der Regel in Brandenburger Einrichtungen gebracht. Voraussichtlich will Berlin auch ein eigenes Heim für kriminelle Kinder in Brandenburg öffnen. Seit einem halben Jahr arbeitet die Jugendverwaltung an dem Konzept, geizt aber mit Details. „Wir werden im Laufe des Januars darstellen, wie wir die Betreuung in Heimen verbessern wollen“, sagt Behördensprecher Kenneth Frisse.
Für eine Verschärfung des Jugendstrafrechts spricht sich CDU-Generalsekretär Frank Henkel aus. „Die meisten Straftäter können mit Bewährungsstrafen nichts anfangen.“ Henkel fordert im Regelfall die Anwendung des Erwachsenenstrafrechts bei Straftätern. Nur in Ausnahmefällen dürfte das Jugendstrafrecht angewendet werden, sagt auch FDP-Rechtspolitiker Sebastian Kluckert. Als „Unfug“ bezeichnet Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann die generelle Anwendung des Erwachsenenstrafrechts. Oberste Priorität sei die Vermeidung von Jugendkriminalität.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.01.2008)
Kommentare [ 28 ] Kommentar hinzufügen »
Seit Hartz4, Überwachungswahn und dem Rechtsruck in Deutschland kann ich aber für nix mehr garantieren.
Dies wäre dann die Wahrnehmung meines Rechts als unbescholtener Bürger gemäß Grundgesetz, § 20 (4).
Wenn man also einen gesetzlichen Spielraum für die Verhängung einer milderen Sanktion für irgendwelche Untaten eröffnet, dann wird der Richter im Zweifel diesen Spielraum bei der Be- und Verurteilung des vor Gericht stehenden Einzelfalls nutzen müssen - egal ob Herr Henkel eine nur ausnahmsweise Anwendung des Jugendstrafrechts fordert oder nicht.
Das ist die Pflicht des Richters - dafür wird er bezahlt.
Die politischen Dummschwätzer dieses Landes sollten aufhören, sich populistisch zu Dingen zu äußern, von denen sie erkennbar nichts verstehen und mit denen sie die Bürger aus parteitaktischen Erwägungen für dumm verkaufen.
natürlich droht jetzt wieder zensur. Ich frage aber trotzdem nochmals: Warum ist es ein Erfolg, wenn nur 50% der Serientäter aus dem Verkehr gezogen sind? Für wen ist das ein Erfolg? Die Lobby?
Zur Zeit haben aber viele nicht wirklich die Wahl. Sinnvolle Freizeit ist nicht bezahlbar, Jugendeinrichtungen werden weggespart und Eltern und Schule mit wechselseitigen Schuldzuweisungen so miteinander beschäftigt, dass dabei die Kinder vergessen werden.
Einen Absatz weiter, gab es im gleichen Jahr 2007 2.191 Mehrfach-Gewalttäter, also wieder Intensiv- und Schwellentäter, auch wieder unter 21 Jahren.
Frage: Welcher Altersgruppe gehören die 2.139 Täter an, die als Differenz bleiben?
Welches Konzept hat die Justizsenatorin bei der Unterbringung jugendlicher Straftäter?
Wie differenziert sie die unterschiedlichen Gruppen?
Welche Mittel gab es dafür im Haushalt schon, welche hat sie zusätzlich für die Umsetzung ihres Konzeptes eingefordert?
Welche Art der Zusammenarbeit mit Jugendämtern hat sie vorgefunden, was hat sie dort geändert, welche Änderung wird sie zukünftig anstreben?
Welche auf dem Fachgebiet jugendliche Intensiv- oder Mehrfachtäter sachkundigen Mitarbeiter arbeiten im direkten Umfeld der Justizsenatorin, welche hat sie besonders gefördert oder eingestellt?
Wie werten die ihre Mitarbeiter die Entwicklung im Intensivtäter-Bereich aus, welche Rückkoppelungen und Ergebniskontrollen gibt es in Bezug auf die derzeit durchgeführten Maßnahmen oder Strafarten? Gibt es Erfolgskriterien und auf welcher fachlichen Basis sind diese festgelegt worden?
Ostdeutsche Obrigkeitshörigkeit ala "die Partei hat immer Recht" gepaart mit Westdeutschem Turbokapitalismus anstelle von Ostdeutscher Menschlichkeit mit Westdeutschem Fortschritt - anders anstatt uns das Beste aus beiden Staaten auszusuchen haben wir es vorgezogen das destruktive zu kultivieren... Da kommt die Quittung direkt in die Fresse wenn man Pech hat..
Ergo sind weder präventive noch repressive Maßnahmen durchführbar und wir alle diskutieren um des Kaisers Bart.
Ja, auf den ersten Blick könnte das stimmen; auf den 2. Blick natürlich nicht. Der Oberstaatsanwalt ist für Jugendliche zuständig, also nicht mehr für junge Leute über 21 Jahre, denn hier endet das Jugendstrafrecht. Die meint er natürlich nicht.
Leider haben Sie die Frage nicht gelöst. Es gibt aber eine richtige Lösung! Versuchen Sie es doch noch einmal.
Integration ist keine Einbahnstraße, so muss auch der deutsche Bürger die Bereitschaft aufbringen, Einwanderer als Mit-Bürger anzuerkennen.
Das tun Sie leider nicht. Ich kann mich noch an das Zitat eines franz. Literaten erinnern, dass Sie hier so gerne anführen. Und genau so denken Sie auch über Einwanderer. Also, warum beklagen Sie sich? Warum sollen die mehr Respekt vor Ihnen haben, den Sie auch nicht aufbringen?
dabei lernte ich z.B., wie wunderbar Lammkopf, mundgerecht zubereitet , schmecken kann.
Auch wurden, selbst bei den damals noch recht frisch angekommenen Türken vorhanden Sprachrudimenten, Gespräche, auch über Politik und "Frauen", geführt.
Väter versuchten, dass ihre Kinder einen möglichst gute Ausbildung erhielten, ließen ihnen, SOGAR MÄDCHEN!!!, von uns Nachhilfeunterricht erteilen.
Jetzt kam einer der Fehler des Senats:
Er ließ es mit seiner Wohnungspolitik zu, dass Ghettos entstanden.
Was aber folgte, ist auch den Immigranten anzulasten.
Bei vielen Familien wurde es nicht mehr nötig, eine Ausbildung zu haben, er konnte ja immer im Gemüseladen des Onkels...
Irgendwann gab es genügend Gemüseläden und durch die entstandene Parallelgesellschaft war es (insbesondere für Frauen und Mädchen)nicht mehr nötig, Integration zu suchen.
wird fortgesetzt...
Der Mann ist abgezockt bis zum geht-nicht-mehr und Auskunft über seine Moralbegriffe findet man, wenn man sich u. a. des hessischen Spendensumpfs erinnert.
Da Koch & Co. doch so gern von "Erziehungslagern", "schärferen Strafen" etc. reden, zeigt, dass sie in der Schule das verstanden haben: Pferde sind von hinten aufzuzäumen.
Und leider war das Bildungssystem der Bundesrepublik auch nicht in der Lage, ihnen beizubringen, dass man die Ursachen bekämpft und nicht die Symptome.
Was man ihnen an ihren Schulen und in ihrem Elternhaus aber durchaus erfolgreich beigebracht hat, ist, dass z. B. Skrupel zu den Sünden zu zählen sind, die man besser nicht begehen sollte, wenn man es in Deutschland zu etwas bringen möchte.
Sie haben es ganz weit gebracht.
Und sie greifen niemanden körperlich an.
Her mit der Knete!!! Für die Bildung!!! Nicht für Knäste oder Erziehungsanstalten!
"Zwangsehen" und "verkrustete patriarchalische Strukturen" ich wünsche keinem von euch dass euer Sohn/Töchterchen, sich fürchterlich in alten (auch Geld-) Adelsspross, oder auch die Tochter eines Holsteiner Großbauern verknallt. Was da dann unternommen wird, um die auseinander zu bringen, ist schon reif für Frau Pilcher (allerdings ohne Happy End
und "Ehrenmord" heißt bei uns "Familiendrama aus Eifersucht", kommt mindestens 2X wöchentlich vor.
Sicher gibt es erhebliche Fehlleistungen bei den Immigranten,
die Frage ist nur, was war zuerst da, das Ei oder die Henne.
Fest steht,
was heute ist, ist Chaos und alle haben keine vernünftige Idee, keinen Plan dies zu verändern,
nur gegenseitige Schuldzuweisungen...
Ich habe nicht den Eindruck, dass 'karasaleh' die 'Ausländer' an sich verteidigt, sondern durchaus differenziert urteilt, sich auch den Hintergründen widmet.
'jungles' Kommentar finde ich zwar in Teilen überarbeitungswürdig, reduziere ihn aber auf den letzten Satz: "Respekt, das ist das, was wir fordern dürfen".
Damit hat er Recht.
Aber das gilt gerade auch umgekehrt.
Verallgemeinerungen fallen zwar leicht, helfen aber nicht weiter.
Da es recht viele Menschen gibt, deren Bildungsniveau und Gewaltpotential erschreckend ist, wäre mein Plan: Deutlich mehr Geld für eine kostenlose Bildung! Und einen sehr, sehr hohen Zwang, diese Bildungsangebote (frühestmöglich [Krippen, Kindergärten]) wahrzunehmen.
Und - Sorry - Deutsch als Pflicht-/Umgangssprache.
Das wäre eine gewisse "Bildungsversicherung" - wenn auch keine "Anti-Gewalt-Versicherung".
BTW: Dass 'dali' seinen Kommentar mit "Kinder, Kinder ..." (ff.) beginnt, das finde ich auch - respektlos.
Lieber karasaleh, Sie tun das, was Sie anderen vorhalten: Sie machen Unterstellungen, ohne irgendetwas über mich zu wissen. Ich bin mit einigen Migranten befreundet, die hier studiert haben und sehr gut deutsch sprechen. Ich glaube, die sehen diese Dinge auch etwas anders als Sie. Was mich an Ihnen stört ist, dass bei Ihnen Opfer zu Tätern, Täter zu Opfern werden. Was nicht heißt, dass unsere Sozialpolitik nicht auch irgendwo ihren Teil zum Dilemma beiträgt.
wollt ihr mir allen ernstes erzählen das man kriminellen jugendlichen - ob nun deutsche staatsbürgerschaft oder türkische oder weiß ich welche - die eine strafakte haben die so dick ist wie die bibel noch eine chance geben sollte??!! die ausländer sofort ausweisen ohne wenn und aber und den einheimischen sofort eine saftige strafe aufbrummen. ich weiß nicht ob wir in deutschland so wenige probleme haben das wir uns um diese sachen kümmern.
was ist mit dem alten mann der von zwei ausländern vorm u-bahnsteig verprügelt wurde? sollten die beide noch ne chance bekommen? also bitte...
dies ist kein rechtsorientierter kommentar aber ich könnte einfach kotzen wie lasch unsere gesetze sind.
armes deutschland echt!!